Antje Wagner: Unland

Antje Wagner: Unland

Antje Wagner: UnlandHaus Eulenruh in Waldburgen in der Nähe von Wittenberge ist eine Erziehungsstelle, ein Wohnprojekt für Kinder und Jugendliche, das von den Sozialpädagogen Vera und Andreas Kämpf geleitet wird. Die vierzehnjährige Franka, die Erzählerin, ist die Neue im Projekt, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Pflegemutter von Berlin aufs Land geschickt wird. Das Eingewöhnen ist schwer genug, zumal jedeR in dieser Gruppe eine eigene Geschichte mit sich rumschleppt: Das schwerst traumatisierte Geschwisterpaar im Kindergartenalter, das nur untereinander spricht, Berührungen nicht aushält.

Der misshandelte Junge, der in der Pubertät das Haus seiner Eltern angezündet hat, wobei Vater und Mutter verbrannt sind. Der Vater der Zwillinge hat deren Mutter ermordet. Franka versucht den Tod des kleinen Bruders zu verarbeiten und zu vergessen, dass ihre Mutter sie nie gewollt hat.

 

Dies alles sind nur die Rahmenbedingungen. Ansonsten sind die BewohnerInnen von Eulenruh ganz normale Jugendliche: Lizzie verliebt sich ständig in Jungs und versteht was von Mode. Franka hilft dem Förster, liebt ihr Fahrrad und lässt sich die Haare kurz scheren. Und eigentlich steht sie auf Ricardo, den Sprayer. Ann liebt Valerie, mit einer herzerfrischenden Selbstverständlichkeit wird der lesbische Plot erzählt.

Und Matthias pflegt eine Cyberbeziehung zu Selina. Alles ganz normal? Die BewohnerInnen des Projekts, die Eulen, wie sie sich selbst nennen, werden ausgegrenzt. Sie sind die anderen im Dorf. Fast nebenher lässt Antje Wagner ihre Protagonistin in einem Schulvortrag erzählen, wie sich Normalität konstruiert und dass es dazu des Anderen bedarf. Wie im Wald, wo die hohen Bäume in der Mitte nur gedeihen können, wenn Sträucher am Rand ihnen Schutz geben. Monokulturen sind nicht widerstandsfähig. Ein schönes, einprägsames Bild.

Wenn all das schon mehr als genug Stoff für einen Roman gegeben hätte, beginnt nun erst die eigentliche Geschichte, denn Unland ist ein Thriller, bei dem die Eulen das Geheimnis ihres Dorfes und seines dunklen Gegenstücks Unland aufdecken. Allerdings geraten sie selbst dabei in große Gefahr und ob sie sich daraus wieder befreien können, bleibt am Ende offen. Es wird ein wenig mystisch, es geht um ethische Fragen und welche will, kann sich auch richtig gruseln. Die Auslegung bleibt der Leserin ein Stück weit überlassen.
Keine leichte Kost, aber lesenswert. Spannend und das Beste, was ich bisher von Antje Wagner gelesen habe.

Antje Wagner. Unland. Bloomsbury Kinder- & Jugendbücher. Berlin Verlag GmbH. Berlin. 2009

gelesen von Elke Heinicke