Barbara Linnenbrügger (Hg.in): Wo wilde Weiber wohnen. Geschichten von und über Frauen rund um den Odenwald.

Noch immer nehmen Frauen nicht den ihnen gebührenden Platz in der Geschichtsschreibung ein, werden sie und ihre Leistungen übergangen und totgeschwiegen. Geschichtsbücher und Museen kranken oft noch an einer gähnende Langeweile verbreitenden Blutarmut, da sie sich allzu sehr einer männerdominierten Geschichtsschreibung und damit einer Aneinanderreihung von Herrschaftsfolgen und Schlachten verschrieben haben. Wie aber lebten die Menschen zu jener Zeit, was taten die Frauen, wie lernten und spielten die Kinder? Welche Leistungen wurden von herausragenden oder auch ganz durchschnittlichen Frauen vollbracht? Dies sind Fragen, denen Frauen miteinander in den Frauengeschichtswerkstätten nachgehen. Jedoch bleibt es in den Werkstätten nicht bei der Recherche, sondern Frauen eignen sich ihre Geschichte an, um daraus zu lernen, um ihren Platz in der Gegenwart zu finden und die Zukunft mitzugestalten.

Wie dieser Prozess in den Frauengeschichtswerkstätten Odenwald gestaltet wurde, lässt das Buch anschaulich nachvollziehen. Für Frauengruppen, die ein ähnliches Projekt planen, ein nützliches Arbeitsmittel, das sicherlich kritisch gelesen und auf die eigene Situation angewandt werden muss. Bei Sätzen wie Mit den theaterpädagogischen Übungen versuche ich die kreativen Ressourcen der Teilnehmerinnen anzusprechen und stärke dadurch ihr Selbstbewusstsein. aus der Feder der Werkstattleiterin stellen sich mir jedenfalls die Nackenhaare auf, nach Eigenmacht klingt das irgendwie nicht.

Alle, die im Odenwald wohnen oder gern dort unterwegs sind und mehr über die wilden Weiber wissen wollen, werden nicht enttäuscht werden: Auf den Buchseiten begegnen ihnen u.a. die erste weibliche Posthalterin, Lebkuchenbäckerinnen, Zigarrendreherinnen, Politikerinnen, Butterfrauen, eine Aeronautin und Luftradlerin, eine Hebamme, die Putzfrau des Regionalbähnleins namens „Lieschens“, benannt nach der Frau eines Stationsvorstehers.

Adelige Frauen aus Vergangenheit und Gegenwart werden vorgestellt, insbesondere mit ihrem sozialen Engagement, ebenso Dichterinnen, Malerinnen, Bedienstete, die ihr Leben mit den Herrschaftshäusern verbunden hatten. In diesem Abschnitt bleibt der Text allerdings etwas oberflächlich und wenig reflektiert.

Insgesamt wurden vielfältige Materialien zusammengestellt – von Texten, Gedichten, Literaturquellen hin zu Fotos, Dokumenten und methodischen Hinweisen. Hinter dem dynamischen Gemälde von Manuela Meyer-Schwenk auf dem Cover stecken eine Fundgrube voller Ideen und jede Menge Frauenpower.

Barbara Linnenbrügger (Hg.in). Wo wilde Weiber wohnen. Geschichten von und über Frauen rund um den Odenwald aus der Frauengeschichtswerkstatt Odenwald. Christel Göttert Verlag. Rüsselsheim. 2010

 

gelesen von Elke Heinicke