Bettina Kremberg, Marion Stadlober-Degwerth (Hrsg.innen): Frauenvorbilder für die Wissenschaft

Der Weg in eine Wissenschaftlerinnenkarriere ist für junge Frauen auch heute noch dornig und gepflastert mit Stolpersteinen. Was die Gleichstellung in Hochschulen und Forschung betrifft,  bildet Deutschland das Schlusslicht in Europa. Obwohl ihre Schul- und Studienabschlüsse besser sind, wird die Luft dünn schon in der Promotionsphase und danach allemal. Unflexible, an der Normalbiografie eines jungen Mannes orientierte Arbeitsbedingungen, Vorurteile und ungerechte Verteilung der Reproduktionsarbeit in der Familie sind Gründe, wenn Frauen scheitern. Angehende Wissenschaftlerinnen brauchen Vorbilder, um all diese Hürden erfolgreich nehmen zu können. Dieser aus einer Idee der Wissenschaftlerinnenwerkstatt  der Hans Böckler Stiftung 2007 geborene Sammelband fasst Beiträge zusammen, die sich mit Vorbildern beschäftigen. Wissenschaftlerinnen schreiben über ihre Vorbilder, an ihre Vorbilder oder über ihre Beziehung zu Vorbildern, in Form eines Essays, einer Reflexion, eines Gedankensplitters, einer Biografie, eines Briefes oder fiktiver Geschichte.

Spannend liest sich die Biografie Irène Joliot-Curies, der Entdeckerin der künstlich erzeugten Radioaktivität und Politikerin wider Willen. Untersucht wird, inwieweit Erika Mann dem Typus der Neuen Frau entsprach, mit dem Fazit, dass sie mit ihrem antifaschistischen Bekenntnis darüber hinaus wuchs.

Eine Autorin reflektiert, inwieweit ihr eigener Werdegang durch die Ideen Maria Montessoris geprägt wurde, ohne dabei auf eine kritische Hinterfragung von Schwächen ihres Vorbilds zu verzichten. In einem Brief an Christa Wolf werden sowohl DDR-Vergangenheit als auch die Schwierigkeit, als Frau Ich zu sagen, reflektiert. Junge Wissenschaftlerinnen beschreiben, wie sie andere Frauen, Lehrerinnen und Mentorinnen an deutschen Hochschulen erlebt haben, was sie gestärkt, was in ihrer Entwicklung behindert hat. In einem Kapitel beschreiben die Töchter der Wissenschaftlerinnen ihre Sicht auf Vorbilder. Am Beispiel der Kanutin Birgit Fischer, der erfolgreichsten Olympia-Sportlerin Deutschlands, wird gezeigt, wie schmal der Grat ist zwischen Vorbildrolle und Vermarktung des Vorbilds in der Werbung. Action Girls wie Lara Croft oder Kira Nerys werden auf ihren Abenteuern begleitet mit der Erkenntnis, dass den neuen Heldinnen viel erlaubt ist, dass sie aber am Ende gezähmt werden, sexualisiert, monogamisiert, heterosexualisiert. Schade, aber dennoch von Zeit zu Zeit inspirierend…

Wundervoll, mit welcher Lebendigkeit Silke Riemann in ihrer Fiktion aus dem Alltag einer Juniorprofessorin plaudert und damit alles sagt, was es zu Genderrollen im Lehrbetrieb zu sagen gibt. Nehmen wir es mit einem Schmunzeln und tun wir was dagegen. Was? Der Sammelband gibt Antworten: Netzwerken. Mentoring. Das Recht auf Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaftskarriere einfordern. Vorbilder schaffen!

Bettina Kremberg, Marion Stadlober-Degwerth (Hrsg.innen). Frauenvorbilder für die Wissenschaft. Budrich Uni Press Ltd.. Opladen & Farmington Hills. 2009

gelesen von Elke Heinicke