Britta Minges: Patchworkfamilien in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart.

Zunächst einmal wird geklärt, was Familie ist – nämlich ein intergenerationeller Zusammenhang zwischen mindestens einer Elternperson und einem Kind, welche zusammen wohnen und zusammen wirtschaften. So weit, so gut. Es wimmelt dann also von Protagonistinnen, seltener Protagonisten (Jungen lesen weniger Bücher über Familiengeschichten, wird von der Autorin diesbezüglich vermutet.), deren Eltern sich trennen, trennen wollen, getrennt leben, sich probehalber trennen. Trennungsgründe sind vielfältig – von Karriereabsichten der Mutter bis Arbeitslosigkeit und Alkoholismus des Vaters in Berlin/Marzahn. Viele Kinder gehen recht souverän mit der jeweiligen Situation um. Besonders selbstständig sind die Kinder von alleinerziehenden Eltern, die Töchter von alleinerziehenden Vätern übernehmen dann zum Teil gleich ein Stück Verantwortung für ihre Väter.

Alleinerziehende Mütter vermitteln ihren Töchtern oft die ersten Lektionen im Feminismus. Es gibt Bücher mit ganz jungen Müttern, die selbst noch zur Schule gehen. Es gibt unterstützende Großeltern, aber vor allem bei alleinerziehenden Müttern auch Konflikte mit den Großeltern. ProtagonistInnen pendeln in Patchworkfamilien zwischen den Haushalten der Mutter und des Vaters sowie den jeweiligen neuen PartnerInnen und Kinder. Es gibt Adoptiveltern und gar eine Kinderbande als Ersatzfamilie, Rollentausch zwischen den Elternteilen.

Die Kinder- und  Jugendliteratur bildet die Realität ab, ist der realen gesellschaftlichen Entwicklung sogar voraus. Aber schon ein genauerer Blick auf das Cover hätte mich stutzig machen können. Regenbogenfamilien fehlen komplett. Keine lesbische Mutter, kein Coming out eines Elternteils… Bleibt zu hoffen, dass es im Literaturangebot nicht genauso aussieht und nur die Autorin auf diesem Auge blind war. Wenn es der Leserin gelingt, über diesen Mangel hinwegzusehen, kann das Buch helfen, die richtige Lektüre für den Schulunterricht oder zu beschenkende Kinder auszuwählen.

 

Britta Minges, Patchworkfamilien in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Angewandte Literaturwissenschaft. Bd. 6. Studienverlag. Innsbruck. Wien. Bozen.  2010

 

gelesen von Elke Heinicke