Archiv der Kategorie: Die Vergangenen

Demobeitrag 2008 Dresden

 

Liebe Lesben!

Im Herbst vergangenen Jahres feierten wir 100 Jahre Lesbenbewegung – mit einem beeindruckenden Geschichtsbuchprojekt des Querverlags und einem riesigen Fest in Berlin.

100 Jahre Lesbenbewegung – ein schöner Anlass zu erinnern. 1908 waren Lesben inspiriert von den Vorreiterinnen der ersten Frauenbewegung. Aufgrund des Vereinsgesetzes trafen sie sich in privaten Zirkeln, häufig getarnt als Spar- oder Wanderverein. Ob sie wohl die weltweit erste lesbenpolitische Rede der Anna Sprüngli von 1906 kannten?

1918 wurde endlich die Presse- und Versammlungsfreiheit in Deutschland durchgesetzt. Das eröffnete auch für Lesben neue Möglichkeiten. In großen Städten entstanden Lokale und Treffpunkte. Ein Jahr dauerte es noch bis zum Erscheinen des Romans „Der Skorpion“. 1928 tanzten Lesben zum Italienischen Abend im Frauenklub Violetta. Sie sangen das „Lila Lied“, die Hymne der Homo-Emanzipation und lasen mit glühenden Wangen das neu erschienene Buch „Quell der Einsamkeit“. Gedenken wir derer, die ihr Coming-out im Jahre 1938 hatten. Lokale und Treffpunkte wurden in der Zeit des Nationalsozialismus geschlossen und seit 1937 konnten selbst nicht straffällig gewordene Personen wegen abweichender Lebensweise verhaftet werden, darunter zahlreiche Lesben.

1948 war eine Frau ganz selbstverständlich Hausfrau und fürsorgliche Mutter. Keine rosigen Zeiten für Lesben! Trost spendete wenigstens die Zeitschrift „Die Freundin“. 1958 wurde jedes Wochenende in Damenfreundschaftslokalen getanzt, geflirtet und geliebt. Öffentliche Sichtbarkeit und Anerkennung von Lesben waren noch Zukunftsmusik.

1968 flog die Tomate und die 2. Frauenbewegung war geboren. Viele Lesben schlossen sich ihr begeistert an. 1978 pilgerten die Lesben im östlichen Teil Deutschlands zum Treffen nach Mahlsdorf, während lesbe im westlichen Teil ihre Liebste auf einem der legendären Frauenfeste kennen lernte und mit ihr zu den Klängen der Flying Lesbians in den Liebeshimmel schwebte. Lesestoff gab es im neu eröffneten Frauenbuchladen Amazonas in Bochum.

1988 waren die Lesben in der DDR Lieber öffentlich lesbisch als heimlich im DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands). Sie hörten Jugendradio DT64, trafen sich im Sonntags-Club oder in Lesbengruppen unter dem Dach der Kirche. Auf den Film „Coming-out“ mussten sie genauso wie auf die Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes in der Berliner Volksbühne noch ein Jahr warten. Im Westen war lesbe radikalfeministisch, Bewegungslesbe aus Überzeugung. Sie fuhr zum LFT nach Münster und wurde Mitfrau im Lesbenring, der inzwischen als bundesweiter Dachverband gegründet worden war.

1998 las lesben Ariadne-Krimis, abonnierte „Lespress“, hatte bei „Kommt Mausi raus?“ an der Mattscheibe geklebt, fuhr zum OstLesbenCamp und war natürlich in einem der zahlreichen Lesbenprojekte aktiv.
Wir begrüßen alle Lesben, die ihr Coming-out im Jahr 2008 gefeiert haben! Sie kennen die L-Word-Mädels. Sie dürfen sich verpartnern. Sie bringen Lesbys zur Welt, informieren sich online, vernetzen sich und sind neugierig auf 100 Jahre Lesbengeschichte.

Erinnern wir uns!

Es gibt eine Menge zu erzählen.
Und – jedes Jahr ist ein gutes Jahr für ein erfolgreiches Coming-out.

Elke Heinicke, Pressesprecherin des LR e.V.
Lesbenring-INFO Juni/Juli 2008

Kulturlesbenspektakel – Podiumsdiskussion auf dem LFT 2008 Dresden

In einer spannenden und lebhaften Podiumsdiskussion diskutierten miteinander und mit dem Publikum:
Sybille Wais vom Lesbenkaufhaus, Bea Trampenau als die Gründerin verschiedener Lesbenprojekte und -vereine, Gwendolyn Altenhöfer als Schlampenkulturschaffende und Märchenerzählerin, Jule Blum als Geschäftsführende Vorstandsfrau des Lesbenring e.V., Ulrike Janz, die den Bochumer Frauenbuchladen geführt, die Ihrsinn herausgegeben hat und in-zwischen auch Tanzpädagogin ist, Jenny Oepke für den Lesbenfrühling e.V., Ange Hesling als Landlesbe und Gründerin des Künstlerinnenprojektes Tartart, Hilke Pleken vom Elblesbenspektatkel und Andrea Krug als Verlegerin. Moderiert wurde die Diskussionsrunde von Elke Heinicke vom Lesbenring e.V.

Was ist das Besondere an Lesbenkultur und ist sie rebellisch wurde da gefragt,über Lesbenräume und ihr Verschwinden, Lesbenkultur im Internet und die Sichtbarkeit von Lesben heute wurde diskutiert, über einen Lesbenfeiertag und seine möglichen Formen nachgedacht.

Am Kulturbeutel von Ulrike Janz zum Beispiel zeigt sich, was Lesbenkultur für sie ist: etwas Schickes und Besonderes und gleichzeitig etwas Alltägliches – Lesbenkultur vereint beide Qualitäten.

Andrea Krug erinnerte an die ungeheure Leistung und wahnsinnige Vernetzungsarbeit, die hinter der Tatsache steht, dass wir heute alles auf lesbisch machen können: Bücher, Tanzen, Kino, Kneipen, Kurse, Konzerte, Sport, … Deutlich wurde in der Diskussion aber auch, dass viele Lesben- und Frauenräume verloren gegangen sind und ihre Anzahl heute wesentlich geringer ist als in den 70/80er Jahren. Bea Trampenau machte deutlich, dass Kultur solche Fixpunkte, Treffpunkte, eine Infrastruktur braucht, von der aus sich Vernetzung und Inhalte entwickeln und ausbreiten können. Inwieweit die virtuellen Denkräume des www dafür Ersatz sein können oder sind, blieb strittig.

Auch das Rebellische an Lesbenkultur wurde unterschiedlich beurteilt. Solange an Schulen die gleichen homophoben Schimpfworte wie vor 20 Jahren Konjunktur haben, solange Lehrerinnen nur in Ausnahmefällen an ihrer Schule out sind, solange ist das Sichtbarwerden als Lesbe Rebellion.

Aber wollte die Lesbenbewegung nicht viel mehr als sie angetreten ist? Nicht Toleranz und Akzeptanz, sondern eine andere Gesellschaft?

Würde es sich nicht lohnen, noch einmal darüber nachzudenken? wandten Einige ein. Immer wieder betont wurde die wertschätzende Umgangsweise miteinander, die Lesben sich erarbeitet haben – egal ob es um die Diskussionskultur auf dem LFT oder im Beginenhof geht.

Ob um die Vielfalt in Beziehungsmodellen oder die Überwindung patriarchaler Körperbilder – das Kulturschaffende ist die Etablierung neuer Werte und Umgangsweisen. Wäre das alles nicht Grund genug, Lesben mit einem Lesbenfeiertag zu feiern?

Auch da kamen viele Gedanken, die es sich lohnt weiter zu denken … Lesbenjahr ist Lesbentag meinte Ange Hesling und plädiert dafür, den Alltag intensiver zu leben.

Feiern ist immer gut und ein gemeinsames Datum müsste sich doch finden lassen, warf Gwendolin Altenhöfer ein.

Wenn das ein Tag mit staatlicher Anerkennung ist, hat das durchaus seinen Reiz, findet Bea Trampenau, schließlich hat der Staat bis heute die Verantwortung für die Verfolgung von Lesben in der Nazizeit nicht übernommen. Oder doch lieber einen lesbischen Tag der Arbeit mit einem Kongress auf dem gearbeitet und gedacht wird? warf Andrea Krug ein. Spannende Ideen, über die es sich lohnt weiter nachzudenken …

Karis Schneider
Lesbenring-INFO Juni/Juli 2008

 

LFT 2007 Marburg Bericht von Elke Heinicke

Lesbenfrühlingstreffen 2007
Unendliche Weiten – nichts ohne Widerspruch?

Zugegeben, das LFT-Motto war in diesem Jahr nicht nur ein Zungenbrecher, geeignet fürs Gedächtnistraining – aber einige von uns werden ja auch immer reifer, da kann das nicht scha-den – und darüber hinaus gab es uns eine Menge zu denken.

Unendliche Weiten waren es zum Glück nicht, was die Wege betraf, denn Marburg ist ein recht übersicht-liches Städtchen.

Allerdings auf mehreren Ebenen angeordnet, was uns spätestens bei reichlich 30 Grad während der über alle Gipfel führenden Demo bewusst wurde.

Bei dieser Gipfelstürmerei verloren manche ihre Sonnenbrillen, andere Kappen, aber eine gar ihr nagelneues Lesbenring-T-Shirt. Da frage ich mich doch, ob die Lesbe ohne T-Shirt am Ende nicht noch mehr Aufsehen erregt hat, als unsere grünen Hemden mit der lila Aufschrift Latzhosen waren gestern!

Auf dem diesjährigen LFT wurde mehr über Latzhosen gesprochen als jemals zuvor.

Ich habe gehört, manch eine habe das gute Stück immer noch im Schrank.

Jedenfalls waren wir sichtbar, besonders für die MarburgerInnen, die die Mittagshitze lieber in einem schattigen Straßencafé aussaßen. Und die Straße wurde am Ende doch für uns gesperrt, wenn das keine Lesbenpower ist!

Nichts ohne Widerspruch? Ein Jahr lang hatten Orgas und Besucherinnen sich die Köpfe heiß geredet über das neue(?) Konzept eines Mitmach-LFTs, bei dem jede gibt, was sie kann und jede bekommt, was sie braucht. Nun brauchten die Künstlerinnen des Abendprogramms halt mehr als die Helferinnen und Referentinnen und obendrein noch Gage?

Jetzt bleibt es den Dresdnerinnen wohl überlassen, den Widersprüchen zu Leibe zu rücken.
Unendliche Weiten. Zum Eröffnungsplenum wurde uns dann das Pentagramm im Kerngehäuse des Apfels des LFT-Logoserläutert – eine begnadete Persiflage, bei der ich Tränen gelacht habe.

Vergeblich habe ich jedoch auf die Auflösung des Rätsels um die Rad fahrenden Mäuse gewartet.
Ob die sich wohl aus den unendlichen Weiten des Internets ins Logo gestohlen haben? An unserem Lesbenringstand gab es viel Interesse für unsere bevorstehende Sommeruni in Zülpich, denn das ist doch ein Trost für alle, denen drei Tage LFT wieder mal viel zu kurz waren.

Eine Menge Glückwünsche zu unserem 25. Geburtstag sind auch direkt am Stand eingegangen.
Viel Spaß hatte ich im Abendprogramm bei Carolina Brauckmann, den liederlichen Lesben und der charmanten Clownin Uta Keppler.

Und Widerspruch wagten einige Lesben im Abschlussplenum, als der Beschluss zu Transpersonen auf dem LFT zur Abstimmung stand. Während die einen ihr Veto einlegten, um mehr Offenheit anzumahnen, „vetoierten“ die anderen für klare Grenzziehung. Es wird eine Menge zu diskutieren, zu überdenken und an Kompromissen auszuhandeln sein, ehe wir auf dem nächsten LFT in Dresden erneut zu diesem Thema abstimmen werden.

Eine erste Wortmeldung zum Thema drucken wir schon in diesem LESBENRING-INFO ab (siehe S. 24-25). Wagt Zustimmung oder Widerspruch! Ohne Widerspruch keine unendlichen Weiten!

Elke Heinicke

Demobeitrag Marburg 2007, Elke Heinike, Lesbenring e.V.

 

Demo Marburg LFT 2007Liebe Lesben!
Liebe Marburgerinnen und Marburger!

Ich überbringe die allerherzlichsten Grüße des Lesbenrings, der bundesweiten Dach-organisation für Lesben, Lesbengruppen und Lesbenorganisationen.
Lesben und Geld ist eines der Themen der diesjährigen Demo und Konsumverzicht liegt voll im Trend.
Endlich scheint es auch im Mainstream angekommen zu sein.
Zeit wird’s!
Aber halt!

Seit wann verstehen wir Lesben uns denn als Maistreamkultur?
Soll doch dieses Mal wer will verzichten! Ich rufe auf zu mehr Konsum!

Konsumieren?
Aber ja doch, nur nicht wahl-los, sondern mit Verstand und feministisch geschärftem Blick:

* Wohl tragen wir nicht alle Birkenstock, aber unsere Espressomaschinen laufen längst mit Ökostrom. Dass fair gehandelter Kaffee einfach besser schmeckt, hat sich in Lesbenkreisen schnell rumgesprochen.
* Beim Klamottenkauf ist weniger manchmal mehr, denn uns sind die Arbeitsbedingungen der Herstellerinnen nicht gleichgültig.
* Frauenferienhaus statt Fernreise!
* Lesbenkaufhaus statt Shoppingtrip nach London und New York!
* Spenden statt Steuern, denn über den Umweg von Finanzanträgen fließt viel zu wenig zurück in Lesbenprojekte!
* Lesbencash in Lesbentäsch und klüngeln und netzwerken, was das Zeug hält!
* Wenn Lesben Lesbenbücher kaufen, statt zu leihen, dann bleiben uns die letzten Frauenbuchläden erhalten.
* Dann können FrauenLesbenverlage experimentierfreudig sein und es entsteht Lesbenliteratur, in der wir mit unserer eigenen Kultur sichtbar sind.
* Wenn Lesben in Konzertkarten investieren, dann lohnt es sich für Lesbenbands aufzuspielen.
* Lesben, tragt euer Geld zur nächsten Lesbenkneipe und ins Frauencafé!
* Lest Zeitschriften und finanziert unsere Vereine!
* Rettet FrauenLesbenräume und leistet euch eine starke politische Vertretung!

So wird in diesem Sommer der Lesbenring 25

Jahre alt und mittlerweile vertreten wir lesbische Interessen sogar im Deutschen Frauenrat.
Letztes Jahr haben wir tatkräftig an der Abpfiffaktion gegen Zwangsprostitution mitgewirkt und wir können lesbische Perspektiven einbringen, ganz gleich ob es um Adoptionsrecht, Gleichstellungsgesetz, Steuerreform, Gesundheitsreform, Bildungspolitik geht.

Wir mischen mit und wir leisten uns diese Einmischung, denn Lesben werden nur sichtbar, wenn sie in ihre Interessenvertretung investieren – Arbeit und Finanzen investieren, denn ohne Briefmarke kein Protestbrief, ohne Fahrkarte oft keine politische Einflussnahme.

Vor 25 Jahren wurde die Idee einer bundesweiten Interessenvertretung von Lesben auf dem LFT geboren. Vieles wurde seitdem diskutiert, angestoßen, verworfen, bewegt, erreicht. Dafür gilt unser Dank den Vorreiterinnen, Gründerinnen, den Mitfrauen, Freundinnen, Verbündeten und Unterstützerinnen. Unsere Interessenvertretung ist so stark, wie wir sie uns leisten!

Wir haben eine reiche und vielfältige Kultur geschaffen und nun sei es mit einem Mal nicht mehr nötig in die Lesbencommunity zu investieren?
Welche hat denn je gehört, dass Mainsteamkultur nicht mehr gefördert werden müsste?
Wenn wir aufhören, unser Geld und unsere Energie in Lesbenkultur zu investieren, drohen kulturelle Leistungen verloren zu gehen. Wir haben gelernt, uns und unsere Leistungen gegenseitig wertzuschätzen.

Professionalisierung sollte kein Schimpfwort mehr sein, denn wir haben Qualität verdient und wir sind in der Lage Qualität zu bieten.
Wenn die Mittel knapper werden, sollten wir sie umso bewusster einsetzen.
Lesbenkultur und Lesbenpolitik lebt von Lesbenenergie. Solidarität für alle, die der Unterstützung bedürfen!
Anerkennung und Wertschätzung für die, die mit ihrer Energie unsere lesbischen Landschaften erblühen lassen!

Elke Heinicke, Pressesprecherin Lesbenring e.V.

Ein Kurzbericht vom LFT 2006 in Leipzig

Liebe Lesben,
wie jedes Jahr berichte ich euch auch diesmal über meine persönlichen Eindrücke vom Lesbenfrühlingstreffen (LFT). Dieses Jahr ging es – nach Rostock 2001 – zum zweiten Mal in die ehemalige DDR. Und, um euch nicht bis zum Ende des Beitrags zappeln zu lassen: es wird demnächst wieder ein LFT „im Osten“ geben, nämlich 2008 in Dresden!

Das LFT 2007 wird (nach 2004) wieder in Mittelhessen stattfinden und für 2009 haben sich Frankfurterinnen bereit erklärt, das LFT nach 20 Jahren wieder in ihre Stadt zu holen. Näheres aber am Ende des Berichtes und nun schön der Reihe nach:

Zum Auftakt des LFT gab es am Freitagabend unter anderem eine kleine Grillfete im Hinterhof des Frauenhotels Clara und wir Aktiven vom Lesbenring haben uns nach dem Essen dort zusammengesetzt zur Lagebesprechung.

Dem Leipziger Orgateam hatten wir die Gestaltung des Eröffnungsplenums versprochen und so begrüßten wir die angereisten Lesben am Samstagvormittag in der Sportuni mit herzigen Bonbons und moderierten das Eröffnungsplenum. Die Orgas bekamen Namensherzen und „Überlebenspakete“, nein -beutel, mit Dingen, die eine Orga unbedingt so braucht… Die Stimmung war ausgezeichnet, das LFT konnte beginnen!

Eröffnungsplenum LFT Leipzig 2006  Eröffnungsplenum LFT Leipzig 2006

Eröffnungsplenum

Leider war es in Leipzig nicht möglich gewesen, alles an einem Veranstaltungsort stattfinden zu lassen und so begann eine Pendelei zwischen der Sportuni, wo es große Räume gab für die Plenen und Abendveranstaltungen und dem Seminargebäude in der Innenstadt, in dem die Workshops stattfanden, die Info-, Verkaufs- und einige Essensstände aufgebaut waren, es eine kleine Kunstausstellung gab – und die, wie immer außerordentlich gut besuchte SAFIA-Oase. Das alles auf mehrere Stockwerke verteilt, das Riesenrad des ebenfalls an Pfingsten in Leipzig stattfindenden Stadtfestes direkt vor den Fenstern und viele viele Menschen unterwegs, unter anderem ca. 20.000 TeilnehmerInnen eines europaweiten Gothictreffens, die mit ihren fantasievollen Kostümen auffielen.

Die Info- und Verkaufsstände befanden sich alle in klassenzimmerartigen Räumen, einen großen „Markt“ hätte ich schöner gefunden.

LR-Stand LR-Stand

Das soll aber keine Kritik an den Orgas sein, die alles getan haben, für uns das schönstmögliche LFT zu organisieren. Mein besonderes Lob gilt übrigens dem Programmheft, das sehr schön und übersichtlich gestaltet ist! Auch die obligatorischen LFT-Becher sind dieses Jahr besonders schön und zur Abwechslung aus Glas…

Aber zurück zum Samstag…

Nach dem Eröffnungsplenum gab es bereits die ersten Workshops und Veranstaltungen von „Lesben und lesbisches Image in der russischen Popkultur“ bis zur „Mitfrauenversammlung des Lesbenfrühling e.V.“ über „Lesben in TV-Serien“, „Lesbisch flirten“, die Vorstellung der „SAPPHO-Stiftung“ und die Lesung „Ulrike Janz: Verwandlungen – Lesben und die Wechseljahre“ (um nur einige zu nennen).

Um 14 Uhr startete die LFT-Demo, die unter dem Motto „Lesben machen Leipzig bunt“ mitten durch die Leipziger Innenstadt führte. Wie ihr sehen könnt, gab es durchaus Überschneidungen bei der Teilnahme am Gothictreffen und dem LFT!

Die beiden Lesben rechts auf dem Foto [Foto folgt] waren total happy, das eine mit dem andern verbinden zu können. Es wurde aber auch Kritik laut nach der Demo: die mitgeführten Schilder, z.B. „Ich bin eine Krankenschwester“ waren für die Passanten nicht aussagekräftig, weil aus keinem Transparent hervorging, dass es sich um Lesben handelt. Schade eigentlich…

DEMOBEITRAG 2006 VON ELKE HEINICKE, LESBENRING E.V.

Demobeitrag der Orgas Leipzig 2006

Nach der Demo gab es Workshops wie „Buddhismus im Lesbenalltag“, „Und plötzlich in Familie“ oder „Pele, die hawai’ische Feuergöttin und ihre Schwestern“.

Mich zog es zur Podiumsdiskussion „Lesbenlesewelten. Versuch einer Kartographie“. Allerdings hatte ich nicht mitbekommen, dass diese im 4. Stock des Nebengebäudes stattfand und nicht im 4. Stock des Seminargebäudes und die Beschreibung „…hinten raus, über den Hof und dann musst du mal sehen, welche Tür offen ist“ half auch nur bedingt weiter. Zwar fand ich schließlich eine offene Tür – kam aber viel zu spät und kann euch deshalb nur fragmentarisch berichten.

Eine Frau sagte, dass für sie ein Lesbenroman ein gutes Ende nehmen muss, Bücher wie „Quell der Einsamkeit“ mit dem tragischen Ende könne heute keine mehr verstehen. Dann ging es darum, was die Frauen im Coming out gelesen haben. Bei den älteren Lesben die eine Hälfte „Häutungen“, die andere Hälfte „Rubinroter Dschungel“. Andere hatten in dieser Phase gar keine Zeit zum Lesen… Die Frage, „Was macht ein Buch zum Lesbenbuch“ konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Die lesbische Autorin? Der lesben-relevante Inhalt? Und was ist mit Büchern, die zwischen den Zeilen gelesen werden wollen, z.B. wenn Annemarie Schwarzenbach eine männliche Hauptfigur beschreibt, aber eigentlich eine Frau meint. Und was passiert, wenn die lesbische Autorin sich irgendwann entscheidet, ein Mann zu sein, wie z.B. Pat Califia, die heute „Patrick“ ist.

Auch die Frage, wie viel Sex bzw. Erotik ein Lesbenbuch braucht, um sich gut zu verkaufen, blieb in der Geschmacksachenschleife hängen. Auf die Frage, woher Lesben Informationen über neue Bücher bekommen können, wurde auf das Internet hingewiesen (Connys Lesben-seiten), aufs LESBENRING-INFO mit den vielen Rezensionen, auf die „Virgina“, die es immer noch gibt und auf den Newsletter der Lesben im Bibliothekswesen (LIBS).

Später ging’s wieder zur Sportuni zum Abendprogramm. Dort stand am Samstag Cocolores auf dem Programm (Musik + Kabarett), die absolut nicht mein Humorzent- rum traf, Cocolores eben… Das anschließende Konzert – irisch-schottischer Pop-Folk mit Lorraine Jordan und Jill Hunter – entschädigte aufs Feinste und war ein schöner Abschluss für einen anstrengenden Tag! Im Parallelprogramm in der anderen Halle gab es Musik von „Yu’n Zu“ und „Caro“.

Am Sonntagmorgen hätte ich gerne am Workshop „Lesben in der neuen Beginenbewegung“ teilgenommen – aber welche schafft es, am Sonntag schon um 9.30 Uhr irgendwo zu sein? Ich leider nicht… Außerdem verpennte ich das Mittelplenum, die Vorstellung des Projektes „FLUSS e.V., Freiburgs lesbisches und schwules Schulprojekt“, den Workshop „Do it yourself – Was Lesben übers schwanger werden wissen wollen“ und vieles andere mehr.

Aber ich schaffte es um 12 Uhr zur Podiumsdiskussion (ja, ich geb’s zu, ich habe eine Schwäche für Podiumsdiskussionen…) „Das LFT der Zukunft?“ Hier wurde unter anderem angeregt, das LFT wieder mehr zu einem „Mitmach-LFT“ zu entwickeln und wieder mehr in die Auseinandersetzung untereinander zu kommen. Die Aussage „das Ehrenamt stärken“ kollidierte mit „Wertschätzung funktioniert häufig über Bezahlung“, beklatscht wurde dagegen „Wir brauchen eine bessere PR – also Werbung – für’s LFT“. Außerdem wurde angeregt, die LFT’s künftig zu dokumentieren, was in den Workshops gemacht werde usw. Gleiche Bezahlung für alle Referentinnen wurde angeregt… Es kam heraus, dass das LFT bei Junglesben den Ruf einer recht „angestaubten“ Veranstaltung hat, die von „Esoterik-Lesben“ beherrscht werde, es aber gerade wichtig sei, die jungen Lesben auf das LFT zu bekommen. Zwecks der Zukunft… Der Wunsch wurde geäußert, dass das LFT künftig jeweils ein Schwerpunktthema herausstellt. Auf die Frage „Wo geht die Lesbenkultur hin?“ und den Konflikt zwischen jungen und älteren Lesben wurde festgestellt, dass es bei jungen Lesben gerade wohl hip sei, heterosexueller auszusehen als die Heteras und das eine eher Geld für eine L-Word-DVD ausgibt als zur Unterstützung eines Lesbenprojekts. Über die Frage: soll das LFT größer oder kleiner werden bestand Uneinigkeit. Auf der einen Seite steht das Bedürfnis nach mehr Professionalität, auf der anderen das nach mehr Nähe untereinander, nach größerem Austausch. Einig waren sich aber die meisten darüber, dass das LFT eine einmalige, für viele wichtige Veranstaltung ist, die es zu erhalten gilt.
Die Diskussion muss auf den kommenden LFTs weitergeführt werden!

Nach dieser aufreibenden Veranstaltung suchte ich etwas Ruhe bei der Kunstausstellung und schaute mir die Ölbilder von Doro Sattler, die Radierungen von Maud Tutsche und die Wanderausstellung Lesben-Lebensweisen in der DDR der 80er Jahre an. Zur Podiumsdiskussion zeitgleiche Work-shops, die ich verpasst habe: „Gibt es so etwas wie ‚Lesbische Kunst‘?“, „Spirituelle lesbische Lebensgemeinschaften auf dem Land“ u.a. Begeistert berichtete eine Freundin über den Film „Porträt der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler“ der Regisseurin Heide Blum, der in der Rosa Linde gezeigt wurde. Näheres unter ww.heideblum.de.

Am späten Nachmittag gab es neben dem „Tanztee in der SAFIA-Oase“, dem „Erzählcafé Lesben in Ost und West“, den Workshops „Mösenmassage (aktive Teilnahme erwünscht)“, „10 Jahre Vernetzung von Lesbengruppen in NRW“, „Lesbisch mit der BRAVO?“ und anderen wieder eine Podiumsdiskussion. Thema: „Dialog der Generationen: Transgender versus Feminismus“.

Bevor das Abendprogramm losging, brauchte frau unbedingt eine Stärkung – und schon komme ich auf das leidige Thema „Essen beim LFT“ zu sprechen. Das Essen war auch diesmal ein Reizthema… Die Nudelpfanne, die es gab, stellte sich als die (für mich) falsche heraus – aber probieren musste ich sie trotzdem, und verpasste dabei das von allen gelobte Kicher(erbsen)-Curry… Ansonsten gab es tagsüber Würstchen und belegte Fladenbrote. Ich vermisste Gemüse und Salate… Aber nun zum „Kessel Buntes“, dem Sonntagabendprogramm, mit viel Witz und Frische moderiert von Kordula Völker. Eröffnet wurde das Programm von der jungen Conny Schediwie, die heitere bis nachdenkliche Lieder zur Gitarre sang. Cordula Völker dazu: „Wie sieht die Zukunft des LFT aus? Ihr habt gerade eine gesehen!“

Weiter ging es mit dem Vorlesen von selbstgeschriebenen Texten, die im Schreibworkshop von Kathrin Schultz beim LFT entstanden waren. Hier begeisterte vor allem eine junge Autorin mit 3 Texten, von denen nur einer wahr war und den es zu erraten galt.

Den 3. Programmpunkt bestritten die Teilnehmerinnen des Workshops „Bodypercussion“, angeleitet von Elke Saller („Flex á Ton“) mit dem Titel „Obstsalat“, einer sehr lustigen Performance. Danach trat Kordula Völker im Duett mit Conny Schediwie auf mit dem Titel „Wann wird’s mal endlich wieder homo…“.

Den 5. Programmpunkt bildeten Uta Keppler und Gitta Schürck mit ihren – im wahrsten Sinne! – zauberhaften musikalischen Clownereien. Danach versetzte ein Schlangenweib alle in Erstaunen – wie frau sich soo verbiegen kann! Der einzige Schwachpunkt im Programm war Liane Stein (Comedy aus Magdeburg). Den Abschluss eines außerordentlich unterhaltsamen und gelungenen Abends bildete der Chor aus Lorraine Jordans Gesangsworkshop. Eine tolle Idee, die Ergebnisse der Workshops ins Abendprogramm mit einzubeziehen und jungen Künstlerinnen ein Forum zu geben! Im Parallelprogramm gab es ein Konzert mit der Gruppe „Boundless Fever“. Nicht zu vergessen die Disco an beiden Abenden nach den Veranstaltungen.

Und nun zur eigentlich traurigsten Veranstaltung eines jeden LFT wegen der Abschiednehmerei, die aber trotzdem eine meiner Lieblingsveranstaltungen ist: das Abschlussplenum am Montagvormittag. Katrin Suder moderierte das Plenum mit so viel Herz, Witz und Spontanität, dass um mich herum alle einer Meinung waren: Thomas Gottschalk und Günter Jauch können einpacken! Nach langem, begeistertem Applaus für die Orgas gab es Lob und Kritik von der Wandzeitung und aus dem Publikum. Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Gelassenheit der Orgas beim LFT selbst wurden gelobt und natürlich die viele Arbeit im Vorfeld und während des LFTs. Das Programmheft und die Tassen gefielen nicht nur mir, eine Extraturnhalle für Schnarcherinnen wurde angeregt, eine politischere Demo gefordert, die Pausen zwischen den Veranstaltungen als zu kurz bemängelt. Einige Frauen wünschten sich die Disco früher und es wurde angeregt, ob nicht ein Abendprogramm genügen würde. Dem Lesbenring und dem Lesbenfrühlingsverein wurde für die kontinuierliche Arbeit im Backoff gedankt. Die Frage nach der Anzahl der Teilnehmerinnen beantwortete Katrin diplomatisch mit „auf jeden Fall mehrere Hundert“, sie konnten es noch nicht genau sagen.

Dann die Frage: wo findet das LFT 2007 statt?
Ein Krimi hätte nicht spannender sein können, Katrin wartete lange, ob sich nicht doch noch eine Stadt für 2007 melden würde – was trotz allerlei Gerüchten nicht geschah – bis sie dem Publikum eröffnete, dass sich für diesen Fall die Mittelhessinnen entschlossen hätten, das LFT nach 2004 noch einmal auszurichten. Begeistert und erleichtert darüber dass es auch nächstes Jahr wieder ein LFT gibt, kamen viele Lesben aus dieser Region auf die Bühne .

Danach ging es wie von selbst: junge Lesben aus Dresden wollen das LFT 2008 in ihre Stadt holen und Lesben aus Frankfurt am Main werden das LFT 2009 ausrichten – 20 Jahre nach dem LFT in Frankfurt 1989!

Das LFT hat eine Zukunft, über deren Gestalten es sich lohnt nachzudenken…

Text: Petra Wittchen