Archiv der Kategorie: Rezensionen 2013 2. Halbjahr

Wir werden niemals darüber reden von Caroline Schairer

Als die 13jährige Isabell an einem Junitag aus der Schule kommt, öffnet ihre Mutter die Haustür nicht. Sie hat sich das Leben genommen und für Isabell und ihren Bruder bricht die heile Familienwelt zusammen. Bei den Großeltern in der Oberpfalz versuchen die Geschwister zur Ruhe zu kommen, doch dann werden sie in finstere Geheimnisse hineingezogen, die ihre Schatten bis in die Gegenwart werfen.

Schairer thematisiert in diesem hochspannenden Thriller die fatalen Folgen sexualisierter Gewalt und (dörflicher) Verschwiegenheitsgebote – ihr bisher eindeutig stärkstes Buch! Sprache und Erzählstil sind eindringlich und zwingend, sie packt die Leser_innen förmlich im Nacken und zieht sie fast unerbittlich immer tiefer in ihre abgründige Geschichte.

Carolin Schairer, Wir werden niemals darüber reden. Ulrike Helmer Verlag 2013

gelesen von Jule Blum

Stefanie Zesewitz. Wie ein Versprechen

Mit Wie ein Versprechen ist Stefanie Zesewitz ein großartiger historischer Roman gelungen. Sie zeichnet ein Bild der Jahre zu Ende der 20er und zu Beginn der 30iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ihre Protagonistin Dina ist in der ostfriesischen Provinz aufgewachsen, doch es zieht sie in das mondäne Hamburg, das ihr die Welt bedeutet. Ihre Eltern willigen in den Plan nur ungern ein und nur unter der Bedingung, dass Dina bei Tante Luise wohnt und die Hauswirtschaftsschule besucht.
Tante Luise wird schnell zu Dinas Vertrauter, die Hauswirtschaftsschule liegt ihr aber gar nicht. Der Laden eines Fotografen am Schulweg interessiert sie viel mehr als Backen, Kochen oder Bügeln. Schließlich beginnt Dina eine Lehre im Atelier und sich die Stadt mit ihren verborgenen Winkeln durch die Linse einer Kamera zu entdecken. Als sie die Medizinstudentin Selene kennen lernt, verliebt sie sich Hals über Kopf. Einfach ist diese Liebesbeziehung nie, denn Selene ist eine engagierte Kommunistin und bald überschattet der heraufziehende Nationalsozialismus das Leben der beiden jungen Frauen.
Die Handlung sprüht manchmal vor Lebensfreude, ein anderes Mal sind die Frauen tief verzweifelt. Zesewitz erzählt von Liebe, von Hingabe, von Verlust, von Bedrohung und Solidarität. Ein Buch, das die Leserin kaum wieder aus der Hand legen mag. Eine Geschichte, die nachdenklich stimmt, erzählt in klaren Bildern.

Stefanie Zesewitz. Wie ein Versprechen, Querverlag, Berlin. 2013

gelesen von Elke Heinicke

Tina Stroheker – Luftpost für eine Stelzengängerin

Eine ganze Liebe wird erzählt in diesen neunzig Notaten, ihr Beginn mit stürmischer Sehnsucht, ihr Bleiben voll seligen Staunens, das heftige Beißen der Eifersucht, ihr wehmütiges Vergehen. Aufgereiht wie Perlen an einer Schnur, in ihrem Innern das Sandkorn eines Zitats. Eine Arie, eine Gedichtzeile, ein Satz aus einem Roman, eine Filmsequenz – alles durfte Anstoß sein. Kurze Texte für langes Nachdenken und immer wieder das Gefühl: Was für ein schönes Buch! Und meine Lieblingssätze? Ich habe Glück gehabt. Und nun? Daß wir fürs Glücklichsein später büßen müssen, glaube ich nicht, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Geschenke bleiben Geschenke.

Tina Stroheker, Luftpost für eine Stelzengängerin. Klöpfer und Meyer, Tübingen 2013

gelesen von Jule Blum

Trix Niederhauser: Denn vom Trauern kommt der Tod

Die hochbetagte Brunhilde Schwarz verbringt ihren Lebensabend im verhassten Altersheim. Zwischen faden Mahlzeiten und dem Austricksen des Pflegepersonals bleibt ihr jede Menge Zeit, auf ihr vergangenes Leben zurückzublicken. Die harte Kindheit mit der lieblosen Mutter, dem vergnügungssüchtigen Vater, dem faulen Bruder und der frivolen Schwester, die unglückliche Ehe mit dem feigen Apotheker, ihr eigener schwacher Sohn und die ungeliebte Schwiegertochter. All ihre Lieben sind schon vor ihr gegangen und an keinem Tod war Brunhilde unbeteiligt…

Denn vom Trauern kommt der Tod liest sich wie ein modernes Märchen, in dem alle bekommen, was sie verdienen und die Heldin netterweise am Ende weder einen ungewollten Prinzen noch ein Schloss am Hals hat, sondern lediglich endlich ihre heiß ersehnte Ruhe bekommt. Dass sie dafür tun muss, was nötig ist, kann man ihr einfach nicht übelnehmen.

Trix Niederhauser, Denn vom Trauern kommt der Tod. CRiMiNA Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Ts. 2013

gelesen von Jule Blum