Christine Lehmann: Nachtkrater.

Also, ich lese ja eigentlich keine Krimis, jedenfalls solange es anderen Lesestoff gibt. Aber es gibt Ausnahmen und eine Ausnahme mache ich garantiert für Lisa Nerz, die ermittelnde Schwabenreporterin, die so virtuos die Geschlechterrollen und die GespielInnen wechselt, durchs Schwabenland braust und eine ziemlich anstrengende Beziehung mit dem Oberstaatsanwalt Richard Weber führt. Dieses Mal bewegt Frau Nerz sich zwischen Stuttgart, Bodensee und Mond. Ihre geistige Mutter Frau Lehmann wollte dieses Mal nämlich hoch hinaus.

Wenn irgendeine bisher geglaubt hat, sie schreibe nur aus Stuttgarter Ortskenntnis heraus oder aufgrund eigener jugendlicher Reithoferfahrungen so wunderbar detailgetreu, dann wird sie dieses Mal der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen: Frau Lehmann hat so manches mit ihrer Protagonistin gemein, sie geht Dingen auf den Grund, recherchiert bis ins Kleinste und kann der erwartungsvollen Leserin neben einer spannenden Story fundiertes Raumfahrtwissen präsentieren. Hut ab! Wir erfahren von Kepplers Frühwerken, welche Raumfahrttechnik aus dem Ländle kommt, von Helium-3-Vorkommen auf dem Mond, vom V2-Raketen-Programm der Nazis und der Weiterführung im Apollo-Programm der NASA, von Problemen des Strafrechts auf dem Mond, von schmutzigen Geschäften rund um den chinesischen Energiemarkt, auf welche Weise die Hündin Laika an Bord eines sowjetischen Sputniks geraten ist und noch das ein oder andere – und das nur am Anfang bis Seite 47!!! Ein bisschen weniger wäre da vielleicht im Interesse der Geschichte mehr gewesen. Nun, Richard Weber ist an der Ausarbeitung eines Weltraumrechts beteiligt und da Weltraumtechnik und Kriegstechnik untrennbar miteinander verbunden sind (Ade meine kindlichen Träume von großartigen WeltraumheldInnen!) und viel Geld investiert und damit auch verdient werden kann, tut sich ein weites Feld für kriminelle Energie jeder Art auf. Natürlich wittert Frau Nerz das sofort und schwupps! wird sie entführt …zum Mond. Und auf der international besetzten Mondstation kommt sie dann natürlich umgehend allen auf die Schliche, obwohl sie doch eigentlich unter Schock steht nach einem furchtbaren Ereignis in der Minute vor ihrer Entführung. Was lange wie eine große Verschwörung aussieht, hat dann letztendlich doch ganz banale Gründe, denn auch Astronauten, Kosmonauten und Taikonauten sind Menschen wie du und ich mit ihren ganz gewöhnlichen Schwächen. Und natürlich verführt Lisa wieder eine Frau oder wird sie dieses Mal verführt? Und natürlich geht am Ende alles gut aus – wo kämen wir denn hin, wenn Frau Nerz auf der Strecke bliebe und es keinen neuen Krimi gäbe, in dem Frau Lehmann von so herrlichen Dingen wie dackelige Gegenwart, fachwerkelnden Gassen oder dächelnden Raumfahrtbahnhöfen berichten würde. An alle eingefleischten Lisa-Nerz-Fans und an alle, die es nur noch nicht wissen: das ist wieder ein Buch, dass so viel Spaß macht, dass selbst eine Nicht-Krimi-Leserin vom Gegenteil überzeugt wird. Stoner ist zurück und sie heißt Nerz!

 

Christine Lehmann. Nachtkrater. Ariadne Krimi 1173. Argument Verlag. Hamburg. 2008

gelesen von Elke Heinicke