Das Lesbenfrühlingstreffen ist etwas Einzigartiges in Europa – Interview mit Ulrike Janz

K: Ulrike, Du bist in verschiedenen Bereichen lesbisch aktiv. Magst Du mal einige nennen?

U: Ich denke, zentral war der Frauenbuchladen Bochum, den ich lange gemacht habe, ein lesbischer Begegnungsort. Kurz nach dem Coming-Out war ich in einer FrauenLesbengruppe zu Gen- und Reproduktionstechnologien (damals war „Lesben und Kinder“ noch nicht so ein Thema), danach haben wir 1990 die „IHRSINN“ (eine radikalfeministische Lesbenzeitschrift, Anm. d. Interv.) aus der Taufe gehoben und 14 Jahre lang gemacht. Dort hab ich dann immer meine Themen untergebracht, Vorträge gehalten, auch auf dem LFT und der Lesbenwoche Berlin. Das war eine gute Zeit, es gab davor und danach keine ähnliche Zeitschrift in Deutschland und wenn ich mir heute die Hefte noch manchmal nehme, weil ich was nachlesen will, dann sind die Texte immer noch aktuell. Das Thema „Lesben und Nationalsozialismus“ hat mich lange begleitet, dazu hab ich auch viele Vorträge gehalten und veröffentlicht. Dann kam ich in die Wechseljahre…daraus ist meine erste Buchveröffentlichung entstanden: „Lesben und die Wechseljahre“ (Verlag Krug u.Schadenberg, Anm.d.Interv.), immer noch das einzige deutschsprachige Buch zu dem Thema. Das war relativ einfach, weil ich durch die Jahre im Buchladen und durch meine Vernetzung auf einen großen Autorinnenpool zurückgreifen konnte und durch die Herausgabe von „IHRSINN“ auch Erfahrung im Das Lesbenfrühlingstreffen ist etwas Einzigartiges in Europa Interview mit Ulrike Janz redaktionellen Bereich hatte. 2006 war dann ein großer Umbruch für mich, der Frauenbuchladen musste schließen, ich bin von Bochum in den Beginenhof nach Dortmund gezogen, eine langjährige Beziehung ging in die Brüche. Es war eine Zeit der Orientierungslosigkeit, mein Aktivismus schien plötzlich Vergangenheit. Im Beginenhof wohnen viele Lesben, aber wenige, die einen lesbenpolitischen Hintergrund haben, dadurch gab es dort diesbezüglich kaum Anknüpfung. Es gibt ja in Dortmund das KCR, ein Lesben- und Schwulenzentrum, es gibt eine Gruppe „lesbian summer“ für Lesben ab 45 (Stammtisch, Brunchs, ab und zu Veranstaltungen) – da bin ich ab und zu dabei. Dann war ich im Lesbenring aktiv und auch in der LAG „Lesben in NRW“. Jetzt bin ich eher im Dachverband der Beginen engagiert und versuche dort Lesben zu thematisieren – und schenk mir Wochenenden, um auch mal im Garten zu sein und zu arbeiten. Tanzimprovisation ist seit vielen Jahren eine Leidenschaft, ganz selten allerdings im lesbischen Kontext. Und seit gut 10 Jahren ist Meditation und Buddhismus ein wichtiges Thema – auch da sind ja viele Lesben unterwegs. Und das Lesbenfrühlingstreffen (LFT) natürlich, das war für mich immer ein Stück Anker, um Lesben zu treffen und Vorträge zu halten zu dem, was mich aktuell beschäftigte.

K: Das ist die perfekte Überleitung. Der Lesbenring unterstützt das jährlich stattfindende LFT – womit?

U: Es gibt die Möglichkeit eines Kredits vom Lesbenring e.V. (neben dem größeren vom Lesbenfrühling e.V.), es gab oft einen Einführungsworkshop mit den jeweiligen LFT- Vorbereitungsteams, wo inhaltliche und organisatorische Grundlagen vermittelt wurden – denn oft sind die Orga-Lesben vorher politisch nicht aktiv. Dann gibt es Beiträge zur Demo, einen Info-Tisch. Der Lesbenring e.V. ist ja der einzige bundesweite Lesbenverband.

K: Wie alt warst Du bei Deinem ersten LFT, wo fand es statt und wie hast Du es erlebt?

U: 1983 in Frankfurt, da war ich 27. Es waren ca. 500 Teilnehmerinnen (meine ich!), dann ist es ja immer größer geworden. Es gab damals noch keine zwei Abendprogramme; wir fanden das LFT damals nicht so politisch und zu konsumorientiert. 1982 haben die Bochumerinnen das LFT boykottiert, da der Lesbenring sich „Deutscher Lesbenring“ nennen wollte. Hingefahren sind wir dann aber trotzdem immer wieder und haben viele Veranstaltungen gemacht – obwohl wir damals oft nicht so richtig zufrieden waren… Die Berliner Lesbenwoche war für uns damals der sehr viel politischere Lesbenort. Aber das LFT ist meiner Einschätzung nach politischer geworden.

K: Warst Du denn auf jedem LFT?

U: Nein, ich war auf 2 LFT´s nicht. Einmal war ich in München nicht, da gab es im Vorfeld heftigen Ärger, ich glaube, es ging damals um das SM-Thema. Und einmal auch im Süden, das war Freiburg oder Heidelberg, da weiß ich nicht mehr warum.

K: Was ist für Dich das Besondere am LFT im Vergleich zu anderen lesbischen Festivals oder mehrtägigen Events, wie z.B. L-Beach?

U: Auf dem L-Beach war ich noch kein einziges Mal. Und es gibt ja auch nicht so viel. Die Lesbenwoche in Berlin war in den 80ern radikaler und politischer als das LFT; bei den Frauenmusikfestivals im Hunsrück und in Michigan steht ja die Musik im Vordergrund; in Michigan gibt es aber auch politische Workshops. Das LFT ist etwas Einzigartiges in Europa, mit der langen Geschichte und der Regelmäßigkeit und gewissen Standards, wie z. B. der Barrierefreiheit, wie gehen wir mit Rauchen um etc.. Das LFT hat da eine gesellschaftliche Avantgarde-Stellung: es gibt dort seit langem den Versuch, etwas zu machen, was möglichst Vielen gerecht wird, manche Sachen haben wir dort viel früher eingeführt als im Mainstream. Die nun im Vergleich zu Vorjahren geringere Teilnehmerinnenzahl finde ich eher positiv, das Treffen hat für mich dadurch eher an Qualität gewonnen. Früher waren ja manchmal Tausende da, das war dann auch schon mal beängstigend eng in den Veranstaltungsräumen.

K: Welches war Dein Lieblings-LFT und gibt es ein Gräßlichstes?

U: Die die lange her sind, sind ziemlich verblasst. Besonders schön war das in Rostock 2011 und Nürnberg 2012. Das hatte damit zu tun, dass es schön überschaubar war und persönlich, eine schöne Atmosphäre. Die ersten LFT´s im Osten waren aufregend, da die Lesbenkultur dort doch anders war und die Bevölkerung meiner Erfahrung nach sehr freundlich, die Lesben dort waren auch noch viel begeisterter als die West-Lesben. Das Schrecklichste LFT für mich war in Mönchengladbach, das war wohl 1991, da hatte ich das Gefühl, die Orga wusste gar nicht, was ein LFT ist. Keine war wohl vorher mal auf einem LFT gewesen, die Planung, das Programm und den Ort fand ich ziemlich grässlich – obwohl ich da frisch verliebt war und das LFT seinen jetzigen Namen erhielt – vorher hieß es ja „Lesbenpfingsttreffen“.

K: Hast Du schon mal ein LFT mitorganisiert?

U: Nein, das wollt ich auch nie, hatte nie ein Orga – Bedürfnis. Ich hab aber welche kennengelernt, bei denen die Orga für die Stadt langfristige Impulse gegeben hat und es total gute Erfahrungen damit gibt. Als es in Bochum war, da hab ich etwas seelische Unterstützung geleistet aus dem Hintergrund, und einen riesigen Büchertisch vom Frauenbuchladen gemacht – da hatten wir viel zu viele Bücher geordert. Es gab damals einen Einbruch in der Teilnehmerinnenzahl, es waren glaub ich nur so um die 2.000.

K: Das aktuelle LFT in Berlin 2014 hat im Vorfeld aufgrund der ganz anders geplanten Struktur einige Kontroversen ausgelöst. Fährst Du da hin und wie findest Du den Ansatz der Orga?

U: Ja, ich gucke mir an, wie das wird, bin interessiert und neugierig. Die Entscheidung mit den Ständefrauen finde ich falsch, das LFT war ja für viele eine wichtige Einnahmequelle. Alle anderen Überlegungen finde ich nachvollziehbar, mal seh’n, was umgesetzt wird. Was ich richtig gut finde ist, dass auch die Künstlerinnen – wie ich gehört habe – ohne Gage auftreten.

K: Wenn Du einer Außerirdischen das LFT beschreiben müsstest, was würdest Du ihr sagen?

U: (Schweigen) – Weiß eine Außerirdische, dass es Lesben gibt?……… Das LFT findet jedes Jahr im Frühling in einer anderen Stadt statt, es treffen sich dort Frauen, die Frauen lieben, schätzen und gerne Zeit mit ihnen verbringen wollen, denen es wichtig ist, Themen zu diskutieren und Spaß zu haben; es ist ein Raum ohne Männer. Fast alle, die da hinkommen, wollen die Welt in vielerlei verschiedener Hinsicht verändern.

Ulrike Janz, geboren 1956 – Ruhrpottpflanze, Abschluss als Dipl. Psych., Ausbildung zur Tanzpädagogin, beruflich tätig zum Thema Gewalt gegen Frauen.

Das Interview wurde geführt von Kira Sturm.