Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Der preisgekrönte Roman der Autorin, der im vergangenen Jahr unter dem Titel No & ich bei Droemer erschien, war mir noch in lebhafter Erinnerung. Mit der Geschichte um das hochbegabte Mädchen Lou und die junge Obdachlose No hatte die Autorin außergewöhnliche Beobachtungsgabe, scharfen Verstand und bewundernswertes Erzähltalent unter bewiesen.

Auch in diesem neuen Roman stellt de Vigan eine kluge Frau in den Mittelpunkt. Mathilde ist erfolgreich und kompetent an ihrem Arbeitsplatz und seit dem Tod ihres Mannes darüber hinaus alleinerziehende Mutter von zwei Jungen. Sie meistert den Alltag mit Bravour, steht mit beiden Beinen im Leben und ist glücklich. Doch dann beginnt sich das Blatt zu wenden. Im Rückblick kann Mathilde genau an den Augenblick beschreiben, der ihr Leben von Grund auf verändert hat. Sie hatte gewagt, ihrem Chef zu widersprechen, eigener Meinung zu sein. Lange kann sie nicht glauben, was ihr geschieht. Scheinbare Kleinigkeiten verdichten sich von Tag zu Tag mehr und nehmen ihr die Luft zum Atmen. Mathilde wird gemobbt und ihre Kollegen sehen schweigend zu. Immer tiefer gerät die kompetente Frau in die Krise, immer weniger kann sie sich gegen die Schikanen des Chefs zur Wehr setzen. Als sie aus Verzweiflung eine Wahrsagerin aufsucht, prophezeit diese ihr eine besondere Begegnung für den 20.Mai. Der Tag bricht an. Was wird er Mathilde bringen?

Parallel dazu wird die Geschichte des Pariser Notarztes Thibault erzählt, der sich sehr schmerzhaft aus einer für ihn ungesunden Liebesbeziehung löst. Werden die zwei durch die Handlung zusammen geführt werden? Und welche Rolle wird die Sammelkarte mit dem Argentumverteidiger dabei spielen?

Es geht darum, ob eine verantwortlich ist, wenn sie Opfer von Mobbing wird, ob es Möglichkeiten gibt, sich zu wehren. Ein kluges Buch, das sensibilisiert und aufrüttelt. Fesselnde Geschichte in wunderbar klarer Struktur erzählt.

Delphine de Vigan. Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin. Droemer Verlag. München. 2010

gelesen von Elke Heinicke