Demobeitrag 2009 Köln

Liebe Lesben!
Liebe Kölnerinnen und Kölner!

2009. Was für ein Jahr! Dieses Jahr ist ein Jubiläumsjahr: Vor 90 Jahren wurde die Weimarer Reichsverfassung beschlossen, vor 60 Jahren das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet, das die Gleichstellung von Mann und Frau zumindest formal herstellte. Vor 27 Jahren wurde in Osnabrück der Lesbenring als bundesweiter Dachverband für Lesben und Lesbengruppen und –organisationen gegründet. Vor 725 Jahren entstand die Rattenfängersage von Hameln.

Manche Jubiläen scheinen uns bedeutsamer als andere. In unterschiedlichster Weise haben sie unser Leben geprägt. Ganz persönliche Erfahrungen verknüpfen sich damit. Ein Ereignis, das 2009 20 Jahre zurück liegt, also noch zur jüngsten Ge-schichte gehört, hat jede von uns geprägt: Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer, die Grenze zwischen der DDR und der BRD wurde nach 27 Jahren geöffnet.

Ich wurde im Ostteil Deutschlands geboren. Als die Mauer errichtet wurde, war ich gerade einen Monat alt. Eine stürmische Zeit. Deutschland an der Schnittstelle zwischen zwei Weltsystemen, dort wo sich die Spannungen des Kalten Krieges am heftigsten entluden. Erst der allmählich einsetzende Entspannungsprozess ließ die Wiedervereinigung Deutschlands in denkbare Dimensionen rücken.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es zwei deutsche Staaten gab. Mit zwei Fernsehprogrammen, zwei Sandmännchen, zwei Kulturen. War immer noch den überwiegenden Teil meiner Lebenszeit Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik. Habe andere Erfahrungen gemacht als meine Freundinnen, Kolleginnen und Liebsten, die in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen sind. 20 Jahre sind seit dem Mauerfall vergangen.

Spielt es denn tatsächlich immer noch eine Rolle, ob eine Ostoder Westlesbe ist? Sind es nicht längst Patchworkidentitäten, die wir erworben haben? Geboren im Osten, nunmehr im Westen lebend? Sozialisiert im Westen, seit der Ausbildung im Osten angekommen? Coming out nach der Wende?

Und mittlerweile ist eine ganze Lesbengeneration herangewachsen, die erst nach 1989 geboren wurde. Die Mauer scheint nur noch in die Geschichtsbücher zu passen und dennoch ist die Anerkennung meiner Studienabschlüsse im westlichen Teil der Bundesrepublik noch immer nicht unproblematisch. Immer noch muss ich mich und meine Vergangenheit erklären, obwohl von mir selbstverständlich erwartet wird, mich in den bundesdeutschen Gepflogenheiten auszukennen. Häufig wird vergessen, dass die Geschichte einer jeden, egal wo geboren, auf vielfältige Weise mit der Geschichte in Ost und West verwoben ist.

Wenn die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2009 ihr 60jähriges Bestehen begeht, sollte auch der Teil der Geschichte erzählt werden, in dem es um die Gründung der DDR geht, die allerdings kurz nach ihrem 40. Jahrestag aufhörte zu existieren. Die UNO hat das Jahr 2009 zum Internationalen Jahr des Menschenrechtslernens, zum Internationalen Jahr der Aussöhnung, zum Jahr der Kreativität und Innovation erklärt. Nicht zuletzt auch zum Jahr der Kunstfasern – dass die DDR auf diesem Gebiet einst führend war, ist längst vergessen.

2009 ist ebenso das Jahr des Eisvogels. Die Wegwarte ist die Blume des Jahres und der ehemalige Todesstreifen entlang der innerdeutschen Grenze mittlerweile ein blühendes Biotop. 20 Jahre sind vergangen. Es war ein Prozess der Annäherung und des Kennenlernens, auch in der Lesbenbewegung. Manchmal war es schwer, einander zu verstehen, nicht immer sprachen wir eine gemeinsame Sprache. Es gab Gelegenheiten zum Austausch, die Chance, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Lesben in Ost und West mussten lernen, einander zuzuhören, Fragen zu stellen und neugierig aufeinander zu sein. Nicht immer war es einfach, Anderssein und andere Erfahrungen zu akzeptieren und gar als Bereicherung wertzuschätzen. In den besten Fällen gelang es, voneinander zu lernen. Heute ist ein Großteil von uns das, was gemeinhin Zeitzeuge genannt wird.

Erzählen wir also den jüngeren Lesben von unserer Geschichte vor der Wende, aber auch von unserem Aufeinanderzugehen und unseren Problemen miteinander. Lesben aus Ost und West gehen längst ganz selbstverständlich gemeinsame Wege. Die Lesbenfrühlingstreffen in Rostock, Leipzig, Dresden waren denen in Bochum, Hannover, München oder Köln sehr ähnlich und doch waren sie darüber hinaus etwas Besonderes.

Und nun noch einmal zurück zum Jahr 2009. Am 1. Januar führte die Slowakei als 16. Land den Euro ein und in Norwegen wurde die gleichgeschlechtliche Ehe ermöglicht. Das isländische Staatsoberhaupt ist eine offen lebende Lesbe. Der Magdeburger Dom ist 800 Jahre, die Leipziger Universität 600 Jahre alt. Es sind aber auch 46 Jahre vergangen seit Gründung der Homosexuellen Interessengemeinschaft, dem Vorläufer des Sonntags-Clubs in Berlin. 22 Jahre seit dem ersten DDR-weiten Lesbentreffen in Jena. Vor 20 Jahren kam der DEFA-Film „Coming out“ in die DDR-Kinos. Vor 20 Jahren wurde der Unabhängige Frauenverband in Berlin gegründet. Seit 20 Jahren treffen sich Lesben aus Ost und West und heute, 2009, begrüßen wir viele Lesben aus den nunmehr schon gar nicht mehr ganz so neuen Bundesländern in Köln.

Ihr möchtet mehr wissen? Fragt doch die nette Lesbe neben euch, gut möglich, dass gerade sie dabei war. In Ost oder West. Jede hat ihre Geschichte zu erzählen.

Und was das Jahr 2009 noch bringen wird? Am 31. Dezember eine partielle Mondfinsternis. Es gibt eben Dinge, auf deren Eintreten eine nur zu warten braucht. Anderes dagegen werden wir nur erreichen, wenn wir unsere Forderungen laut werden lassen. Und übrigens: nicht nur seit der Mondlandung, sondern auch seit dem Stonewall- Aufstand in der Christopher Street, der zur Geburtsstunde der modernen Lesben- und Schwulenbewegung wurde, sind exakt 40 Jahre vergangen

Liebe Lesben, lasst uns in Bewegung bleiben!

Elke Heinicke