LFT 2005 Berlin Demo

Demobeitrag 2005 Berlin von Jule Blum und Elke Heinicke, Lesbenring e.V.

Liebe Lesben,

willkommen in der Gegenwart.

Zwar ist gerade Frühling und LFT in Berlin, aber im Großen und Ganzen ist es nicht wirklich gemütlich im Lande, in Europa, in der Welt. Sozialabbau und Hartz IV, Dominanzkultur, Globalisierung, Kriege als sogenannte politische Mittel sind nur einige der Übel, die das Leben einer jeden von uns beeinflussen. Diskriminierung von Lesben ist immer noch an der Tagesordnung, in vielen Teilen der Welt werden Lesben verfolgt, bedroht, ermordet, ohne dass Lesbisch-Sein als Asylgrund bei uns anerkannt wäre. Im Amerika des Mr Bush wird die Homoehe verteufelt und in Jerusalem erhebt sich eine unheilige Allianz gegen den World-Pride. Die Reichen der Welt werden so krass wie selten zuvor auf Kosten der Armen und Ärmsten immer reicher. So schaffte es zum Beispiel die hochgejubelte deutsche Steuerreform ausgerechnet Alleinerziehende, zu denen ja auch viele Lesben gehören, deutlich schlechter zu stellen. Migrantinnen, alte Frauen und Menschen mit Behinderungen gehören zu den absoluten Verliererinnen.
Es gibt kein Geld für Migrantinnenarbeit, denn die will ja sowieso keiner hier haben und wenn, sollen sie sich gefälligst der Mainstreamkultur unterordnen. Alte Frauen sollen unsichtbar sein, weder durch Bedürftigkeit noch gar Forderungen der Gesellschaft zur Last fallen.

Frauen verlieren in Zeiten wie diesen schneller ihre Arbeitsplätze, denn sie sollen sich ohnehin lieber ihrer gottgegebenen Aufgabe widmen, nämlich der Reproduktion der Männer und der Produktion von Kindern. Das FrauenLesbenprojekte-Sterben grassiert im Land, aber das macht nichts, denn es merkt kaum eine, weil jede mit der Sicherung des Persönlichen beschäftigt ist. In solch widrigen Zeiten ist es nicht leicht, die eigenen Themen im Auge zu behalten.

Zweifellos ist es notwendig, gegen Ungerechtigkeiten und die soziale Eiszeit zu protestieren und sich dagegen zu wehren. Doch es ist ebenso nach wie vor wichtig, dass wir als Lesben sichtbar werden und bleiben! Es gibt immer noch wenig wirkliche gesellschaftliche Unterstützung fürs Coming-out, für die Anerkennung lesbischer Lebensweisen. Die LAG NRW hat gerade die Ergebnisse einer Umfrage unter Lesben veröffentlicht. Wenn dabei ein Drittel der Befragten das Wort „Lesbe“ ablehnen, zeigt das deutlich, wie groß der gesellschaftliche Druck auch im 21. Jahrhundert immer noch ist. Sie können mit der Bezeichnung „Lesbe“ für sich nicht gut leben, ich kann es nicht mit der vorgeschlagenen Alternative, sich z.B. „Schnittchen“ zu nennen. Schnittchenpolitik wird nicht dazu führen, dass wir ernst genommen werden. Schnittchenbeauftragte lässt eher an eine Fachfrau für Catering-Service denken. Und zu sagen, wir treffen uns nächstes Jahr in Leipzig zum Schnittchenfrühlingstreffen, ist einfach nur peinlich. Dabei haben wir doch Vieles, auf das wir stolz sein können.

Mittlerweile hat jede eine Menge Lesbenbücher im Regal stehen. Und daneben stapeln sich die Zeitschriften und CDs. L-MAG hat es sogar in die Auslage der Bahnhofskioske geschafft. Lespress bleibt Lespress, auch nach dem letzten April. Lesbenfilmfestivals boomen und der ein oder andere Film flimmert sogar auf Mainstream-Kinoleinwänden. Ob es uns gefällt oder nicht: Die Werbung beginnt zaghaft, auch Lesben als Zielgruppe zu entdecken.

Wohnprojekte für ältere Lesben entstehen oder werden allerorts geplant. Die Lesbenvernetzung ist schon ziemlich weit fortgeschritten.

Der Lesbenring ist im Deutschen Frauenrat vertreten.

CSD, EURO- und World-Pride. GayGames und Lesbensportgruppen in fast jeder vorstellbaren Sportart. Tanzschulen und Frauenbälle. Die Homoehe light wird zur Homoehe mittelschwer nachgebessert. Aufklärungsprojekte in Schulen. Die BahnCard gibt es immer noch auch für Lesbenpaare. Selbst adoptieren dürfen wir. Wenigstens ein bisschen. Und seit mehr als 30 Jahren gibt es das LFT als den höchsten lesbischen Feiertag, der dieses Jahr mal wieder am Ort seines Entstehens begangen wird. Soviel zur Gegenwart.

LFT 2005 Berlin Demo
 LFT 2005 Berlin Demo
LFT 2005 Berlin Demo

Doch bevor wir zum Ende kommen, möchten wir euch noch ein Stück mit in die Zukunft nehmen: Das LFT 2006 wird in Leipzig Lesben aus Ost und West zusammenführen, um lesbisches Allerlei zu feiern.

2010 ist das Adoptionsrecht Mittelpunkt der Diskussionen. Endlich wird das Elternpaar-Modell abgelöst und auch mehr als zwei Personen, unabhängig von welchem Geschlecht, können Verantwortung für ein Kind übernehmen.
2012 geht es um generationsübergreifende Wohnprojekte. Das Wohnwabenmodell wird von der Mehrheit nicht nur der lesbischen Bevölkerung favorisiert.
2015 sind die wichtigsten Themen Transgender, Minderheitenschutz und SM. Das Mittelplenum vertagt die Entscheidungen und stimmt über die berühmten drei Pünktchen ab.
2019 hat das LFT Teilnehmerinnen aus über 150 Ländern.
2022 sind die deutschen Fußballfrauen wieder Weltmeisterinnen geworden und outen sich komplett auf dem Eröffnungsplenum des LFTs.
2035 wird das LFT von der Alterspräsidentin des Bundestages, Carolina Brauckmann, eröffnet. 2042 sind die wichtigsten Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum vertagt die Entscheidungen und stimmt mal wieder über die berühmten drei Pünktchen ab.
2051 Lesbische Literatur wird der diesjährige Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse sein. Aus diesem Anlass sind die stolzen Frankfurter Lesben auch Gastgeberinnen des LFTs.
2060 wird die Ehe als Institution abgeschafft, die Mittel aus dem Ehegattensplitting fließen in einen Fond für individuelle Grundsicherung für jede und jeden, die hier leben.
2077 sind die wichtigsten Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum hat endgültig genug von den drei Pünktchen.
2084 wird Lesbisch-Sein als Asylgrund gestrichen, da nachweislich keine Schwester mehr durch Verfolgung oder Diskriminierung bedroht ist.
2085 gibt es eine Feierstunde mit Bundeskanzlerin und Präsidentin auf dem LFT. Das Antidiskriminierungsgesetz wird ersatzlos gestrichen, da es sich selbst durch eine konsequente Antidiskriminierungspolitik überflüssig gemacht hat.
2090 sind die wichtigsten LFT-Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum besinnt sich auf das Vertagen von Entscheidungen
2095 würdigt das LFT die historische Rolle des Feminismus, die er auf dem Weg zu einer genderfreien Politik hatte.
2096 ist SM immer noch ein heiß diskutiertes LFT-Thema. Das Mittelplenum löst sich erschöpft auf.
3000: Lesbisch-Sein als politische Kategorie hat sich endgültig überlebt. Das LFT ist ein Fest lesbischer Kultur, Lust und Sinnlichkeit in all ihrer Vielfalt.