Denk mal wieder!

Ein Denkmal ist ein Ort, der anregen soll zu denken, ein Anstoß zum Erinnern und Nachdenken.

Im Juni 2008 wurde das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Berliner Tiergarten eingeweiht. Ein an das große Stelenfeld auf der anderen Straßenseite erinnernder Betonquader steht abseits und durch ein Fenster können die BesucherInnen im Innern eine Filmsequenz betrachten.

Gestritten wurde um die Gestaltung des Denkmals wie bei nur wenigen anderen. Mal wird es kritisiert, weil es an schwulen Klappensex erinnern würde, doch kritikwürdig kann dies nur denen scheinen, die Klappensex als minderwertige Sexualität beargwöhnen. Nicht gerade eine Glanzleistung der Toleranz. Dann wieder wird die Darstellung von Lesben im Denkmalskontext als Geschichtsverfälschung angeprangert.

Streiten kann fruchtbar sein, denn wer streitet, sollte nachdenken, eigene Positionen formulieren und begründen. Die Positionen eines anderen niederzumachen, nur um sich selbst zu profilieren, zeugt dagegen von keiner gelungenen Streitkultur. Nach langen Diskussionen wurde vor der Einweihung beschlossen, künftig alle zwei Jahre die im Denkmal gezeigten Filme auszutauschen und sowohl schwule als auch lesbische Kussszenen zu zeigen. Jetzt, pünktlich zur Ausschreibung für die neue Filmsequenz, ist der Streit wieder entbrannt.

Wird die Geschichte verfälscht, wird die Verfolgung und Ermordung von Schwulen im Nationalsozialismus verharmlost, wenn mit einem Lesbenkuss auch der drastischen Beschneidung der Freiheitsrechte lesbischer Frauen gedacht wird? Was soll das peinliche Opferranking. Gemäß dem Bundestagsbeschluss von 2003 soll das Denkmal sowohl Erinnerungsstätte sein, als auch beständiges Zeichen gegen die Diskriminierung, gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen, die beileibe nicht auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränkt war/ist.

Der Text  auf der Tafel am Denkmal berücksichtigt die unterschiedliche Art und Weise, wie Lesben und Schwule in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Er weist auf die Fortsetzung der Diskriminierung sowohl in der BRD, als auch in der DDR hin. Allerdings ist dort ein Lapsus unterlaufen: Es wird nur die Jahreszahl für die Aufhebung des Strafbestandes Homosexualität in der BRD genannt. Die Jahreszahl für die DDR fehlt leider, was den falschen Eindruck erweckt, Homosexualität wäre in der DDR bis zur Wende strafbar gewesen. Verschweigen verzerrt Geschichte.

Das Denkmal soll mahnen, nachdenklich machen, zu Toleranz aufrufen.

Beginnen wir doch mit der Toleranz bei der Gestaltung des Denkmals: Schwule, Lesben, Transpersonen, geschlechtsuneindeutige Darstellungen, Küsse und Feste, Demos und Wohnprojekte – es gäbe so viel zu zeigen aus dem Leben Unangepasster. All dies kann in einem Film dargestellt werden oder in vielen, immer wieder wechselnden.

Die Diskussion beweist, dass das Denkmal lebt, immer noch anregt, sich mit der Geschichte der Verfolgung von Homosexuellen auseinanderzusetzen, so unterschiedlich diese für Schwule und Lesben auch gewesen ist. Ein Denkmal ist kein Geschichtsbuch, das alle Aspekte und Nuancen abbilden kann, und nur ein Denkmal, das zum Nachdenken anregt, ist ein gelungenes Denkmal.

 

Elke Heinicke

Pressesprecherin Lesbenring e.V.