Die Magnus-Hirschfeld-Stiftung und der Lesbenring

Schon im Jahr 2000 war sie vom Bundestag beschlossen worden, 2004 schien sie nach üblem Gerangel um die Besetzung des Kuratoriums endgültig vom Tisch und nun ist sie ganz plötzlich da – die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Uns überraschte die Nachricht in der Sommerpause, mit einem Mal hatten wir einen Sitz im Kuratorium, was damals noch so umstritten gewesen war und mussten innerhalb weniger Tage unsere Bereitschaft zur Mitarbeit erklären.

Laut Presseerklärung der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger vom 31.8.2011 soll die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld „einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Diskriminierung von Lesben, Schwulen und Transgender in Deutschland abzubauen. Die Stiftung soll Anerkennung und Aufklärung für gleichgeschlechtliche Lebensweisen bewirken und so für mehr Respekt und Verständnis sorgen.“

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld wird mit einem Stiftungsvermögen von 10 Mio. Euro ausgestattet werden. Die Haushaltmittel dafür sind bereits eingestellt. Noch 2011 und auch 2012 werden jeweils 2% des Stiftungsvermögens ausgeschüttet, das sind immerhin 200.000 Euro.

Als Ziele und Themen der MHS werden benannt:

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld soll durch gezielte Bildungsarbeit einer gesellschaftlichen Diskriminierung von Lesben und Schwulen in Deutschland entgegenwirken. Weiterer wichtiger Baustein ist die Forschung. Das Leben und die gesellschaftliche Lebenswelt von homosexuellen Menschen, die in Deutschland gelebt haben und leben, soll wissenschaftlich beleuchtet und dargestellt werden. Hierzu werden Kooperationen mit Universitäten, Bildungs- und Forschungseinrichtungen angestrebt.

Das Sammeln, Dokumentieren und wissenschaftliche Auswerten von fachlichem Material und Zeitzeugenberichten ist Teil der wissenschaftlichen Tätigkeit. Ein Netzwerk soll für eine breite Akzeptanz der Arbeit sorgen und Unterstützung ermöglichen. Ein Diskussionsforum soll den Austausch von Informationen ermöglichen und den Dialog fördern.

Das von den Nationalsozialisten verübte Unrecht an Homosexuellen und das Leid Homosexueller in der NS-Zeit sollen in Erinnerung gehalten werden.

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld soll die gesellschaftliche Lebenswelt von homosexuellen Menschen in Deutschland erforschen und darstellen.

Sie soll außerdem wissenschaftliche Forschung und deren Veröffentlichungen anregen und fördern. Dazu gehört die Sammlung, Dokumentation und wissenschaftliche Auswertung von Materialien und Zeitzeugenberichten. Dies soll in fachlicher Zusammenarbeit mit Universitäten, Bildungs- und Forschungseinrichtungen geschehen.

Bildungsarbeit soll gefördert werden, um einer gesellschaftlichen Diskriminierung von Homosexuellen in Deutschland entgegenzutreten. Dazu soll ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut und gepflegt werden, welches Diskussionsforen beinhaltet.

Selbstverständlich haben wir unseren Sitz im Kuratorium bestätigt und als Kuratorin unsere Pressesprecherin Dr. Elke Heinicke benannt. Als Stellvertreterin hat sich unsere Frauenratsdelegierte Ruth Stoll zur Verfügung gestellt. Nach der Beschäftigung mit der Satzung, haben wir bereits eine erste inhaltliche Stellungnahme gegenüber dem Justizministerium abgegeben, in der es unter anderem heißt:

„Wie bereits in den Diskussionen vor einigen Jahren angemerkt, hätten wir uns für die geplante Stiftung den Namen einer lesbischen Frau oder einen geschlechtsneutralen Namen gewünscht. Lesbische Frauen sind in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung immer in Gefahr, nicht wahrgenommen zu werden und unsichtbar zu sein. Das beginnt mit der Berichterstattung über Christopher Street Day Paraden, die allzu oft den Fokus ausschließlich auf homosexuelle Männer richtet, es findet seine Fortsetzung in der politischen Repräsentation, beispielsweise bei der Benennung zu Anhörungen, und es führt neben vielem anderen dazu, dass in der Benennung einer wichtigen Stiftung mit einem Männernamen Frauen wieder einmal mitgemeint sind. Wir können uns das Gegenteil, nämlich dass sich Männer als Gruppe in einer „Johanna-Elberskirchen-Stiftung“ (um beispielhaft eine prominent und historisch gut dokumentierte Wegbereiterin lesbischer Identität in Deutschland herauszugreifen) angenommen und repräsentiert fühlen würden, nur schwer vorstellen. Daher würden wir uns, um dieses Ungleichgewicht nicht noch zu verstärken, einen Namen für die Stiftung wünschen, mit dem lesbische Frauen ebenso wie schwule Männer repräsentiert werden.

Zum anderen hätten wir sehr wichtig gefunden, dass bei den Tätigkeitsfeldern der Stiftung internationale Dimensionen mehr Berücksichtigung finden. Frauen, gerade lesbische Frauen, sind als Migrantinnen in Deutschland Mehrfachdiskriminierungen ausgesetzt und ihre Interessen finden auch in den internationalen Aktivitäten der Bundesrepublik nicht immer die Berücksichtigung, die dem Grad ihrer Betroffenheit von Repression und Benachteiligung entspräche.

Desweiteren finden leider auch die Belange von TransidentInnen und intersexuellen Menschen in der Satzung keine Aufmerksamkeit.

 

Daher würden wir uns, wenn es noch Flexibilität in diesem Bereich gäbe, über eine Erweiterung des Stiftungszwecks sehr freuen.

 

Wir hätten unsere Sachkenntnis zu diesen beiden ebenso wie zu anderen Fragen auch sehr gern in den Entstehungsprozess der Stiftung eingebracht.“

Außer dem Lesbenring als der einzigen explizit lesbischen Organisation sind im Kuratorium vertreten:

  1. der Deutsche Bundestag mit sieben Mitgliedern, wobei jede Fraktion berechtigt ist, mindestens ein zu benennendes Mitglied vorzuschlagen,
  2. das Bundesministerium der Justiz mit zwei Mitgliedern,
  3. das Bundesministerium des Innern mit einem Mitglied,
  4. das Bundesministerium der Finanzen mit einem Mitglied,
  5. das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit einem Mitglied,
  6. das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit einem Mitglied,
  7. die Bundeskonferenz schwul-lesbischer Landesnetzwerke e. V. mit einem Mitglied,
  8. der Fachverband Homosexualität und Geschichte e. V. mit einem Mitglied,
  9. die Initiative Queer Nations e. V. mit einem Mitglied,
  10. das Jugendnetzwerk Lambda e. V. mit einem Mitglied,
  11. der Lesbenring e. V. mit einem Mitglied,
  12. der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) e. V. mit einem Mitglied,
  13. die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e. V. mit einem Mitglied,
  14. der Völklinger Kreis e. V. mit einem Mitglied.

Sowohl an der Zusammensetzung des Kuratoriums wie auch am Entstehungsprozess der Stiftung und ihrer Inhalte gibt es sicherlich einiges zu kritisieren oder zu verbessern. Wir haben uns aber dazu entschieden, nach Kräften mitzuarbeiten, damit den lesbischen Belangen eine Stimme verliehen werden kann. Wir freuen uns sehr über Unterstützung und Ideen aus den Reihen unserer Mitfrauen!

Für den Lesbenring

Jule Blum
Elke Heinicke
Konny Gerhard

 

Quellen und zum Weiterlesen:

  • http://www.bundesstiftungmagnushirschfeld.de/?page_id=28
  • http://www.bmj.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2011/20110831_Magnus_Hirschfeld_Stiftung_vom_Kabinett_beschlossen.html