Die Sache mit dem Feminismus

Irgendwie beschäftigt er ja alle: Er wird verschwiegen, tot gesagt, erneuert, entwickelt, diskutiert, ausdifferenziert und was nicht alles.

Um ihn geht es bei den Lesbenring-Denkwerkstätten: Wie lebendig ist er? Wie lesbisch ist er oder was tragen Lesben Spezifisches zum Feminismus bei? Wohin kann/soll/wird sich der Feminismus bewegen?

Drei Bücher, die diesen Fragen auf den Grund gehen, aber zu ganz unterschiedlichen Antworten kommen.

 

Claudia von Werlhof: Über die Liebe zum Gras an der Autobahn. Analysen, Polemiken und Erfahrungen in der >Zeit des Bumerang<

 

Claudia von Werlhof hat verschiedene Artikel und Redebeiträge zusammen gestellt, die sich mit Patriarchatskritik, Wissenschaftspolitik, Naturverhältnis, Krieg und Globalisierung  beschäftigen. Sie analysiert die Rolle der Frauen und der Frauenbewegung in der Gegenwart.

Sie beschreibt die Kraft, die Frauen und insbesondere Mütter aus ihrer Naturnähe und Wildheit schöpfen können, betont spirituelle Quellen zur Rettung der Welt aus Weltwirtschaftskrise, Globalisierungsfalle und Umweltproblemen. Differenzfeministisch eben. Alles in allem ein düsteres Gesellschaftsbild, das mich eher depressiv und handlungsunfähig macht. Wunderschönes, selbstironisches Cover allerdings in rosarot mit Grüß-Göttin-Schild, einem Kunstwerk an der Tiroler Autobahn. Und ja, ich kann sie nachvollziehen, die Glücksmomente, wenn es doch noch wächst  – das Gras an der Autobahn oder auf so mancher Industriebrache.

 

Claudia von Werlhof. Über die Liebe zum Gras an der Autobahn. Analysen, Polemiken und Erfahrungen in der >Zeit des Bumerang<. Christel Göttert Verlag. Rüsselsheim. 2010

 

 

Angela McRobbie: Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes.

Die Autorin führt den Text als ein kritisches Überdenken der eigenen Position unter neuen gesellschaftlichen Bedingungen ein.

Eine zahlenmäßig kleine feministische Bewegung hat eine Menge in Bewegung gebracht. Feministische Werte sind institutionalisiert worden, haben Eingang in Rechts-, Bildungs- und Gesundheitswesen, in Medizin und Medien gefunden. Radikaler Feminismus jedoch, der  über die Chancengleichheit hinaus Sozialkritik artikuliert, ist unpopulär. Er wird als männerfeindlich, familienfeindlich, pro-lesbisch und vor allem überholt abqualifiziert.

Vorzeigefrauen betonen allzu gern, dass sie keine Feministinnen seien. Postfeminismus ist die medientaugliche Form. Neokonservative familienpolitische Werte gewinnen zeitgleich mit einer Liberalisierung der Gestaltung von (sexuellen) Beziehungen an Einfluss. Es wird geheiratet oder verpartnert – dem Feminismus zum Trotz und um das durch neue weibliche Rollenbilder erschütterte Geschlechterverhältnis wieder zu stabilisieren. Experimente zu alternativen Familienformen fehlen heute, insbesondere seit auch Schwule und Lesben zunehmend ihre Zweierbeziehung legitimieren lassen. Solidarisches Verhalten zwischen  Frauen wird durch Zickenterror z.B. im Fernsehen ersetzt.

Feminismus dient heute zur Abgrenzung der westlichen Welt vom „unterentwickelten“ Rest.

Junge Frauen wird derzeit tatsächlich ein neuer Geschlechtervertrag angeboten, denn ihre Arbeitskraft wird auf dem flexiblen globalen Arbeitsmarkt gebraucht. Aufgrund ihrer neuen  Unabhängigkeit muss heterosexuelles Begehren neu abgesichert werden. Sexy gekleidete Erfolgsfrauen suggerieren: Ich bin eine echte (unterworfene) Frau und sexuell begehrenswert. Solange es nur um die Forderungen nach Gleichstellung, auch von Schwulen und Lesben, geht und das Bündnis mit den sozialen Bewegungen aufgekündigt bleibt, wird sich wenig bewegen.

So ziemlich das Beste, was ich in letzter Zeit über Feminismus gelesen habe!

 

Angela McRobbie. Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Springer Fachmedien. Wiesbaden. 2010

 

Elemente eines neuen linken Feminismus. Das Argument 281.

 

Die kluge Analyse Angela McRobbies wird in den Beiträgen dieses Zeitschriftenbandes fortgeführt. Insbesondere Frigga Haug unterzieht sowohl den esoterischen Mütterfeminismus, als auch den Verlust des Subjekts in den dekonstruktivistischen Genderstudies einer kritischen Analyse und plädiert für einen kämpferischen linken, also antikapitalistischen Feminismus.

Was hat zum Ende der zweiten Frauenbewegung geführt? Haug nennt drei Hauptgründe: Die Verstaatlichung von Frauenfragen, einschließlich der Finanzierung von Projekten, was zu Konkurrenz und einer neuen/alten Sicht auf Professionalität führte.  Die Rolle der Medien, darunter auch der antisozialistische Alice-Schwarzer-Feminismus. Und schlussendlich die Entwicklung der Produktionsverhältnisse selbst, da der Neoliberalismus die Hausfrauenehe abschaffte. Erfolge der Frauenbewegung (auch der Lesben- und Schwulenbewegung – Anmerkung der Autorin) stellten sich zum Teil ein, weil sie im Rahmen des Zeitgeists waren und Forderungen gestellt wurden, als der Neoliberalismus bereits an ihrer Umsetzung werkelte.

Feminismus muss eine Neubewertung von Sorge- und Reproduktionsarbeit einschließen (Hauptthema zur Lesbenring-Denkwerkstatt auf dem diesjährigen LFT – Anmerkung der Autorin). Zusammenhänge sind nur mit dialektischem Denken erfassbar.

Viele weitere spannende Beiträge u.a. von Tove Soiland, Lynne Segal, Judith Butler, terri Seddon,  Renate Ullrich.

 

Elemente eines neuen linken Feminismus. Das Argument 281. Argument-Verlag. Hamburg. 2010

 

 

Es ist nicht mehr so einfach, sich in unserer schnelllebigen Welt zurecht zu finden. Oft gibt es kein Richtig oder Falsch, Fragen müssen neu gestellt und komplex beantwortet werden. Es gilt Bündnisse neu zu knüpfen und über den eigenen Tellerrand zu schauen. Vielleicht ist deshalb das Interesse an den Lesbenring-Denkwerkstätten ungebrochen groß.

Was können Lesben zu einer Erneuerung des Feminismus beitragen?

Quo vadis Feminismus?

 

Elke Heinicke