Eröffnungsplenum LFT Leipzig 2006

Ein Kurzbericht vom LFT 2006 in Leipzig

Liebe Lesben,
wie jedes Jahr berichte ich euch auch diesmal über meine persönlichen Eindrücke vom Lesbenfrühlingstreffen (LFT). Dieses Jahr ging es – nach Rostock 2001 – zum zweiten Mal in die ehemalige DDR. Und, um euch nicht bis zum Ende des Beitrags zappeln zu lassen: es wird demnächst wieder ein LFT „im Osten“ geben, nämlich 2008 in Dresden!

Das LFT 2007 wird (nach 2004) wieder in Mittelhessen stattfinden und für 2009 haben sich Frankfurterinnen bereit erklärt, das LFT nach 20 Jahren wieder in ihre Stadt zu holen. Näheres aber am Ende des Berichtes und nun schön der Reihe nach:

Zum Auftakt des LFT gab es am Freitagabend unter anderem eine kleine Grillfete im Hinterhof des Frauenhotels Clara und wir Aktiven vom Lesbenring haben uns nach dem Essen dort zusammengesetzt zur Lagebesprechung.

Dem Leipziger Orgateam hatten wir die Gestaltung des Eröffnungsplenums versprochen und so begrüßten wir die angereisten Lesben am Samstagvormittag in der Sportuni mit herzigen Bonbons und moderierten das Eröffnungsplenum. Die Orgas bekamen Namensherzen und „Überlebenspakete“, nein -beutel, mit Dingen, die eine Orga unbedingt so braucht… Die Stimmung war ausgezeichnet, das LFT konnte beginnen!

Eröffnungsplenum LFT Leipzig 2006  Eröffnungsplenum LFT Leipzig 2006

Eröffnungsplenum

Leider war es in Leipzig nicht möglich gewesen, alles an einem Veranstaltungsort stattfinden zu lassen und so begann eine Pendelei zwischen der Sportuni, wo es große Räume gab für die Plenen und Abendveranstaltungen und dem Seminargebäude in der Innenstadt, in dem die Workshops stattfanden, die Info-, Verkaufs- und einige Essensstände aufgebaut waren, es eine kleine Kunstausstellung gab – und die, wie immer außerordentlich gut besuchte SAFIA-Oase. Das alles auf mehrere Stockwerke verteilt, das Riesenrad des ebenfalls an Pfingsten in Leipzig stattfindenden Stadtfestes direkt vor den Fenstern und viele viele Menschen unterwegs, unter anderem ca. 20.000 TeilnehmerInnen eines europaweiten Gothictreffens, die mit ihren fantasievollen Kostümen auffielen.

Die Info- und Verkaufsstände befanden sich alle in klassenzimmerartigen Räumen, einen großen „Markt“ hätte ich schöner gefunden.

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Das soll aber keine Kritik an den Orgas sein, die alles getan haben, für uns das schönstmögliche LFT zu organisieren. Mein besonderes Lob gilt übrigens dem Programmheft, das sehr schön und übersichtlich gestaltet ist! Auch die obligatorischen LFT-Becher sind dieses Jahr besonders schön und zur Abwechslung aus Glas…

Aber zurück zum Samstag…

Nach dem Eröffnungsplenum gab es bereits die ersten Workshops und Veranstaltungen von „Lesben und lesbisches Image in der russischen Popkultur“ bis zur „Mitfrauenversammlung des Lesbenfrühling e.V.“ über „Lesben in TV-Serien“, „Lesbisch flirten“, die Vorstellung der „SAPPHO-Stiftung“ und die Lesung „Ulrike Janz: Verwandlungen – Lesben und die Wechseljahre“ (um nur einige zu nennen).

Um 14 Uhr startete die LFT-Demo, die unter dem Motto „Lesben machen Leipzig bunt“ mitten durch die Leipziger Innenstadt führte. Wie ihr sehen könnt, gab es durchaus Überschneidungen bei der Teilnahme am Gothictreffen und dem LFT!

Die beiden Lesben rechts auf dem Foto [Foto folgt] waren total happy, das eine mit dem andern verbinden zu können. Es wurde aber auch Kritik laut nach der Demo: die mitgeführten Schilder, z.B. „Ich bin eine Krankenschwester“ waren für die Passanten nicht aussagekräftig, weil aus keinem Transparent hervorging, dass es sich um Lesben handelt. Schade eigentlich…

DEMOBEITRAG 2006 VON ELKE HEINICKE, LESBENRING E.V.

Demobeitrag der Orgas Leipzig 2006

Nach der Demo gab es Workshops wie „Buddhismus im Lesbenalltag“, „Und plötzlich in Familie“ oder „Pele, die hawai’ische Feuergöttin und ihre Schwestern“.

Mich zog es zur Podiumsdiskussion „Lesbenlesewelten. Versuch einer Kartographie“. Allerdings hatte ich nicht mitbekommen, dass diese im 4. Stock des Nebengebäudes stattfand und nicht im 4. Stock des Seminargebäudes und die Beschreibung „…hinten raus, über den Hof und dann musst du mal sehen, welche Tür offen ist“ half auch nur bedingt weiter. Zwar fand ich schließlich eine offene Tür – kam aber viel zu spät und kann euch deshalb nur fragmentarisch berichten.

Eine Frau sagte, dass für sie ein Lesbenroman ein gutes Ende nehmen muss, Bücher wie „Quell der Einsamkeit“ mit dem tragischen Ende könne heute keine mehr verstehen. Dann ging es darum, was die Frauen im Coming out gelesen haben. Bei den älteren Lesben die eine Hälfte „Häutungen“, die andere Hälfte „Rubinroter Dschungel“. Andere hatten in dieser Phase gar keine Zeit zum Lesen… Die Frage, „Was macht ein Buch zum Lesbenbuch“ konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Die lesbische Autorin? Der lesben-relevante Inhalt? Und was ist mit Büchern, die zwischen den Zeilen gelesen werden wollen, z.B. wenn Annemarie Schwarzenbach eine männliche Hauptfigur beschreibt, aber eigentlich eine Frau meint. Und was passiert, wenn die lesbische Autorin sich irgendwann entscheidet, ein Mann zu sein, wie z.B. Pat Califia, die heute „Patrick“ ist.

Auch die Frage, wie viel Sex bzw. Erotik ein Lesbenbuch braucht, um sich gut zu verkaufen, blieb in der Geschmacksachenschleife hängen. Auf die Frage, woher Lesben Informationen über neue Bücher bekommen können, wurde auf das Internet hingewiesen (Connys Lesben-seiten), aufs LESBENRING-INFO mit den vielen Rezensionen, auf die „Virgina“, die es immer noch gibt und auf den Newsletter der Lesben im Bibliothekswesen (LIBS).

Später ging’s wieder zur Sportuni zum Abendprogramm. Dort stand am Samstag Cocolores auf dem Programm (Musik + Kabarett), die absolut nicht mein Humorzent- rum traf, Cocolores eben… Das anschließende Konzert – irisch-schottischer Pop-Folk mit Lorraine Jordan und Jill Hunter – entschädigte aufs Feinste und war ein schöner Abschluss für einen anstrengenden Tag! Im Parallelprogramm in der anderen Halle gab es Musik von „Yu’n Zu“ und „Caro“.

Am Sonntagmorgen hätte ich gerne am Workshop „Lesben in der neuen Beginenbewegung“ teilgenommen – aber welche schafft es, am Sonntag schon um 9.30 Uhr irgendwo zu sein? Ich leider nicht… Außerdem verpennte ich das Mittelplenum, die Vorstellung des Projektes „FLUSS e.V., Freiburgs lesbisches und schwules Schulprojekt“, den Workshop „Do it yourself – Was Lesben übers schwanger werden wissen wollen“ und vieles andere mehr.

Aber ich schaffte es um 12 Uhr zur Podiumsdiskussion (ja, ich geb’s zu, ich habe eine Schwäche für Podiumsdiskussionen…) „Das LFT der Zukunft?“ Hier wurde unter anderem angeregt, das LFT wieder mehr zu einem „Mitmach-LFT“ zu entwickeln und wieder mehr in die Auseinandersetzung untereinander zu kommen. Die Aussage „das Ehrenamt stärken“ kollidierte mit „Wertschätzung funktioniert häufig über Bezahlung“, beklatscht wurde dagegen „Wir brauchen eine bessere PR – also Werbung – für’s LFT“. Außerdem wurde angeregt, die LFT’s künftig zu dokumentieren, was in den Workshops gemacht werde usw. Gleiche Bezahlung für alle Referentinnen wurde angeregt… Es kam heraus, dass das LFT bei Junglesben den Ruf einer recht „angestaubten“ Veranstaltung hat, die von „Esoterik-Lesben“ beherrscht werde, es aber gerade wichtig sei, die jungen Lesben auf das LFT zu bekommen. Zwecks der Zukunft… Der Wunsch wurde geäußert, dass das LFT künftig jeweils ein Schwerpunktthema herausstellt. Auf die Frage „Wo geht die Lesbenkultur hin?“ und den Konflikt zwischen jungen und älteren Lesben wurde festgestellt, dass es bei jungen Lesben gerade wohl hip sei, heterosexueller auszusehen als die Heteras und das eine eher Geld für eine L-Word-DVD ausgibt als zur Unterstützung eines Lesbenprojekts. Über die Frage: soll das LFT größer oder kleiner werden bestand Uneinigkeit. Auf der einen Seite steht das Bedürfnis nach mehr Professionalität, auf der anderen das nach mehr Nähe untereinander, nach größerem Austausch. Einig waren sich aber die meisten darüber, dass das LFT eine einmalige, für viele wichtige Veranstaltung ist, die es zu erhalten gilt.
Die Diskussion muss auf den kommenden LFTs weitergeführt werden!

Nach dieser aufreibenden Veranstaltung suchte ich etwas Ruhe bei der Kunstausstellung und schaute mir die Ölbilder von Doro Sattler, die Radierungen von Maud Tutsche und die Wanderausstellung Lesben-Lebensweisen in der DDR der 80er Jahre an. Zur Podiumsdiskussion zeitgleiche Work-shops, die ich verpasst habe: „Gibt es so etwas wie ‚Lesbische Kunst‘?“, „Spirituelle lesbische Lebensgemeinschaften auf dem Land“ u.a. Begeistert berichtete eine Freundin über den Film „Porträt der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler“ der Regisseurin Heide Blum, der in der Rosa Linde gezeigt wurde. Näheres unter ww.heideblum.de.

Am späten Nachmittag gab es neben dem „Tanztee in der SAFIA-Oase“, dem „Erzählcafé Lesben in Ost und West“, den Workshops „Mösenmassage (aktive Teilnahme erwünscht)“, „10 Jahre Vernetzung von Lesbengruppen in NRW“, „Lesbisch mit der BRAVO?“ und anderen wieder eine Podiumsdiskussion. Thema: „Dialog der Generationen: Transgender versus Feminismus“.

Bevor das Abendprogramm losging, brauchte frau unbedingt eine Stärkung – und schon komme ich auf das leidige Thema „Essen beim LFT“ zu sprechen. Das Essen war auch diesmal ein Reizthema… Die Nudelpfanne, die es gab, stellte sich als die (für mich) falsche heraus – aber probieren musste ich sie trotzdem, und verpasste dabei das von allen gelobte Kicher(erbsen)-Curry… Ansonsten gab es tagsüber Würstchen und belegte Fladenbrote. Ich vermisste Gemüse und Salate… Aber nun zum „Kessel Buntes“, dem Sonntagabendprogramm, mit viel Witz und Frische moderiert von Kordula Völker. Eröffnet wurde das Programm von der jungen Conny Schediwie, die heitere bis nachdenkliche Lieder zur Gitarre sang. Cordula Völker dazu: „Wie sieht die Zukunft des LFT aus? Ihr habt gerade eine gesehen!“

Weiter ging es mit dem Vorlesen von selbstgeschriebenen Texten, die im Schreibworkshop von Kathrin Schultz beim LFT entstanden waren. Hier begeisterte vor allem eine junge Autorin mit 3 Texten, von denen nur einer wahr war und den es zu erraten galt.

Den 3. Programmpunkt bestritten die Teilnehmerinnen des Workshops „Bodypercussion“, angeleitet von Elke Saller („Flex á Ton“) mit dem Titel „Obstsalat“, einer sehr lustigen Performance. Danach trat Kordula Völker im Duett mit Conny Schediwie auf mit dem Titel „Wann wird’s mal endlich wieder homo…“.

Den 5. Programmpunkt bildeten Uta Keppler und Gitta Schürck mit ihren – im wahrsten Sinne! – zauberhaften musikalischen Clownereien. Danach versetzte ein Schlangenweib alle in Erstaunen – wie frau sich soo verbiegen kann! Der einzige Schwachpunkt im Programm war Liane Stein (Comedy aus Magdeburg). Den Abschluss eines außerordentlich unterhaltsamen und gelungenen Abends bildete der Chor aus Lorraine Jordans Gesangsworkshop. Eine tolle Idee, die Ergebnisse der Workshops ins Abendprogramm mit einzubeziehen und jungen Künstlerinnen ein Forum zu geben! Im Parallelprogramm gab es ein Konzert mit der Gruppe „Boundless Fever“. Nicht zu vergessen die Disco an beiden Abenden nach den Veranstaltungen.

Und nun zur eigentlich traurigsten Veranstaltung eines jeden LFT wegen der Abschiednehmerei, die aber trotzdem eine meiner Lieblingsveranstaltungen ist: das Abschlussplenum am Montagvormittag. Katrin Suder moderierte das Plenum mit so viel Herz, Witz und Spontanität, dass um mich herum alle einer Meinung waren: Thomas Gottschalk und Günter Jauch können einpacken! Nach langem, begeistertem Applaus für die Orgas gab es Lob und Kritik von der Wandzeitung und aus dem Publikum. Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Gelassenheit der Orgas beim LFT selbst wurden gelobt und natürlich die viele Arbeit im Vorfeld und während des LFTs. Das Programmheft und die Tassen gefielen nicht nur mir, eine Extraturnhalle für Schnarcherinnen wurde angeregt, eine politischere Demo gefordert, die Pausen zwischen den Veranstaltungen als zu kurz bemängelt. Einige Frauen wünschten sich die Disco früher und es wurde angeregt, ob nicht ein Abendprogramm genügen würde. Dem Lesbenring und dem Lesbenfrühlingsverein wurde für die kontinuierliche Arbeit im Backoff gedankt. Die Frage nach der Anzahl der Teilnehmerinnen beantwortete Katrin diplomatisch mit „auf jeden Fall mehrere Hundert“, sie konnten es noch nicht genau sagen.

Dann die Frage: wo findet das LFT 2007 statt?
Ein Krimi hätte nicht spannender sein können, Katrin wartete lange, ob sich nicht doch noch eine Stadt für 2007 melden würde – was trotz allerlei Gerüchten nicht geschah – bis sie dem Publikum eröffnete, dass sich für diesen Fall die Mittelhessinnen entschlossen hätten, das LFT nach 2004 noch einmal auszurichten. Begeistert und erleichtert darüber dass es auch nächstes Jahr wieder ein LFT gibt, kamen viele Lesben aus dieser Region auf die Bühne .

Danach ging es wie von selbst: junge Lesben aus Dresden wollen das LFT 2008 in ihre Stadt holen und Lesben aus Frankfurt am Main werden das LFT 2009 ausrichten – 20 Jahre nach dem LFT in Frankfurt 1989!

Das LFT hat eine Zukunft, über deren Gestalten es sich lohnt nachzudenken…

Text: Petra Wittchen