Eine lesbische Sicht:

Feminismus und Gender

Wir wollen nicht heiraten.

Wir sind keine Führungskräfte, die in der einen oder anderen Weise vom Diversity Management profitieren.
Wir gehören nicht zur angeblich ausgesprochen konsumfreudigen lesbischen Zielgruppe.
Wir ähneln nicht im Entferntesten den auf Mainstream gefönten Telelesben der Vorabendsoaps.

Wir sind Politlesben, Sprecherinnen des Lesbenrings, des größten Dachverbandes für Lesben, Lesbengruppen und -organisationen. Wir sind zur Zeit arbeitslos bzw. freiberuflich tätig, ost- bzw. westsozialisiert, Mutter und Co-Mutter einer 13- und einer 22-jährigen Tochter.

 

Wir sind Radikalfeministinnen, die immer noch patriarchal nennen, was ihnen so vorkommt, denen ihr „Blick für Frauen“ unverändert wichtig ist – Dinosaurierinnen eben.
Das alles prägt auch unsere Sicht auf Feminismus und Gender. Eine umfassende Auseinandersetzung damit würde Bücher füllen, deshalb wollen wir im Folgenden lediglich versuchen, eine Gleichung aus den Variablen Lesben, Feminismus und Gender aufzustellen, die garantiert mehr als nur eine Lösungsmöglichkeit hat.


Für Lesbe gibt es viele, teilweise auch widersprüchliche Definitionen, wie: eine, die mit Frauen ins Bett geht, eine die Frauen liebt, … nach unserer provozieren wollenden Sichtweise können Lesbe auch alle die genannt werden, die frauenbezogen leben, Frauen reproduzieren und ernst nehmen, unabhängig davon, mit welcher oder wem sie ins Bett gehen. Heute wird immer wieder betont, dass das Motto „Feminismus ist die Theorie, Lesbischsein die Praxis“ nur auf einem Übersetzungsfehler beruhe, richtig müsse es heißen: „Lesbischsein ist eine Praxis“. Bleibt aber in der Quintessenz nicht trotzdem die Verbindung der Lesben zum Feminismus? Lesben sind per se Frauen zugeneigt, ergo in gewissem Sinne wohl feministisch. Ob die anderen Feministinnen nun alle lesbisch sein/werden müssen, kann uns hier ziemlich egal sein und ist in unserer Gleichung ohnehin vernachlässigbar.

Warum also bezeichnen sich viele Lesben nicht als Feministin? Oder behaupten Altfeministinnen heute gar, lieber Emanze als Feministin zu sein?

 

Feminismus ist einer dieser Begriffe, über den alle sich ein Urteil bilden und dieses äußern, ohne dass eine annähernde Verständigung über den Begriffsinhalt stattgefunden hätte. Feminismus wird abgelehnt, weil er nur die weiße, privilegierte, christlich sozialisierte, gesunde,… Mittelschichtfrau im Blick habe und andere ausgrenze.

Feminismus wird abgelehnt, weil er die Bündnismöglichkeiten einschränke und nicht lobbyfähig sei. Feminismus wird abgelehnt, weil Lesben sich sowieso für die besseren Frauen halten. Feminismus wird abgelehnt, weil er biologistisch die Zweigeschlechtlichkeit festschreibe.

Und so weiter.
Feminismus ist allerdings nach unserem Verständnis ein recht nützliches Werkzeug, um sich in Alltag, Politik, Weltgeschehen etc. zu orientieren. Es schärft zu jeder Frage den Blick auf Ungereimtheiten, lässt fragen, welche Rolle Frauen dabei spielen und welche Auswirkungen die Entwicklung auf sie haben wird. Und zwar von A wie Abbau von Sozialleistungen über G wie Globalisierung bis Z wie Zuwanderungsgesetz.

Feminismus ist mitnichten biologistisch. Im Gegenteil unterscheidet er nach Sex, Gender und Begehren. Sex meint das „biologische Geschlecht“, von dem durchaus auch Feministinnen wissen, dass es nicht immer eindeutig und in gewissen Grenzen veränderbar ist, wobei Zwangszweigeschlechtlichkeit ebenso abzulehnen ist wie Zwangsheterosexualität und Zwangsmonogamie. Das Begehren kann sich auf alle Geschlechter richten und wird ebenfalls nirgends per Vertrag für die Ewigkeit festgeschrieben. Wäre Begehren alleiniger „Bündnisfaktor“, hätten Lesben und Heteromänner sowie Heterafrauen und Schwule die meisten gemeinsamen Interessen. Dass das nicht so ist, liegt in der Kategorie Gender begründet. Mit Gender ist das soziale Geschlecht gemeint, die Geschlechterrollen, die von der Gesellschaft zugeschrieben werden. Lesben widersetzen sich (gewollt oder auch nicht) mehr oder weniger der ihnen zugedachten Frauenrolle, indem sie beispielsweise die Reproduktion von Männern verweigern oder der Mutter nicht in jedem Falle automatisch die von ihr angestrebte Großmutterposition garantieren. Sind in diesem Sinne nicht Lesben als die eigentlichen Transgender zu verstehen? Interessanterweise wird diesem Aspekt in der gegenwärtigen Transgenderdiskussion bisher kaum Beachtung geschenkt. Irgendwo scheint auch hier der feministische Blickwinkel auf der Strecke geblieben zu sein.

Was bedeutet vor diesem Hintergrund denn dann wörtlich genommen Gender Mainstreaming? Soziales Geschlecht endlich wieder auf seinen (respektive ihren, denn treffen tut’s ja die Frauen!) Platz zu verweisen, dem Mainstream anzupassen? Genauso wie die Queer-Bewegung die Lesben wieder verschwinden lässt, macht Gender Mainstreaming erneut die Frauen unsichtbar. Weder das eine noch das andere beschert den Frauen z.B. gleiche Einkünfte oder gleiche Beiträge zur Lebensversicherung, gleiche Karrierechancen oder verhindert sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Es wird nur nicht mehr darüber gesprochen. Vielleicht mitgedacht. Wenn wir Glück haben…

Feminismus ist nicht ausgrenzend, Feminismus ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Feminismus ist ein Beurteilungsstandpunkt, solange wir noch nicht in der besten aller Welten leben. Im neuen Selbstverständnispapier des Lesbenrings heißt es dazu: „Wir wünschen uns eine Welt frei von Diskriminierungen aller Art, in der es nicht mehr wichtig ist, ob Eine lesbisch oder hetero, Frau oder Mann, trans-, bi- oder autosexuell, nicht-weiß oder weiß, andersfähig oder nicht … ist, dass heißt, eine Gesellschaft, die gewalt- und hierarchiefrei ist, in der es keine Privilegien und deshalb auch keine Unterprivilegierten gibt. Lesbisch sein wäre in solch einer Welt nicht länger politische Kategorie, sondern Ausdruck einer Art des Begehrens. … Davon können wir träumen, aber bis dahin ist es noch sehr weit. Solange wir uns auf diesem Weg befinden, bleibt der Feminismus bestimmend für unsere Politik!“

Jule Blum und Elke Heinicke