Ellen Widmaier: Und dann traf ich Arjeta

Die Autorin Ellen Widmaier ist offensichtlich keine Unbekannte, der Verlag listet einige Veröffentlichungen. Die mitgelieferte Vita fällt dagegen etwas spärlich aus: geboren 1945, Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften und freie Schriftstellerin. Die Leserin mag beim besten Willen nicht glauben, dass es darüber hinaus nichts Bemerkenswertes von der Autorin zu berichten gäbe. Und so eröffnet sich viel Raum für Spekulationen, inwieweit ihre Erzählungen bzw. Teile davon autobiografische Züge tragen. Insbesondere die Titelgeschichte wirkt wie die Bearbeitung eines recht persönlichen Tagebuchs: Eine Frau erinnert sich beim Auszug der erwachsenen Kinder zurück an ihre Zeit in der Studentenbewegung und dabei insbesondere an eine Studienreise nach Albanien, ihre Begegnung mit der realen Revolution, mit Arjeta.

Sie beschreibt aber auch ihre eigene Enttäuschung, als sie Engstirnigkeit und Zensur kennen lernt. Diese Geschichte beeindruckt vielleicht weniger durch ausgefeilte Sprache oder ausgeklügelte Erzählweise, dafür umso mehr durch interessante Details und berührt durch die Direktheit, mit der die Erlebnisse berichtet werden. Am Ende der Lektüre war dies der Beitrag, der mir am lebhaftesten in Erinnerung geblieben war. In neun weiteren Beiträgen erzählen Heldinnen von ihrer Angst vor atomaren Katastrophen, von den Fragen der Jüngeren nach der Mitschuld ihrer Elterngeneration am Naziterror, von der Liebe und von dem Umgang mit Erinnerungen an den Holocaust. Aus der Perspektive einer Katze wird über sexualisierte Gewalt erzählt. Aus den Briefen zweier Frauen entsteht das Bild einer lesbischen Dreiecksbeziehung, allerdings weit weniger überzeugend als beispielsweise die Titelgeschichte. Es folgen eine Teenie- Amore mit italienischem Flair und eine weitere Heldin, die sich gestattet, ganz unverblümt Sex von einem Mann zu verlangen. Den Reigen beenden eine Erzählung zur Vergangenheitsbewältigung in einer Familie entlang der deutschfranzösischen Grenze sowie Erinnerungen ans Erwachsenwerden im Saarland. Auf den ersten Blick scheint die Zusammenstellung der Geschichten sehr willkürlich. Dass sie alle zehn von Frauen handeln, scheint entgegen der Hervorhebung durch den Verlag eine sehr schwache Klammer zu sein. Die Geschichten sind ausgesprochen unterschiedlich in Stil und Handschrift, die Protagonistinnen definieren ihr Frausein auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Was die einzelnen Beiträge auf den zweiten Blick aber zu einem Ganzen werden lässt, ist der immer wieder aufscheinende Bezug zum Saarland.

 

Ellen Widmaier. Und dann traf ich Arjeta. Gollenstein Verlag. Merzig. 2008

gelesen von Elke Heinicke