Ellis Avery: Die Teemeisterin

Die neunjährige Aurelia wird im Jahr 1856 mit ihrem Onkel, einem Missionar, nach Japan geschickt, während zu Hause in New York ihre Mutter stirbt. Als in dem Haus, in dem sie und ihr Onkel untergekommen sind, ein verheerendes Feuer ausbricht, irrt sie hilflos durch die Straßen Kiotos. Völlig erschöpft verkriecht sie sich im Teehaus der Familie Shin, wo sie von der Tochter des Teemeisters, Yukako, gefunden und unter die Fittiche genommen wird. Aurelia, die nun Urako genannt wird, wächst als Dienerin bei der Familie Shin auf und lernt zusammen mit Yukako heimlich die Ausübung der Teezeremonie.

Yukakos Vater, der angesehenste Teemeisters der Stadt, verbietet seiner Tochter sowohl die offizielle Ausübung der Teezeremonie als auch die Heirat mit dem von ihr geliebten Akio. Er zwingt sie, den ebenso unfähigen wie ungeliebten Jiro zum Mann zu nehmen, der die Familie nach dem Tod des Teemeisters fast in den Ruin führt. Nur Yukakos Tatkraft und mutiger Entschlossenheit ist es zu verdanken, dass in den Zeiten des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs in Japan der Teeweg auch für Frauen geöffnet wird.

 

Urako, die kleine Ausländerin, hat große Probleme, sich in der verwirrenden japanischen Kultur zurecht und ihren Platz in der Familie Shin zu finden. Ihre Intelligenz und ihr unbändiger Lebenswille sowie ihre Hingabe an Yukako lassen Urako mit der Zeit dann aber doch fast zu einer richtigen Japanerin werden. Einen Teil ihrer Liebe zu Yukako überträgt sie auf Inko, die Dienerin der Geisha Koito, mit der sie das Begehren leben kann, welches sie gegenüber Yukako nicht zu zeigen wagt.

Die japanischen Frauen haben wenig Einfluss darauf, welchen Weg ihr Leben nimmt und so muss auch Inko Urako verlassen. Yukako wandelte sich immer mehr von der Älteren Schwester zur Herrin und verstößt Urako aus ihrer Nähe. Deren Rache verändert das Leben beider Frauen und führt dazu, dass Urako Japan verlassen und wieder zu Aurelia werden muss.

Das fast 600 Seiten dicke Buch Die Teemeisterin ist gleichermaßen Zeitreise und Entdeckungsfahrt in eine andersartige Kultur. Ellis Avery schafft es sprachgewaltig und mit viel Einfühlungsvermögen, dem historische Japan, der Vielschichtigkeit der strengen Kastengesellschaft und vor allem der Bedeutung der Teezeremonie eine schillernde, fesselnde und bemerkenswerte Lebendigkeit zu verleihen. Besonders beeindruckend ist ihre Fähigkeit, die LeserInnen mitzunehmen in eine Welt streng reglementierter und formalisierter Kommunikation, die unserem westlichen Verständnis so gänzlich fremd erscheint. Die Teemeisterin ist ein großartiger Entwicklungsroman, eine wunderbare Liebesgeschichte, eine fesselnde historische Erzählung, kurzum ein absolut spannendes, faszinierendes, lesenswertes und ergreifendes Buch.

Ellis Avery. Die Teemeisterin. Karl Blessing Verlag München 2008

gelesen von Jule Blum