Emma Dante: Mitternacht in Palermo.

Der Autorin des Romans, bekannt als erfolgreiche Theaterautorin und Regisseurin, gelingt es Szenen plastisch und lebendig werden zu lassen. Sie nimmt die Leserin mit in ihre Heimatstadt Palermo, in eine enge abgelegene Seitenstraße. Auf engstem Raum entspinnt sich die Handlung, die parabelhaft das Leben der sizilianischen Gesellschaft erfasst: Machokultur, Korruption, bittere Armut, Familiendramen. Wie in der altbekannten Lesebuchgeschichte die zwei Ziegen auf dem engen Steg begegnen sich in dieser Geschichte zwei Wagen, die aufgrund der Enge nicht aneinander vorbeifahren können. Einer muss ausweichen. Nur wer?

Das Auto mit dem lesbischen Paar, das Beziehungsprobleme zu klären hat? Angst vor Homophobie treibt eine von ihnen um und lässt sie das Coming out scheuen. Eine der beiden Frauen stammt aus Sizilien, die andere fühlt sich fremd und versteht die Einheimischen kaum. Im anderen Wagen ist eine Familie auf dem Rückweg vom Strand. Nur wenige Meter trennen sie noch von ihrem Haus. Am Steuer sitzt eine illegale Migrantin aus Albanien, Schwiegermutter eines Sohnes der Familie, deren Tochter nicht mehr am Leben ist. Am Ende geht es um Betrug und eine Wette, es wird geliebt, geflucht, gestorben. Heiß und drückend sind Wetter und Atmosphäre, es riecht nach Angst, Verzweiflung, Sex, Schweiß und menschlichen Exkrementen. Und ganz wie im Theater ist die Leserin unmittelbar dabei, wenn das Leben im Roman konzentriert wie in einem Bühnenstück seinen Lauf nimmt.

Emma Dante. Mitternacht in Palermo. Roman Sammlung Luchterhand. München. 2010

gelesen von Elke Heinicke