Eric D. Beinhocker: Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt.

Wahrscheinlich blättern die wenigsten Leserinnen regelmäßig die Neuzugänge im Wirtschaftsregal ihrer Buchhandlung durch und so würde diese Neuerscheinung vermutlich unentdeckt bleiben. Das wäre allerdings jammerschade und das beileibe nicht nur, weil Katrin Suder, langjährige LR-Mitfrau, die deutsche Ausgabe dieses Buches betreut hat.

Nein, dieser 592-Seiten-Band liegt zwar verdammt schwer in der Hand bzw. beim abendlichen Schmökern auf dem Bauch, verbietet sich allein durch sein Gewicht als morgendliche Lektüre im Bus, aber die physische Anstrengung lohnt sich allemal, denn dieses Buch hat es in sich. Wäre es nicht allzu abgeschmackt, wäre ich versucht zu sagen, es treffe genau in des Pudels Kern und zeige, was die Welt im Innersten zusammen hält.

 

Aber lassen wir die Klassiker ruhen und wenden uns dem Inhalt zu.

Beinhocker spürt die blinden Flecken und Widersprüchlichkeiten der bisherigen Wirtschaftswissenschaften auf und deutet an, was von diesem Wissenschaftszweig in den nächsten Dekaden erwartet werden kann. Überzeugend ist dargestellt, dass die Wirtschaftswissenschaften für das 21. Jahrhundert die Rolle spielen könnten, die im 20.Jahrhundert die Physik übernommen hat. Insgesamt stehen wir am Beginn einer Erkenntnisexplosion, die vieles bisher als sicher Betrachtetes in Frage stellen wird.

Beinhocker nimmt die LeserIn mit auf eine Entdeckungsreise in die Welt der Wissenschaft, lässt Parallelen zwischen Evolution und Wirtschaftsentwicklung nachvollziehbar werden. Aus den Kapiteln des Buches ergibt sich Schritt für Schritt eine Bild von Komplexitätsökonomik, das uns die Wirtschaft als komplexes, vernetztes, nicht lineares System begreifen lässt, bei dem die Elemente in ständiger Wechselwirkung zueinander stehen. Ein solches System lässt sich somit niemals sicher prognostizieren und nur punktuell steuern. Übertragen auf die Gesellschaft stellt es sowohl linke als auch rechte Positionen in Frage und plädiert für einen dritten Weg. Wenn auch dieser letzte Abschnitt etwas kurz ausfällt und der für mich am wenigsten innovative und überzeugende war, so werden doch Ansatzpunkte für einen Weg aus der Armutsfalle aufgezeigt. Frei von Widersprüchen sind die letzten Kapitel für mich keineswegs – wenn doch extrem starke Familienbande das soziale Kapital eher niedrig halten und Religiosität der Entstehung von Wohlstand eher behindert, warum zum Teufel werden anschließend ausgerechnet traditionelle Werte als Garant für den weiteren ökonomischen Erfolg der USA beschworen?

Ein Buch für FachwissenschaftlerInnen?

Ich als völlig Fachfremde, mit gerade mal zwei Semestern Politischer Ökonomie und ein paar hundert Seiten Kapital, fand die Lektüre fesselnd. Der Stoff wird luzide vermittelt, die Sprache ist flüssig, die Übersetzung brillant, die Beispiele plastisch, Diagramme und Graphiken gut gewählt. Zudem sind alle Kapitel in kurze Unterabschnitte geteilt, die häufige Zwischenstopps möglich machen, um das Gelesene gegen die Folie der eigenen Erfahrungen zu prüfen. Ein Buch, das hilft, in unserer immer komplizierter werdenden Welt den Überblick zu behalten und die Möglichkeit bietet, scheinbar Vertrautes einmal aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu betrachten.

Absolutely nerdy und ein Muss für die, die Spaß am Denken haben.

Eric D. Beinhocker: Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt.
mi-Fachbuchverlag. Landsberg am Lech. 2007.

gelesen von Elke Heinicke