Helga Hieden-Sommer: Sozialstaat, neoliberales Wirtschaften und die Existenzsicherung von Frauen.

Mit einer goldenen Plakette auf dem Cover wirbt das Buch für sich: Für ein besseres Wirtschaftsverständnis. Die Erwartungen der Leserin dürfen also hoch sein. Hauptsächlich geht es um das irreführende Verständnis von Wirtschaft und Arbeit, bei dem die unentgeltlich und vor allem von Frauen verrichteten Reproduktionstätigkeiten nicht als Arbeit angesehen werden. Unbezahlte Konsum- und Betreuungsarbeiten gelten als unproduktiv und scheinen im Bruttoinlandsprodukt nicht auf. Dagegen gelten ärztliche Leistungen, Autoreparaturen oder Waffenproduktion sehr wohl als produktiv.
Angeblich sei laut Meinung der Wirtschaftsexperten der allgemeine Wohlstand umso höher, je weniger Geld für nichtproduktive, d.h. nicht Gewinn bringende Tätigkeiten ausgegeben wird. Der Wohlstand steigt ergo durch Kürzungen in Gesundheitswesen, Kinderbetreuung, Bildungswesen? Hieden-Sommer zeigt auf, dass der Sozialstaat eine besondere historische Leistung darstellt. Sie weist auf die Entkopplung von Einkommen und erwirtschaftetem Reichtum für einen großen Teil der Bevölkerung mit dem Resultat der Zunahme nichtexistenzsichernder Arbeitsverhältnisse hin. Außerdem zeigt sie, dass ein „schlanker“ Staat Frauen in doppelter Hinsicht (be)trifft: Eingespart werden vor allem Frauenarbeitsplätze, die durch Privatisierung in prekarisierte Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt werden. Außerdem stehen weniger leistbare öffentliche Betreuungs- und Dienstleistungsangebote zur Verfügung, die deshalb zunehmend wieder unentgeltlich und hauptsächlich von Frauen in der Familie geleistet werden müssen – insbesondere, wenn weniger Geld als bisher zur Verfügung steht und der Kindergartenplatz durch Privatisierung teurer geworden ist… Ein Teufelskreis.
Viele Gedanken sind interessant, Zusammenhänge umfassend beleuchtet, wenn auch nicht so revolutionierend, wie versprochen. Gut geeignet für den Einstieg in wirtschaftswissenschaftliche Betrachtungen, allerdings etwas langatmig und äußerst redundant. Weniger wäre an einigen Stellen viel mehr gewesen.

Helga Hieden-Sommer. Sozialstaat, neoliberales Wirtschaften und die Existenzsicherung von Frauen. Milena Verlag. Wien. 2007.

gelesen von Elke Heinicke