Helma Lutz: Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung.

Dies ist eines der besten Sachbücher der letzten Zeit! Klar und strukturiert, luzide in Sprache und Darstellung, gut recherchiert, mit vielen konkreten Fakten. Lesevergnügen gepaart mit Anregungen zum Mit- und Weiterdenken.
In der Neuen Frauenbewegung ging es darum, die Frauen von den drei Ks zu befreien, reproduktive Tätigkeiten gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen und auch den ehemaligen Hausfrauen und Vollzeitmüttern eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und an der Lohnarbeit zu ermöglichen. Wie ist die Bilanz ausgefallen? Die Autorin zeigt, dass die tatsächlich erkämpften Veränderungen im Erwerbsleben keineswegs zu einer generellen Neuverteilung der Arbeit in der Familie geführt haben.

Wer also wäscht, putzt, füttert das Baby, kontrolliert die Hausaufgaben, fährt den Nachwuchs zur Musikschule, wenn nicht nur der Ehemann, sondern nunmehr auch die Ehefrau Selbstverwirklichung in einer beruflichen Karriere anstreben? Hinter so manch einer erfolgreichen Frau steht nämlich kein sein Scherflein zur Haus- und Erziehungsarbeit beitragender Mann, sondern eine Putzfrau, ein Kindermädchen oder Au-pair, die zudem immer häufiger aus ökonomisch schwächeren Ländern, seit dem Systemwandel aus dem Osten Europas, kommen. Globalisierung hört also mitnichten vor unserer Haustür auf, längst hat sie Einzug gehalten in Küchen und Kinderzimmer. Besonders günstig kann die Hausarbeit von den Familien und Singles eingekauft werden, wenn die Lage der Beschäftigten durch einen illegalisierten Aufenthaltsstatus prekarisiert ist.

 

Nur zeigt Lutz, dass die Situation sich ganz und gar nicht eindeutig gestaltet: Nicht angemeldete Arbeitsverhältnisse sind auch für die Beschäftigten wesentlich lukrativer. Arbeitsmigrantinnen sehen ihre Migration zum Teil als Befreiung aus sie beengenden Verhältnissen, andere leiden stark unter der Trennung von ihren eigenen Kindern. Viele sind zufrieden mit ihrer Situation, sie sind zum Teil hoch qualifiziert, sehen sich selbst als Kleinunternehmerin, glauben, dass ihre eigenen Kinder gut versorgt sind und durch den Zuverdienst bessere Bildungschancen haben werden. Das Thema lässt sich in seiner Vielschichtigkeit nur umreißen, wird durch die anhand von Migrationsgeschichten von Hausarbeiterinnen aus verschiedenen Ländern dargestellt. Es scheint auf manche Fragen keine eindeutigen Antworten zu geben, allerdings kann als vorläufiges Fazit festgehalten werden: Reproduktionstätigkeiten sind zu einem signifikanten Prozentsatz umverteilt worden – allerdings sind sie an andere Frauen weitergereicht worden, ohne sie als vergeschlechtlichten und strukturell entwerteten Tätigkeitsbereich in Frage zu stellen.

Helma Lutz: Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung. Verlag Barbara Budrich. Opladen & Farmington Hills. 2008

gelesen von Elke Heinicke