Hg.: Laura Méritt: Mein lesbisches Auge 7

Hg.: Laura Méritt: Mein lesbisches Auge 7

Hg.: Laura Méritt: Mein lesbisches Auge 7bestellen… Wenn ich einen neuen Almanach der inzwischen fest zum Lesbenleben gehörenden Reihe in der Hand halte, dann suche ich zuerst nach den Perlen, den literarischen Perlen wohlgemerkt. Fündig geworden bin ich im neuen Band, wenn auch nicht gleich auf den vorderen Seiten.

Wunderschön fand ich Andrea Karimés Sandflug oder: Das Geschenk, die Episode aus dem Alltag einer Langzeitbeziehung, gefallen hat mir Sophie Fröhlichs Regenbogen, die Beschreibung einer Wiener Ballnacht, berührt haben mich Helena S Renn und Anke Esser mit Unten 2, der Fortsetzung aus Mein lesbisches Auge 6, in der ein durch immer neue SM-Szenarien verbundenes Duo über das Spiel ganz andere Bedürfnisse nach Nähe und Verbundenheit zulassen kann, der Beitrag von Jaccomplice Fahrlässig über den Briefwechsel einer geblitzten Autofahrerin mit der Bußgeldstelle hat mich zum Schmunzeln gebracht.

Allerdings sind viele andere Beiträge sprachlich weit weniger ausgefeilt, viel zu oft folgt auf ein kurzes Setting eine eher technisch anmutende Beschreibung, wie sie vielleicht im Coming-out gern gelesen wird – ganz anregend und informativ zugleich, solange allein Sex zwischen zwei Frauen einen ungeheuren Tabubruch darstellt. Mich bringen – um bei der Wahrheit zu bleiben – weder explodierende Synapsen, noch geschwollene Perlen oder voll erblühende Rosenknospen in Wallung. Etwas gendertroublige Vielfalt gibt es auf den Seiten: der (bezahlte) Mann als lebendiger Dildo eines Lesbenpaares, Frauenpaare, die Lust daran haben Männerpaaren beim Fick zuzuschauen (mit leisem Bedauern, dass die Jungs so wenig interessiert wären, bei den Frauenpaaren zu spannen – das ist doch mal was Neues!). Die Frage, was feminine Dykes, die wie schwule Männer aussehen und handeln, hat mich ernsthaft zum Nachdenken gebracht. Ein wenig schlampig-polyamoröse Lebens- und Beziehungsbetrachtungen vervollständigen den Themenkatalog.

Ansonsten war es nicht immer ein Gewinn, dass die einzelnen Texte mittlerweile länger geworden sind. Die Interviews, die um das Erlernen von Sextechniken kreisten, hätten von den Fragen etwas pointierter und wesentlich gestrafft werden können. Fotos, Illustrationen und Cover sind wenig spektakulär für meinen Begriff. Dafür sind einige Essays lesenswert (Julika Funk). Der Themenkomplex Sex und Sprache wird von Caroline Wilhelmi aufgegriffen und die Ergebnisse einer Befragung zum „sexuellen Sprachgebrauch“ werden vorgestellt. Da fängt es an, interessant zu werden, verdammt interessant und ich bin sicher, dass es hier eine Menge Stoff für neue Projekte gibt. Der Anfang ist immerhin getan.

Meine absolute Lieblingsseite ist Seite 251, das Vorkommen von einschlägigen Begriffen in diesem Buch darstellt. So erfährt die Leserin, dass Lippen und Zungen offensichtlich heißesten Körperteile sind, Küssen die häufigste Sexualpraktik, gefolgt von Lecken, was ja auch die Siegerinnenpositionen der oralen Werkzeuge verständlich macht. Bauchnabel und Poritze sind gleichermaßen weit abgeschlagen, es wird wesentlich öfter gekommen im Lesbischen Auge als der Höhepunkt erreicht. Diese wenigen Zahlen geben doch einen wirklichen Einblick in unsere Sexkultur! Bitte diese Seite auch in allen weiteren Bänden beibehalten! Wir wollen eine Entwicklung sehen.

Hg. Laura Méritt.  Mein lesbisches Auge 7. konkursbuchverlag Claudia Gehrke. Tübingen. 2008

gelesen von Elke Heinicke