Jade Y. Chen: Die Insel der Göttin.

In ausführlichen Rückblenden schilderte der Roman die Geschichte der Familie Lin in Taiwan. Ayako, eine junge Japanerin aus Okinawa, heiratet den ältesten Sohn der Lins, die ein gut gehendes Geschäft mit chinesischen Heilkräuter betreiben. Die Ehe ist nicht glücklich und Ayako verliebt sich in ihren Schwager. Durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs und das Terrorregime Tschiang Kaisheks reißt die Familie auseinander, Ayako muss nicht nur ihre beiden Töchter allein aufziehen, sondern sich auch noch um ihre Schwiegermutter kümmern. Die ältere Tochter Sijuko, Mutter der Ich-Erzählerin, heiratet einen Mann, der sich genauso wie ihr Vater keinen Deut um sie oder seine Tochter schert. Auch zu ihrer Schwester Sinru hat die Mutter kein gutes Verhältnis, zu sehr meint sie um die Aufmerksamkeit und Liebe Ayakos konkurrieren zu müssen. Der Ich-Erzählerin bleibt keine andere Wahl, als Taiwan und ihre Mutter schon als sehr junge Frau zu verlassen.

15 Jahre später kehrt sie 2002 mit ihrem deutschen Mann nach Taiwan zurück, um dort zu heiraten. Eine von diesem gut zwei Wochen zuvor gestellte Frage über zwei Götterfiguren hatte dazu geführt, dass sich die junge Frau gründlich mit der Geschichte ihrer Familie, vor allem mit dem Leben ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihrer Tante auseinander setzt. Erst die intensive Beschäftigung mit dem Schicksal der Frauen ihrer Familie zeigt auf, wo Muster weitergegeben, Verletzungen und Missverständnisse nicht aufgeklärt wurden.

Die Insel der Göttin ist ein faszinierender Roman über die Historie Taiwans und zugleich eine fesselnde Familiensaga. Besonders beeindruckend ist die meisterhafte Erzählweise Chens. Sie schildert die Geschichte in sich teilweise stark überlappenden Rückblenden, die dadurch, dass sie aus der ganz eigenen Perspektive der einzelnen Familienmitglieder erzählt werden, ausgesprochen spannend, erhellend und unterhaltsam zu lesen ist, ohne auch nur im geringsten redundant zu wirken.

 

Jade Y. Chen., Die Insel der Göttin. Münchner Frühling Verlag, 2008

 

gelesen von Jule Blum