Jutta Schwerin: Ricardas Tochter. Leben zwischen Deutschland und Israel.

Langjährigen Mitfrauen des Lesbenrings dürfte der Name der Autorin noch in Erinnerung sein, denn unter dem Namen Jutta Oesterle-Schwerin gehörte sie längere Zeit zu den Aktiven unseres Dachverbandes. Sollte eine im Buch nach den Spuren Jutta  Schwerins lesbenpolitischer Arbeit forschen wollen, so wird sie bis auf wenige Repliken und insbesondere ihres Einsatzes für den Gebrauch der Begriffe „Lesben“ und „Schwule“ im Bundestag nicht fündig werden.  Ganz sicher wäre das Stoff für ein weiteres Buch.

Neben Jutta Schwerins persönlicher Geschichte von ihrer Kindheit und Jugend in Israel mit all den innewohnenden Zweifeln und Widersprüchen über ihre ersten Begegnung mit engagierten Jugendlichen aus Deutschland, ihr Studium , die Arbeit im SDS, als Kommunalpolitikerin wird der Bogen geschlagen bis zu ihrer Zeit als Bundestagsabgeordnete. Sie erzählt von ihren großen Lieben, ihren Kindern, ihrem erst zögerlichen Coming out, den ersten Kontakten zur Frauenbewegung. Manchmal habe ich mir mehr Informationen über dieses überaus spannende Leben gewünscht, aber Hauptthema des Buches bleibt gemäß des Titels die Beziehung Jutta Schwerins zu ihrer Mutter. Meine Mutter und ich hatten eine unglückliche Liebesgeschichte miteinander. Es geht um Abgrenzung, Nichtverstehen und doch auch um gemeinsame Ideale, um die Schwere des Miteinander- genauso wie des Ohneeinanderseins.

Jutta Schwerins Mutter Ricarda war eine hoffnungsvolle Studierende am Dessauer Bauhaus, wo sie auch den Vater ihrer Tochter und zukünftigen Ehemann Heinz Schwerin trifft. Als das Bauhaus von den Nazis geschlossen wird und die jungen Leute fliehen müssen, verschlägt es sie nach Jerusalem, wo sie versuchen, eine neue Existenz aufzubauen. 1941 wird dort Jutta geboren. Die Leserinnen erfahren viel über jüdisches Leben, lernen Konflikte und unterschiedliche Lebensentwürfe kennen. Der Text liest sich teilweise spannend wie ein Roman, aber vor allem wenn es um Begebenheiten aus eigenem Erleben der Autorin geht, wird sehr knapp berichtet, Details bleiben spärlich. Ich bin überzeugt, es gäbe noch viel zu erzählen.

Eine Bereicherung sind die vielen gelungenen Fotos, viele aufgenommen von Rita Schwerin. Ein überaus lesenswertes Zeitdokument.

 

Jutta Schwerin. Ricardas Tochter. Leben zwischen Deutschland und Israel. Spector Books. Leipzig. 2012

gelesen von Elke Heinicke