Karen-Susan Fessel: Leise Töne

Fessel, Karen-Susan - Leise TöneKaren-Susan Fessel versteht es, Geschichten zu erzählen, Spannungsbögen aufzubauen und genau die Probleme aufzugreifen, die die lesbische bzw. queere Community bewegen. Zunehmend sind das Transgenderproblematiken. Immer aber geht es um die Selbstfindung sehr junger oder auch nicht mehr ganz so junger Protagonistinnen, das Spiel mit und zwischen den Geschlechtern ist eines von Fessels Hauptthemen.

Im neuen Roman der Autorin ist es nun Marthe Maan, eine Frau in ihren Zwanzigern ohne große Jobambitionen, ohne Bindungsabsichten, die auf die erfolgreiche Pianistin Elisabeth Herlitz aus Schweden trifft. Es dauert noch ein Wenig, ehe sie zueinander finden, dann aber leben sie 16 Jahre eine glückliche Fernbeziehung. Elizabeth oder Ebba für ihre Freunde. Aber Freunde scheint es immer weniger zu geben. Ebba zieht sich aus dem Leben zurück, tritt nicht mehr auf, komponiert kaum noch, gibt schließlich auch die von ihr geführte Pension auf und zieht in eine einsame Gegend. Sie hört ständig Melodien, die nur in ihrem Kopf existieren. Oft ist ihr alles zu viel, sie braucht Ruhe. Und irgendwann geht sie aus dem Leben.

Das gemeinsame Leben des Paares spielt sich nur auf der schwedischen Insel Gotland ab. Marthe dagegen hat auch ein Leben in Berlin. Während Ebba immer weniger spricht, aber mitten in der Natur an ihrem Ziel angekommen zu sein scheint, wird das Berliner Leben Marthes bevölkert von Harms, dem Piloten. Einem Kindheitsfreund. Die Designerin Lea hat einen Unfall und ist seitdem querschnittsgelähmt, was aber ihren Lebensmut nicht brechen kann. Sie findet die Liebe und eine sie erfüllende Arbeit. Hannes, Marthes schwuler Freund aus der Berufsschulzeit, als sie das erste Mal der Enge ihrer Heimatinsel Amrum entfliehen konnte, und sein Lover Massimo. Die HIV-positive Ulla, erst Marthes Chefin, dann nach der Trennung von ihrem Mann Marthes Partnerin. Jackie, das Missbrauchsopfer, das zuerst Marthes Untermieterin und dann ihre Freundin wird. Sie alle sind Marthes Familie.

Viele Geschichten für ein Buch? Zu viele? Nicht, wenn sie mit Karen-Susan Fessels herausragendem Erzähltalent zu einem im wahrsten Sinne fesselnden Handlungsstrang verwoben sind. Ein Buch, dass sich nur schwer aus der Hand legen lässt und bei dem das ständige Wechseln zwischen den über fast drei Jahrzehnte reichenden Zeitebenen nicht nur keinerlei Mühe bereitet, sondern den Reiz des Eintauchens in die Geschichte noch erhöht.

Karen-Susan Fessel. Leise Töne. Querverlag. Berlin. 2010 bestellen…

gelesen von Elke Heinicke