Karen-Susan Fessel: Steingesicht.

Nachdem Steingesicht 2001 im Verlag Friedrich Oetinger erschienen war und ein breites, vor allem jugendliches Lesepublikum gefunden hat, ist nun eine überarbeitete Neuauflage des preisgekrönten Werkes  im Querverlag erschienen. Dies sollte dem Buch einen noch größeren RezipientInnenkreis erschließen. Es wäre eine unumstrittene Bereicherung des Lesekanons in der Mittelstufe.  Als günstige Paperbackausgabe bietet es sich in der Neuauflage geradezu dafür an.

Leontine ist die Protagonistin, die uns ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt. Sie wurde in Berlin als Tochter einer selbst noch nicht ganz erwachsenen Mutter geboren. Ihr Vater kümmerte sich wenig um sie, der Mutter wuchs alles über den Kopf. Außerdem ist Leontines Mutter drogenabhängig und erkrankt  an  AIDS. Infolge von Projektion entwickelt sie eine handfeste Homophobie. Das Jugendamt hat Mutter und Tochter als sozial schwach eingestuft, doch Leontine empfindet wenig Hilfe, nur Einmischung und Bevormundung.  Leo wird von Pflegestelle zu Pflegestelle geschickt, ihre Erfahrungen sind nicht die besten und oft läuft sie weg. Niemand interessiert sich wirklich für sie – außer ihrer Tante Wanda, der Schwester ihrer Mutter, doch zu der darf sie nicht.

Als die Mutter stirbt, wird tatsächlich endlich Wanda das Sorgerecht übertragen. Leo zieht zu ihr, wohnt jetzt ländlich und geht in eine neue Schule. Auf den ersten Blick scheint dort heile Welt zu sein. Jedoch findet Leo bald eine Freundin und erkennt, dass es nicht nur eine richtige Lebensform gibt. Mit Wanda und deren Freundinnen versteht sie sich gut, bis sie irgendwann – die Leserin wusste es schon sehr lange vor ihr – erkennt, dass Wanda eine Lesbe ist. Und dann hat sich auch Leo verliebt: in ein Mädchen! Kann nicht irgendwas in ihrem Leben mal einfach sein?

Leo kämpft sich durch und am Ende sie angekommen, angekommen in ihrem neuen Leben. Und nun kann es losgehen. Sie wird ihren eigenen Weg einschlagen.

Sprachlich ein Lesegenuss auch für gereifte Persönlichkeiten, ein zartes Coming out, lesenswert selbst für die, die meinen, schon jede Coming-out-Story zu kennen. Unbedingt in die Curricula der LehrerInnenaus- und – fortbildung aufnehmen!

Karen-Susan Fessel.  Steingesicht. Querverlag. Berlin. 2012

gelesen von Elke Heinicke