Kristina Reiss: Gender-Sprachbewusstsein bei Jugendlichen in Ost und West.

Ist meine Mutter nun Arzt oder Ärztin? Ist der Suffix „–in“ Garant für mehr Sichtbarkeit weiblicher Leistung? Oder macht der Suffix die feminine Personenbezeichnung zur markierten und damit lediglich von der maskulinen Vorlage abgeleiteten Variante, die Zweitrangigkeit assoziiert? Verschwindet bei der generischen Verwendung der maskulinen Bezeichnung die Medizinerin aus den Köpfen oder wird die Leistung der weiblichen Spezialistin der der männlichen Kollegen gleichgestellt? Bringt uns die bewusste Verwendung der weiblichen Berufsbezeichnungen einer realen Gleichstellung näher oder verschleiert sie viel mehr die gläserne Decke, an die Frauen immer noch stoßen?

Alles Fragen, die so alt sind wie die feministische Sprachwissenschaft selbst – oder nein, wir redeten uns schon in StudentInnenzeiten der 80er Jahre nächtelang die Köpfe heiß darüber und das als Studierende der Theoretischen und angewandten Sprachwissenschaft der realsozialistischen Universität zu Leipzig. Eine Lösung scheint nicht in Sicht und die Entscheidung für Arzt oder Ärztin kann gleichermaßen auf einen reflektierten wie auch auf einen unreflektierten Sprachgebrauch zurückzuführen sein, wenn es dabei um meine (fiktive) Mutter geht.

 

Genug der Polemik, die auch in Reiss Arbeit dargestellt wird. Allerdings kann sie nicht umhin, als dann im Hauptteil so zu tun, als könne feministisch reflektierter Sprachgebrauch nur eine mögliche Lösung des Dilemmas zulassen. Interessant auch die Ausführungen zu Sprachbesonderheiten in der Entwicklung der DDR bzw. in den östlichen Bundesländern.

Welche wusste z.B., dass die Anrede Fräulein in der DDR bereits 1951 offiziell zu Grabe getragen wurde, in der BRD dagegen erst 1975 in die Mottenkiste verwiesen wurde?

Ausführlich wird die durchgeführte  Befragung an Gymnasien in Ost und West dargestellt. Nicht immer scheinen mir dabei die Fragen neutral genug formuliert. So wird beispielsweise nach dem männlichen Äquivalent des Lexems „Putzfrau“ gefragt. Wenig verwunderlich, wenn ein relativ hoher Prozentsatz der Probanden aus dem Osten  die Antwort „Raumpfleger“ bevorzugt. „Raumpfleger/in“ war ja auch die offizielle Berufsbezeichnung in der DDR, Putzfrau geht mir selbst auch heute noch kaum über den Lippen! Am Ende der Fragebogenaktion zieht Reiss das Fazit, dass Unterschiede im Gender-Sprachbewusstsein sich deutlicher zwischen den Geschlechtern als zwischen alten und neuen Bundesländern unterscheiden.
Ein spannendes, anspruchsvolles Thema. Wenig wirklich Innovatives, aber eine umfassende Bestandsaufnahme. Wertvoller Impuls, um weitere Fragen zu stellen.

Kristina Reiss. Gender-Sprachbewusstsein bei Jugendlichen in Ost und West. Ulrike Helmer Verlag. Königsstein/Taunus. 2007

gelesen von Elke Heinicke