Kurzkrimis aus Ost und West. Immer Ärger mit den lieben Verwandten.

Zum 20.Jahrestag des Mauerfalls ist in diesem Herbst eine Menge veröffentlicht worden. Nachdenkliches, mehr oder weniger Reflektiertes, Sachliches und Unsachliches, gut oder schlecht Recherchiertes, Kluges, Sentimentales, Unsensibles und Persönliches. Selten aber eine Mischung, die so frech und unterhaltsam, gelegentlich sogar böse bis erfrischend politisch unkorrekt daher kommt. Gedanken um Ost und West im Kurzkrimi. AutorInnen von beiden Seiten, oft mit guter Ortskenntnis beider Himmelsrichtungen. Geschichten aus der weiter zurück liegenden Vergangenheit, als man noch reiste zu den Verwandten ins unbekannte ferne/nahe Land, gemischt mit Wende/Aufbruch/Umbruchstimmung bis zu Erinnerungen an ein einstmals getrenntes Land. Bekannte und weniger bekannte Namen unter den AutorInnen.

Borcherding-Witzke erzählt von den Wirren der Grenzöffnung und wie man mit  einem Trabbi eine Leiche verschwinden lässt. Gelbhaar lässt im Verlagsmilieu morden. Conrath berichtet von Flucht über die Mauer, von Vergewaltigung und später Rache, alles in allem keine leichte Kost. Bei Annel fließt viel Bier, zum Teil aus dem Ostkonsum.

War es bis hier nette Unterwegslektüre, so geht mit Christine Lehmann auf Seite 61 der Lesespaß erst richtig los: Die der Lehmann-Fangemeine wohlbekannten Lisa Nerz und Dr. Richard Weber nebst Dackel Cipion nehmen uns auf ein Viertele mit ins Wengertdorf, wo eine illustre Runde Nachhilfe in deutscher Geschichte erteilt: Politisch motivierte Morde, die am 9.10. geschahen. Geschichtsunterricht mit gewohntem schwäbischen Charme.

Ebenso vergnüglich liest sich Bauers Bericht über das Westberliner Mütterzentrum, das gegen den Einfall der Ost-Schnäppchenjäger kämpft und wenn es sein muss, geht eine bis zum Äußersten. Motz rekonstruiert spannend die Ermittlungen in einem Mordfall, in dem es um Pädophilie und Internet geht und der nur von Ost und West gemeinsam aufgeklärt werden kann.  Karr&Wehner lassen ihre Protagonisten eine Reportage über Sandra in Dresden drehen, dabei landet jemand im Bett und ein anderer nach einem Sturz aus dem Fenster auf der Straße. Auch Schinkel ist ein wunderbarer Erzähler, morden lässt er auf dem Land hinter den Kuhstall, Klassiker Gülle-Container. Bei Feldhorst wird in der Kneipe gestorben, in trauter Runde von Tante, Mutter und Sohn. Erzählt in einer fesselnden, dichten Atmosphäre. Müller schreibt über einen Gebietsabtritt der DDR an Westberlin, über Proteste und Unterschlupf im Osten. Auch der letzte Beitrag, in dem Walther von einem Kommunisten erzählt, der als Zwangsarbeiter  in Hitlerdeutschland, aber auch als verdächtige Person in der DDR verfolgt wird, zählt zu den gelungensten in diesem Band.

Ein Stück deutsch-deutscher Geschichte in  packenden Kurzgeschichten, mit so vielen Perspektiven wie AutorInnen.

 

Kurzkrimis aus Ost und West. Immer Ärger mit den lieben Verwandten. Argumentverlag. Hamburg. 2009

 

gelesen von Elke Heinicke