Lakhashmir liest

Also gelesen hat Lakhashmir ja schon, seit sie buchstabieren konnte. Oft genug heimlich unter der Bettdecke. Ach, was ist das herrlich, in fremde Welten abzutauchen. Ihr komplettes Taschengeld ging für Bücher drauf. Und später hat sie in den Ferien sogar gearbeitet, nur um ein heißersehntes Buch kaufen zu können. Und noch später haben sie Bücher wie gute Freundinnen durchs Coming-out begleitet. Ihren Ehrenplatz im Regal haben sie bis heute – die Häutungen, der Rubinrote Dschungel und das mit der Scham, die endlich vorbei war. Und wie oft hat sie mit Stoner und Gwen gelitten. Doch ihr Lieblingsbuch ist immer noch Die Brache von Eveline Ratzel. Ach, was für eine großartige FrauenLesbenwelt!

Lakhashmir seufzt tief. Das war noch richtige Lesbenliteratur. Damals. Sowas gibt es heute ja gar nicht mehr. Lakhashmir seufzt noch tiefer. Nein, und deshalb kauft sie auch keine Bücher mehr. Was sie lesen will, borgt sie lieber von Freundinnen. Sie hat den ganzen Konsum sowieso satt. Bis obenhin. Borgen statt kaufen; der Satz ist eine ihrer Lebensmaximen. Soll doch die ganze Verlagsindustrie zum Teufel gehen.

Lakhashmir seufzt das dritte Mal. Nichts ist mehr wie früher. Da hat sie oft nachmittagelang gemütlich im Frauenbuchladen gesessen und geschmökert. War klasse, sogar Tee gab es gratis. Und Vollwertkekse. Manchmal. Wunderbar. Aber die Frauenbuchläden gibt es ja nicht mehr. Warum eigentlich bloß? Also Lakhashmir ist jedenfalls oft dort gewesen.

In den großen Buchhandelsketten heutzutage ist es einfach nicht mehr so gemütlich. Und die sehen es auch gar nicht so sehr gerne, wenn sich Lakhashmir dort für Stunden häuslich einrichtet. Ständig kommt jemand an und fragt, ob man ihr helfen könne. Lästig!

Also bleibt ihr doch gar nichts anderes übrig, als Bücher zu borgen. Da kann eine auch gleich sehen, was sie für Freundinnen hat. Manche stellen sich total an, sind regelrecht geizig, wollen ihre Bücher kaum rausrücken. Lakhashmir kann das nicht verstehen. Angeblich würden die Bücher nicht zurückgegeben. Nur, weil Lakhashmir den letzten Lesbenroman ein halbes Jahr bei sich hatte. Was hat Dörte sich aufgespielt. Frau kann doch schließlich mal was vergessen. Das nächste Mal hat Lakhashmir sich extra Mühe gegeben. Jede freie Minute hat sie den Krimi gelesen, sogar in der Badewanne und dann war es wieder nicht recht: Das Buch hätte Wasserflecken und welle sich. Kleinlich, findet das Lakhashmir. Bücher sind doch zum Lesen da. Wenn sie welche kaufen würde, also dann würde sie sie auch ganz großzügig verleihen und sie nicht wie Dörte am liebsten für sich behalten.

Jetzt hat sich Lakhashmir auch mal diese neuen elektronischen Dinger angesehen. E-Books. Hm. Die riechen dann nicht mehr nach Buch, was schade ist. Und fühlen sich auch nicht so an. Aber große Schrift und immer richtig beleuchtet. Vielleicht bewahrt das Lakhashmir doch noch mal vor einer Lesebrille? Und wenn frau die Dateien problemlos kopieren kann, müsste sie nicht mehr das Theater mit Dörte haben.

Frau muss schließlich mit der Zeit gehen.

Ehrlich jetzt mal.

Eure Lakhashmir