Lakhashmir zieht (vielleicht) um

Schon ziemlich lange wohnt Lakhashmir in ihrer gemütlichen Altbauwohnung, 3 Treppen hoch. Jugendstil, dilettantisch restauriert, aber immerhin. Kleine Küche. Bad mit klauenfüßiger Badewanne. Blick über die Dächer der Stadt.

Doch wenn alle ringsum von neuen Wohnformen reden, will auch sie nicht zurückstehen. Wäre doch gelacht. Im letzten Stadtmagazin hat sie ein paar Annoncen angekreuzt. Wird sie sich mal ansehen. Das dickste Kreuz hat die Anzeige von der Frauen-Land-WG bekommen. Da ist sie gleich hingefahren. War nicht eben einfach: Drei Busse am Tag, während der Schulferien nur zwei. Landleben ohne Auto scheint ein Problem zu sein. Die Frauen waren eigentlich nett, das Haus ein wenig desolat. In einem ewig schattigen Tal kroch Feuchtigkeit schon seit Ewigkeiten die Wände hoch. Hätte Lakhashmir vielleicht aus ideologischen Gründen noch drüber hinwegsehen können, aber 15 Kilometer Luftlinie zu ihrem Lieblingscafé? Und die frischen Kräuter aus dem Bioladen wären ja welk, bis sie hier draußen ankäme. Nein, Landleben ist wohl doch nichts für sie.

Die nächste Adresse versprach ein Mehrgenerationenhaus. Klang doch auch nicht verkehrt. Lakhashmir erzählt jungen Frauen gern von ihren eigenen wilden Jahren. Und etwas feministische Bildung würde Heranwachsenden auch nicht schaden. Bei ihrem Besuch im Haus missfiel Lakhashmir allerdings der Lärm. Fußball spielende Mädchen auf dem Hof, lärmende Kleinkinder auf dem Balkon über ihrer potenziellen Wohnung. Sollte sie womöglich noch die Babysitterin spielen? Ausgerechnet Lakhashmir, die sich ein Leben lang gegen Reproduktionsarbeiten verwehrt hat. Und das schließlich aus gutem Grund. Was wird denn aus den feministischen Theorien, wenn sich alle so bereitwillig in die Rollenklischees fügen?

Ist sie lieber weiter gezogen. Eine Lesben-WG stand ja auch noch auf ihrer Liste, gar nicht weit entfernt von ihrer jetzigen Wohnung. Dort ist sie mitten im Plenum gelandet – oder wie die jungen Frauen das heute nennen mochten. Jedenfalls saßen alle um den Küchentisch und baten Lakhashmir kurzerhand dazu. Worüber geredet wurde, war ihr nicht immer klar. Von Weiblichkeiten, die sie als MitbewohnerSternchenUnterstrichInnen haben wollten. Weiblichkeiten? Klang irgendwie altertümlich und schrecklich verstaubt. Und dann hieß es aber plötzlich, dass Lesben-WG als Titel ihrer Wohnform doch längst obsolet war. Häh? Lakhashmir hat sich in der Runde umgesehen: Ihre Nachbarin trug Zöpfe und Vollbart, dazu Minirock und Springerstiefel und häkelte hingebungsvoll einen Spitzenrand an eine Unterhose. Na, das war ganz sicher auch nichts für Lakhashmir.

Letzte Station: FrauenLesbenWohn- Projekt RotSchwarz40+. Das klang doch feministisch-spirituell-vertrauenswürdig in Lakhashmirs Ohren. Lakhashmir wurde ganz liebenswürdig zu einer Besichtigung eingeladen. Rosalie, die sie empfing, zog sie gleich in ihre Wohnung. Bei ein paar Tassen scheußlichen Tees vertraute sie ihr komplizinnenhaft an, dass Maria nie die Haustür abschließt, Annes Katze ständig in den Hausflur pisst, Hanna ihren Balkon grauenhaft mit Gartenzwergen(!) dekoriert und Sabine schon das dritte Mal in diesem Jahr Übernachtungsbesuch gehabt hat. Lakhashmir ist geflohen, ehe sie die jeweils andere Version der Geschichten auch noch hätte anhören müssen. Auch Hanna hat auf dem Weg zur Haustür versucht sie abzupassen. Deren Tür steht nämlich immer einen Spalt breit offen. Und hinter Marias Küchenfenster hat sich die Gardine ganz verdächtig bewegt.

Erschöpft ist Lakhashmir in ihr trautes Heim zurückgekehrt. Urbane Lebensqualität, ungestörte Ruhe, echter Feminismus, so wie er zu sein hat, Freiheit von sozialer Kontrolle und keine Eigenheiten außer ihren eigenen. Allein zu leben ist doch gar nicht so verkehrt.

Ehrlich jetzt mal!

Eure Lakhashmir