Lili Hahn: Bis alles in Scherben fällt. Tagebuchblätter 1933-45

Ende Januar 1933 beginnt die neunzehnjährige Lili Hahn ihre Tagebucheintragungen, in denen sie detailliert, offen und erstaunlich hellsichtig Entstehen und Etablierung des Dritten Reichs beschreibt. Mit viel politischer Klugheit analysiert sie die Mechanismen der Unterdrückung, beschreibt in klaren Worten das Funktionieren der faschistischen Diktatur.

„Ich habe … gelernt, dass Korruption und moralischer Verfall einer Nation nicht vom Grunde aufsteigt und den Gipfel eingehüllt, sondern dass es den umgekehrten Weg geht. Der moralische und ethische Zerfall sickert von der Spitze zum Boden wie giftiges Gas und betäubt die Massen. Da die Bevölkerung mehr oder weniger das Produkt ihrer Regierung ist, verloren die Deutschen völlig die Achtung für Menschenleben. Es wurde ihnen beigebracht, dass Juden, Polen, Zigeuner und Kommunisten Untermenschen sind und dass es absolut richtig ist, diese zu misshandeln und umzubringen. Diese Einstellung führte zu der Schlussfolgerung, dass ein Menschenleben nicht zählt. Das Volk wurde einfach brutaler und zügelloser – die Erbschaft eines jeden Krieges.“(aus ihrem Vorwort)

 

Die Eintragungen in ihr Tagebuch beendet Lili Hahn 1945 als 31jährige, mit knapper Not davongekommen. Auch wenn diese Aufzeichnungen kein sensationell neues Licht werfen auf die Zeit von 33 bis 45, so sind sie doch ein eindrucksvolles Zeugnis einer ebenso eindrucksvollen Zeugin. Auf eine sehr persönliche, berührende und nachdrückliche Weise entlarven sie jedes Wir haben es nicht gewusst als ein Wir haben es nicht wissen wollen.

Lili Hahn, Bis alles in Scherben fällt. Tagebuchblätter 1933-45. Argument Ariadne Literaturbibliothek, Argument Verlag, Hamburg 2007

gelesen von Jule Blum