Manuela Kuck: Liebe Lügen.

Kuck, Manuela - Liebe Lügen

Manuela Kucks Romane begleiten uns schon seit längerem durchs (Lesben)Leben. Alles begann in Kucks Heimatstadt Wolfsburg, wo wir uns mit der Lehrerin Linda durchs Coming-out hangelten. Da die Leserinnen begeistert waren, wurde es gleich eine Trilogie: Linda lebt mit Freundin und Kindern und übernimmt eine Buchhandlung, es gibt Katastrophen und Trennungen, Liebesleid und -freud.

Allerdings spart Kuck auch Themen wie Mobbing und HIV nicht aus. In weiteren Romanen geht es um Co-Abhängigkeit, Konflikte zwischen Kinder- und Elterngeneration, Essstörungen, Karriere, Stalking und immer wieder führt die Autorin uns ins Sportmilieu, wo sie selbst zu Hause ist. Spätestens mit der Trilogie um die ehemaligen Schulfreundinnen Paula und Rieke hatte Kuck die Herzen der Leserinnen erobert, denn sie schreibt, was viele gern lesen: Geschichten, wie sie tagtäglich passieren. Ihre Protagonistinnen sind so lebendig, dass man sie zu kennen glaubt. Im besten Sinne des Wortes ist es Trivialliteratur, sie erzählt von den Dingen, die auch ihre Leserinnen beschäftigen. Es gelingt ihr die Brücke zum Alltäglichen zu schlagen und die ganz normalen Geschichten so zu erzählen, dass sie spannend zu lesen sind – eine Kunst, die leider viel zu wenige Autorinnen beherrschen!

Nachdem wir nun eine ganze Weile auf ihre Geschichten aus der weiten Lesbenwelt verzichten mussten, hat der Verlag Krug und Schadenberg uns  endlich einen neuen Roman der Autorin beschert. Ein wenig erinnert er an frühere Werke, bei denen sich Katastrophe auf Katastrophe ballte, unmittelbar vor Ende aber alles in rasantem Tempo einem fulminanten Happyend entgegen steuerte. Ein ganz klein wenig erinnert die Geschichte aber auch an Romanzen a la Kallmaker, nur dass es nicht ganz so romantisch zugeht. Erst auf der vorletzten Seite kriegen sich die von Anfang an füreinander bestimmten Protagonistinnen und Sex gibt es zwischendurch lediglich auf Nebenschauplätzen, eher ohne damit die Handlung auch nur um Millimeter voranzubringen, wird mit Springseilen aus dem Materiallager eines Fitnessraums gefesselt. Wow! Früher ließ Kuck noch mit roten Seidentüchern fesseln.

Was also ist das Neue und Überraschende an Kucks Comeback? Spätestens nach dem ersten Drittel wandelt sich der Roman in einen handfesten Krimi. Es geht um Datenklau und Wirtschaftsspionage, geheime Treffs und verdeckte Ermittlung in einem mondänen Berliner Frauenhotel.

Erzählt wird abwechselnd und im Zeitstrahl sich überlappend mal von Lisa, die wider Erwarten den wegen der dauernden finanziellen Flaute in ihrem Leben dringend benötigten Job im Hotel bekommt und ohne es zu wissen eine Rolle bei der Aufklärung eines Delikts spielen soll. Mit Lisas Eigeninitiative hat Hannah, die Ermittlerin, allerdings nicht gerechnet. Hannah erzählt die Geschichte zu Hause ihrer nach zwei Schlaganfällen gelähmten Schwester.

Die dritte Erzählerin im Bunde ist Geschäftsfrau Charlotte, die mit Marie ein neues Leben beginnen will, bis sie erfährt, wer Marie wirklich ist.

Verwirrend? Nun, drei Ich-Erzählerinnen sind in der Tat etwas viel, zumal sie sich in Sprache und Stil nicht nennenswert voneinander unterscheiden. Dass Hannah unter einem anderen Namen auftritt, erleichtert der Leserin den Einstieg nicht. Jedoch führen alle Erzählstränge ins Frauenhotel, wo sich die Protagonistinnen begegnen. Verbunden sind sie ebenso durch aktuelle, als auch weit zurück liegende Ereignisse. Was am Anfang verwirrend wirkt, ordnet sich zunehmend in klare Muster.

Die großartige Geschichtenerzählerin Manuela Kuck verwöhnt ihre Fangemeinde – wie kaum anders zu erwarten – ein weiteres Mal mit fesselndem Lesestoff. Aufgrund ihrer klaren Sprache und ebensolcher Bilder werden ihr unter Garantie noch weitere Herzen zufliegen. Ich würde jedenfalls sofort im Hotel Marlene buchen, dessen Atmosphäre so trefflich im Coverfoto eingefangen ist.

Und wenn auch am Ende dieses Mal nicht alles gut ist, so ist es doch zumindest der Anfang einer Romanze oder gar einer Trilogie…

Kurzbio:

Elke Heinicke, geb. 1961, Slawistin/Anglistin, lebt und arbeitet in Heidelberg

Kann denn Liebe trivial sein?

Elke Heinicke über

Manuela Kuck: Liebe Lügen. Verlag Krug und Schadenberg 2009. ISBN 978-3-930041-68-8. 300 S.