Maria Buchmayr (Hrsg.in): Geschlecht lernen. Gendersensible Didaktik und Pädagogik.

Gleich vorangestellt sei, dass dies ein bemerkenswerter Sammelband ist – wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig uneingeschränkt praxistauglich, ein Spagat, der selten so gut gelingt wie in diesem Fall. Profitieren dürften von der Lektüre insbesondere LeserInnen, denen die gesamte Materie der Gender Studies noch fremd ist, aber auch alle bereits gendersensibilisierten Lehrenden werden neue Anregungen oder Denkanstöße finden.
So heißt es gleich im Vorwort: Gendersensible Didaktik kann ein Schlüssel sein, <…>Stereotypen von Geschlecht zu hinterfragen, aufzubrechen und letztendlich zu einer (geschlechter-)gerechten Gesellschaft beizutragen. Vorausgesetzt natürlich, dass die Infragestellung von Geschlechterstereotypen überhaupt erklärtes Lernziel ist und Lehrkräfte selbst bereit sind ihre Bilder von Geschlechtern kritisch zu reflektieren… Sichtbar wird auch das dabei auftauchende Dilemma, denn gendersensibel heißt Unterschiede sichtbar machen, die eigentlich überwunden werden sollen. Oft genug eine Gratwanderung.
In den Beiträgen geht es um didaktische Ansätze, um den Sozialisationsbegriff, darum, wie Kinder Geschlecht lernen (Paseka). Da beantwortet sich die Frage, warum kleine Mädchen, die doch immer Baukästen und Autos zum Spielen und  ganz und gar keine traditionelle Rollenverteilung in der Familie hatten, im Kindergarten plötzlich auf Schleifchen und Prinzessinnenlook bestehen. Es geht um Genderkompetenz im Hochschulbereich (Spieß), in der Erwachsenenbildung (Schwanzer). Plaimauer gibt Anregungen für einen geschlechtersensiblen Unterricht in der Sekundarstufe, weist dabei auch auf Stolpersteine hin.
Ein ganzer Abschnitt ist der Gendersensibilität im naturwissenschaftlichen Unterricht gewidmet, während der letzte Teil des Buches sich mit geschlechtergerechter Sprache beschäftigt. Da gibt es außer dem Beitrag zum Einsatz einer Webplattform zur Prävention sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen(Rentmeister) nicht allzu viel Neues für diejenigen LeserInnen, die die letzten 20 Jahre in der feministischen Sprachwissenschaft nicht verpasst haben. Allerdings gibt es einen Beitrag von Pusch, die Bilanz zieht und an aktuellen Beispielen belegt, wie viel noch zu tun bleibt. Übrigens hätte ich die Herausgeberin eines solchen Buches auf dem Cover auch ganz gendersensibel als solche bezeichnet, denn da steht Hrsg.! …und spätestens nach der Lektüre weiß dann jedeR, wohin das führt.
An meiner Schule steht der Sammelband jedenfalls schon jetzt auf der Bücherliste für die nächste Konferenz.

Maria Buchmayer (Hrsg.in). Geschlecht lernen. Gendersensible Didaktik und Pädagogik. StudienVerlag. Innsbruck. Wien. Bozen. 2008

gelesen von Elke Heinicke