Marianne Brentzel: Mir kann doch nichts geschehen … Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury

1992 brachte Marianne Brentzel ihre erste Biografie über Else Ury heraus. Schon der Titel Nesthäkchen kommt ins KZ. Eine Annäherung an Else Ury machte eindrucksvoll deutlich, wie sehr gerade das Schicksal dieser unglaublich populären Kinder-und Jugendbuchautorin die Unfassbarkeit des Holocausts erfahrbar werden lässt.

„Der Name Else Ury war fest in meinem Gedächtnis haften geblieben, über dreißig Jahre lang, unbelastet und geschichtslos. Else Ury – eine Jüdin? Else Ury – ein Opfer des Völkermordes in Auschwitz? Dass die Vergangenheit uns immer wieder einholt, wusste ich bereits, aber so konkret hatte ich es selten erfahren.“, schreibt die Autorin in ihrem Vorwort. Das überwältigende Echo auf die erste Biografie war der Grund für eine, wie Brentzel es nennt, „zweite Annäherung an Else Ury“. Neben der Suche nach den Spuren des Jüdischseins in Urys Leben stehen in diesem Band die ausführliche Beschreibung des Berliner Bürgertums und eine lebendige Darstellung der Zeitgeschichte im Vordergrund.

 

Der Titel dieser Biografie weist auf ein weiteres wichtiges Anliegen der Biografin hin. Akribisch zeigt sie auf, wie sehr Else Ury – und mit ihr viele andere jüdische Bürgerinnen und Bürger – darauf bedacht waren, sich zu assimilieren und mit welcher Unerschütterlichkeit sie sich in erster Linie als Deutsche fühlten. Die Fassungslosigkeit ob dieses Irrtums zieht sich als roter Faden durch dieses nachdenkliche, eindrückliche und bewegende Buch.

Auch zu meinen Kindheitserinnerungen gehört das Nesthäkchen genauso wie der Trotzkopf, Pucki und verzweifelte Häkelversuche mit schwitzig-heißen Fingern und immer grauer werdendem Baumwoll-Topflappengarn. Auch ich wusste lange nichts über die Biografie der Schriftstellerin Else Ury und wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass diese vehemente Verfechterin so hoher deutscher Tugenden wie Pünktlichkeit, Sauberkeit, Höflichkeit und Pflichterfüllung 1943 als lebensunwert aussortiert und von den Nazis ermordet wurde. Vermutlich würde es immer noch als Geheimnis behandelt, verschwiegen, unterschlagen, gäbe es nicht engagierte Forscherinnen wie Marianne Brentzel.

Ein großer Dank an die Autorin, dass sie der Märchenerzählerin Else Ury, Schöpferin so vieler Kinderfiguren, – Nesthäkchens Mutter – ihre Geschichte wiedergegeben hat.

Marianne Brentzel, Mir kann doch nichts geschehen … Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury. edition eberbach, Berlin 2007

gelesen von Jule Blum