Marianne Suhr: Roter Milan

Dies ist definitiv kein Buch, das einlädt, sich gemütlich zurückzulehnen und die Welt hinter sich zu lassen. Ganz im Gegenteil fordert der Roman auf, sich der Welt und unserer eigenen Geschichte zu stellen. Die Autorin Marianne Suhr stellt unbequeme Fragen, probiert verschiedene Antworten, die immer subjektiv sind, nie den Anspruch erheben können, ausschließlich wahr oder falsch zu sein. Für ein solches Schwarz-Weiß-Muster liegt die jüngste Geschichte noch viel zu nah, haben wir alle sie noch nicht mit genügend Abstand betrachten können. Suhr hat den Mut, diese Fragen zu stellen und ihre Protagonistinnen in Bezug dazu zu setzen. Sie lässt die Leserin klar erkennen, dass die Lebensgeschichte einer jeden unlösbar mit den Ereignissen vor, während und nach der Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands verbunden ist – und dies ganz unabhängig davon, ob eine diesseits oder jenseits der Mauer gelebt, in der DDR geblieben oder aus ihr geflüchtet, in Westberlin oder fernab, irgendwo in Europa gelebt hat.

Erzählt wird in Fragmenten, häufig in Tagebucheinträgen, mit ständigen Zeitsprüngen. Genau diese Zerrissenheit in der Form macht das Buch sperrig und das Lesen unbequem, zwingt zur eigenen Positionierung. War die Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone gerecht? Waren Westberliner durch die Mauer eingesperrt oder geschützt, um ihre Überlegenheit gegenüber den ostdeutschen Brüdern und Schwestern zelebrieren zu können? Waren Ostdeutsche, die blieben, zu feige, sich zu wehren? Bringt die Wiedervereinigung die Gefahr eines Rechtsrucks mit sich? Ist nur der real existierende Sozialismus gescheitert? War eine Kindheit im Osten Deutschlands nicht auch glücklich?

Karin ist in Brandenburg aufgewachsen, als junge Erwachsene nach Westberlin gegangen. Dort fühlt sie sich wohl, genießt das Inseldasein. Ihre Mutter im Osten besucht sie regelmäßig am Wochenende. Erinnert sich an eigene Erlebnisse aus ihrem Leben in der DDR, glaubt aber damit endgültig abgeschlossen zu haben. Diese Vergangenheit holt sie jedoch ein, als die Ereignisse des Jahres 1989 zur Öffnung der Grenze führen. Karin ist beunruhigt, die Mauer hat sie vor der eigenen Vergangenheit und der Auseinandersetzung damit geschützt. Sie flüchtet über die Wendetage auf eine Insel, nach Lanzarote, später zieht sie zu ihrer Jugendfreundin nach Luxemburg. Nach einem Unfall ist sie plötzlich verschwunden und schreibt nach Monaten eine Karte aus Israel, wo sie heimisch zu werden versucht, in einem Kinderheim arbeitet und schließlich bei einem Attentat umkommt. Karin kommt nirgends an, denn ohne sich seiner Geschichte zu stellen, kann niemand auf Dauer Wurzeln schlagen. So wie der Rote Milan in Karins Fantasie niemals landet.

Marianne Suhr. Roter Milan. Edition ebersbach. Berlin. 2010

gelesen von Elke Heinicke