Marie Leitner: Mädchen mit drei Namen.

Der Band vereint Reportagen aus Deutschland und einen Berliner Roman, entstanden in der Zeit zwischen 1928 und 1933.

Not und Elend, Erfindungsreichtum und Überlebenswillen, Frauen in verschiedenen Berufen, Miniaturen aus dem Berliner Alltag werden ungeschönt und doch nicht hoffnungslos dargestellt. In ihrem Fortsetzungsroman macht Leitner uns mit Lina bekannt, die vom Land nach Berlin kommt, um ihr Glück zu machen. Das will und will sich aber nicht einstellen. Als Eveline wird sie Animierdame, versucht in halbseidenen Kreisen ihr tägliches Brot mehr schlecht als recht zu verdienen. Sie gerät in die Fänge der Fürsorge, wo sie als Annunciata unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten wird und hart arbeiten muss, ohne Lohn dafür zu erhalten. Erst als sie am Ende geflohen ist, findet sie einen möglichen Ausweg: sie schließt sich der linken Bewegung an, um gemeinsam für die Befreiung der Entrechteten zu kämpfen. Ein echter Entwicklungsroman!

Die Autorin Maria Leitner, aufgewachsen in Österreich-Ungarn, engagierte sich für die ungarische Räterepublik und floh nach deren Scheitern nach Berlin, wo sie sozialkritische Beiträge für verschiedene Zeitungen schrieb. Zeitig erkannte sie die Gefahr des Nationalsozialismus und warnte davor. Als Jüdin und linke Autorin musste sie 1933 Deutschland verlassen. Trotz aller Gefahren reiste sie mehrfach zu Recherchezwecken wieder nach Deutschland ein, um Reportagen aus Hitlerdeutschland für die Exilpresse zu verfassen.

2014 wird der AvivA-Verlag ihren Roman Elisabeth, ein Hitlermädchen veröffentlichen. Wer die Reportagen Leitners in diesem Band gelesen hat, die auch nach so vielen Jahrzehnten nichts von ihrer Frische verloren haben und durch die Schärfe der Beobachtung und Lebendigkeit der Sprache bestechen,  wird sich freuen, mehr aus der Feder Marie Leitners zu lesen.

Hintergründe gibt der Kommentar von Helga und Wilfried Schwarz.

 

Marie Leitner. Mädchen mit drei Namen. AvivA Verlag. Berlin. 2013

 

Gelesen von Elke Heinicke