Nicki Pawlow: Die Frau in der Streichholzschachtel

In der Geschichte spielt sie tatsächlich eine Rolle: die Streichholzschachtel. Keine gewöhnliche Streichholzschachtel, sondern eine mit einem vergoldeten Ginkoblatt verzierte Schachtel, auf deren Boden eine Telefonnummer steht. In die Manteltasche des berühmten westdeutschen Fernsehjournalisten geschmuggelt, sollte sie einst einer jungen Frau aus der DDR und ihrem kleinen Sohn zur Ausreisegenehmigung verhelfen. Dann begleitet die Schachtel den Journalisten als Talisman und wird von ihm nach einem Seminar an eine junge Frau weitergereicht, die diese Gabe des angebeteten Idols fortan wie einen Schatz hütet.

Die junge Frau ist Franziska Klinge, geboren in der DDR, erzogen zu Doppelzüngigkeit, um in der sozialistischen Schule bestehen zu können und gleichzeitig die ausreisewilligen Eltern nicht preiszugeben. Eine Zerreißprobe, die das Kind mit seinen Mitteln meistert. Einen tiefen Einschnitt im Leben der Heranwachsenden stellt jedoch die Ausreise in die BRD dar, denn von nun an  fühlt Franziska sich fremd, entwurzelt, obwohl sie auch nach der Wende noch versucht, diese Traumatisierung zu verdrängen.
Der westdeutsche Fernsehjournalist Wolfgang Kiefer berichtete im BRD-Fernsehen wöchentlich aus seinem Studio in Ostberlin, bekannt im Westen, glorifiziert von den Zuschauern im Osten. Für Franziska ist er frühzeitig zum Symbol der Freiheit geworden und so fährt sie als Jugendliche nach Westberlin, um ein Seminar mit Kiefer zu besuchen. Es gelingt ihr, seine Aufmerksamkeit zu erringen und irgendwie entwickelt sich daraus in der Nachwendezeit eine Art Liebesbeziehung. Die Handlung spielt im Berlin des Jahres 1990. Franziska ist inzwischen Journalistin und arbeitet in der Pressestelle der Treuhandanstalt. Die Treuhand ist verhasst, es gibt Proteste, Rohwedder wird ermordet. Betriebe werden abgewickelt, Massenarbeitslosigkeit ist oft die Folge von Korruption und Verantwortungslosigkeit. Franziska leidet, aber beharrlich hält sie an dem Glauben fest, dass all das im Interesse einer großen Sache geschehe. Manches klingt, als zitiere sie geradewegs aus einem Lehrbuch zum Parteilehrjahr der SED. Franziska weigert sich, Parallelen zu sehen, der aufmerksamen Leserin drängen sie sich auf.

 

Neben der Arbeit gibt es für die junge Frau bald nur noch Wolfgang Kiefer, der sich aber zu keinem Moment von seiner Familie trennen will. Er ist inzwischen ein alkoholabhängiger, alternder Mann geworden, den Franziska retten will und dabei zur Co-Abhängigen wird. Auch Wolfgang Kiefer ist zu einem Wendeverlierer geworden, denn seine Sendung hat nach dem Mauerfall ihren besonderen Reiz verloren.
Spannender Lesestoff, nur der Alltag in der Treuhand wird etwas zu detailverliebt beschrieben, was zu unnötigen Längen geführt hat. Endlich einmal ein Buch, das in seiner Vielschichtigkeit über eine schwarz-weiß gezeichnete Abrechnung mit der eigenen Kindheit in der DDR hinausgeht, und unbequeme Fragen stellt nach den Gewinnern und den Verlierern des Mauerfalls.

gelesen von Elke Heinicke

Nicki Pawlow. Die Frau in der Streichholzschachtel. Dittrich Verlag. Berlin. 2007