Norah Vincent: Mein Jahr als Mann.

Norah ist lesbisch, eher Butch und geht bei harmlosen Samstagabendvergnügungen mit einer Freundin im East Village schon mal als Mann durch. Das fühlt sich verblüffend anders an als alle ihre sonstigen Erfahrungen: Keine abschätzigen, begehrlichen Blicke, statt dessen Respekt. Als Journalistin (Los Angeles Time, New York Post, Washington Post) von Berufs wegen zu Neugier neigend, beschließt die Autorin, ein Experiment zu wagen. Sie staffiert sich entsprechend aus und begibt sich als Mann in ausgesprochene Männerdomänen: den Bowlingclub, das Kloster, die Männerbewegung.

Sie absolviert Vorstellungsgespräche, arbeitet als Vertreter, hat Dates. Meine eigene Neugier war geweckt, schließlich hatte ich in sehr jungen Jahren auch Wallraffs Reportagen mit glühenden Ohren und einer leichten Gänsehaut unter der Bettdecke gelesen. Das hier schien mich allerdings noch viel mehr anzugehen. Ich versprach mir die ein oder andere Erleuchtung darüber, wie das funktioniert mit der subtilen Andersbehandlung, woraus die gläserne Decke für Frauen gemacht ist. Das Zitat auf dem Cover hätte mich warnen sollen: Dieses Buch wird für immer Ihren Blick auf Männer verändern – vielleicht auch den Blick auf Sie selbst (Marie Claire). Hauptsächlich erfahre ich nämlich, wie sehr auch die Männer unter dem Patriarchat und den festen Genderrollen leiden, was mir nicht wirklich neu war. Erschreckend höchstens die latente Homophobie in allen Lebensbereichen, wobei die Lesbe bei ihrem Outing schließlich aber erstaunlich gut aufgenommen wird. Vergnüglich zu lesen sind die Stellen, wo Vincent akribisch genau ihre Erlebnisse schildert. Davon hätte ich gern noch mehr gehabt, denn da steht sie ihrem Kollegen Wallraff in nichts nach. Längen entstehen immer dann, wenn sie ihren Leserinnen die Welt erklären will. Mal was anderes im Gender-Bender- Dschungel…

 

Norah Vincent: Mein Jahr als Mann. Knaur Taschenbuchverlag. München. 2009

gelesen von Elke Heinicke