Demobeitrag der Orgas Leipzig 2006

Wir als Orga-Team des Leipziger LFTs wollten es uns nicht nehmen lassen, auf dieser Demo zu sprechen. Mir ist es eine Ehre heute hier zu stehen und ich freue mich, euch alle hier, in der Stadt, in der ich seit 4 Jahren lebe zu sehen.

1995 kam das LFT auch in die Stadt, in der ich damals lebte, nach Freiburg im Breisgau – und machte Lesben und lesbisches Leben in der Stadt sichtbar und öffentlich. Mich zieht es zum LFT, aber ich hätte nie gewagt, mir eine Eintrittskarte zu kaufen – als Lesbe. Ich habe mich als Helferin angeboten: habe mit aufgebaut, Brötchen geschmiert, Schutz gemacht , abgebaut – und war von Freitag Abend bis Montag Nachmittag auf dem Gelände. Und glücklich.

Ob dieser Vielfalt von Lesben, diesen Unterschieden im Aussehen, in den Themen und Interessen. Und ich wusste, wenn die alle dazugehören, dann ist für mich da auch ein Platz. Das war der Beginn meines Coming – Outs und ein viertel Jahr später war ich „zum anderen Ufer gewechselt“.

Seit dem ersten LFT vor über 30 Jahren hat sich viel verändert. Zumindest in den Städten müssen sich Lesben nicht mehr verstecken, es gibt Zentren und Orte, an denen wir uns treffen, Kulturveranstaltungen und Filme, Beratungsstellen und Coming-out Gruppen. Wir haben ein Lebenspartnerschaftsgesetz und auch in die daily-soaps haben es lesbische Paare geschafft. Also alles Paletti?!

Noch nicht ganz:

* Noch immer halten viele Lesben ihre Lebensweise in Beruf und Kollegenkreis geheim. Was ist mit der Grundschullehrerin, der Beraterin bei der Diakonie, der Politikerin im Bundestag oder der Schauspielerin, die um ihre Karriere fürchten?
* Im ländlichen Raum ist es immer noch schwer als Lesbe zu leben, weil es keine Akzeptanz lesbischen Lebens gibt.
* Noch immer erleben Mädchen und Jungen in ihren Schulbüchern ausschließlich heterosexuelle Familien, lesbisches Leben, auch nicht in Form von Tanten oder Freundinnen kommt nicht vor.
* Das Lebenspartnerschaftsgesetz ermöglicht uns eine Heirat zweiter Klasse, mit vielen Pflichten und wenigen Rechten – ganz besonders wenn es um finanzielle Vorteile geht.
* Wenn wir den Blick zu unseren europäischen Nachbarinnen wenden, wird es schnell existenzieller. Die polnischen Lesben kämpfen um ihre Existenzberechtigung, ihre Treffpunkte und öffentlichen Paraden werden verboten und mit massivem Polizeiaufgebot zerschlagen.
* Und wenn wir in die Welt blicken gibt es noch genügend Länder, in denen Lesben verfolgt, mit Gefängnis, Folter oder dem Tod bestraft werden – und Deutschland erkennt die Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung immer noch nicht als Asylgrund an.

Also noch längst nicht alles in Butter. Wir wünschen uns und fordern, lesbisches Leben und lesbische Lebensweisen als eine Form menschlicher Beziehungsgestaltung anzuerkennen.

Wir fordern
* die gleichen Rechte für Lesben, die Kinder groß ziehen, wie für heterosexuelle Paare
* lesbische Lebensformen gleichberechtigt in Schulbüchern und Filmen, so dass jedes Mädchen früh darum weiß, auch mit Frauen leben zu können
* die Anerkennung der sexuellen Orientierung als Asylgrund
* Öffentlichkeitsarbeit für die Akzeptanz lesbischen Lebens
* die öffentliche Förderung von Lesbenprojekten und deren Bestandssicherung

Wir haben mit dem LFT in Leipzig ein Stück Öffentlichkeit geschaffen und wir wollen das nach dem LFT weitertun. Die Stadt Leipzig hat vor zwei Jahren die Image-Kampagne „Leipziger Freiheit“ gestartet. Plakate mit unterschiedlichsten Motiven zeigen die Vielfalt und Möglichkeiten freier Entwicklung in dieser Stadt.

Künstler, Unternehmer, Wissenschaftler, Sportler werben für Leipzig. Mir fiel kein Plakat mit einer Frau ein, möglicherweise gibt es aber eins, das würde ich nicht beschwören. Aber es gibt ganz sicher kein Plakat, das zeigt, dass diese Stadt Lesben willkommen heißt, das den Anteil von lesbischen Frauen an der Lebendigkeit und Freiheit der Stadt zum Thema macht. Wir wünschen uns, dass in zwei Jahren solche Plakate in der Stadt hängen: mit einer lesbischen Familie, mit einer geouteten einflussreichen Persönlichkeit der Stadt oder einer lesbischen Unternehmerin.

Wir hoffen, dass die Stadtverwaltung positiv auf unsere Anfrage reagiert und der Slogan „Leipziger Freiheit“ auch für uns Lesben gilt.

Karis Schneider für das Leipziger Orgateam

„Lesben machen Leipzig bunt“

Und Buntheit funktioniert nur zusammen mit Toleranz und zusammen mit der Wertschätzung des Anderen und des Andersartigen. So wie wir als Lesben durch unser Anderssein Leipzig und die Welt bunter machen, so herrscht auch unter uns Frauen, die Frauen lieben eine große Vielfalt, die sehr viel bunter ist als das Klischee „Lesbe“ vermuten lässt.

Lesben tragen Boots oder Stöckelschuhe, sie lieben ihr Singlesein oder genießen ihre Familie, sie sind Handwerkerinnen, Künstlerinnen, Lehrerinnen, Verkäuferinnen oder Professorinnen – leider sind auch sie manchmal arbeitslos. Lesben sind groß oder klein, schlank oder üppig, sie haben blonde oder rote Haare. Lesben sind so vielfältig wie alle anderen Menschen eben auch. Daher braucht es eine große Offenheit; Offenheit und Toleranz der Gesellschaft für unseren Weg zu lieben und zu leben, aber genauso braucht es auch Offenheit und Toleranz unter uns.

Denn Lesben sind auch blind oder sie hinken, sie fahren Rolli oder sprechen Gebärdensprache, sie haben Körper, die aufgrund von Behinderung, Krankheit oder Unfall nicht dem Ideal entsprechen oder sie haben psychische Probleme.

Für all diese Lesben stehe ich hier, für Krüppellesben und Andersfähige, für Lesben mit Behinderung oder handicaped Lesben. In vielen Jahren haben wir uns oft mühsam unseren Platz auf dem Lesbenfrühling erkämpft, denn wir sind ein Teil des lesbischen Lebens und wollen als solche willkommen sein. So wie wir als Lesben unseren Platz in der Gesellschaft einfordern, so fordern auch wir unseren Platz!

Wir brauchen rollstuhlgerechte Räume, mehr Menschen, die die Gebärdensprache sprechen, bessere Beschriftung in Brailleschrift für blinde Menschen und noch vieles mehr. Aber vor allem brauchen wir eure Bereitschaft dafür einzutreten, dass uns immer weniger Barrieren behindern, denn: behindert ist man nicht – behindert wird man! Damit der Lesbenfrühling, damit Leipzig und damit die Welt ein Ort für alle ist, brauchen Offenheit und Toleranz auch Rücksichtnahme.

Diese Rücksichtnahme darf kein falsches Mitleid sein, keine Bevormundung. Sie muss unsere besonderen Bedürfnisse wahrnehmen. Sorgt mit dafür, dass das LFT ein gutes Beispiel dafür gibt, wie eine tolerante, bunte Welt aussehen kann: Seid neugierig aufeinander, lasst Euch ein auf das Unbekannte, nehmt Rücksicht und seid bereit zu helfen und mit anzupacken, redet und lacht miteinander, seid BUNT!

Gesa Teichert

Demobeitrag 2005 Berlin von Jule Blum und Elke Heinicke, Lesbenring e.V.

Liebe Lesben,

willkommen in der Gegenwart.

Zwar ist gerade Frühling und LFT in Berlin, aber im Großen und Ganzen ist es nicht wirklich gemütlich im Lande, in Europa, in der Welt. Sozialabbau und Hartz IV, Dominanzkultur, Globalisierung, Kriege als sogenannte politische Mittel sind nur einige der Übel, die das Leben einer jeden von uns beeinflussen. Diskriminierung von Lesben ist immer noch an der Tagesordnung, in vielen Teilen der Welt werden Lesben verfolgt, bedroht, ermordet, ohne dass Lesbisch-Sein als Asylgrund bei uns anerkannt wäre. Im Amerika des Mr Bush wird die Homoehe verteufelt und in Jerusalem erhebt sich eine unheilige Allianz gegen den World-Pride. Die Reichen der Welt werden so krass wie selten zuvor auf Kosten der Armen und Ärmsten immer reicher. So schaffte es zum Beispiel die hochgejubelte deutsche Steuerreform ausgerechnet Alleinerziehende, zu denen ja auch viele Lesben gehören, deutlich schlechter zu stellen. Migrantinnen, alte Frauen und Menschen mit Behinderungen gehören zu den absoluten Verliererinnen.
Es gibt kein Geld für Migrantinnenarbeit, denn die will ja sowieso keiner hier haben und wenn, sollen sie sich gefälligst der Mainstreamkultur unterordnen. Alte Frauen sollen unsichtbar sein, weder durch Bedürftigkeit noch gar Forderungen der Gesellschaft zur Last fallen.

Frauen verlieren in Zeiten wie diesen schneller ihre Arbeitsplätze, denn sie sollen sich ohnehin lieber ihrer gottgegebenen Aufgabe widmen, nämlich der Reproduktion der Männer und der Produktion von Kindern. Das FrauenLesbenprojekte-Sterben grassiert im Land, aber das macht nichts, denn es merkt kaum eine, weil jede mit der Sicherung des Persönlichen beschäftigt ist. In solch widrigen Zeiten ist es nicht leicht, die eigenen Themen im Auge zu behalten.

Zweifellos ist es notwendig, gegen Ungerechtigkeiten und die soziale Eiszeit zu protestieren und sich dagegen zu wehren. Doch es ist ebenso nach wie vor wichtig, dass wir als Lesben sichtbar werden und bleiben! Es gibt immer noch wenig wirkliche gesellschaftliche Unterstützung fürs Coming-out, für die Anerkennung lesbischer Lebensweisen. Die LAG NRW hat gerade die Ergebnisse einer Umfrage unter Lesben veröffentlicht. Wenn dabei ein Drittel der Befragten das Wort „Lesbe“ ablehnen, zeigt das deutlich, wie groß der gesellschaftliche Druck auch im 21. Jahrhundert immer noch ist. Sie können mit der Bezeichnung „Lesbe“ für sich nicht gut leben, ich kann es nicht mit der vorgeschlagenen Alternative, sich z.B. „Schnittchen“ zu nennen. Schnittchenpolitik wird nicht dazu führen, dass wir ernst genommen werden. Schnittchenbeauftragte lässt eher an eine Fachfrau für Catering-Service denken. Und zu sagen, wir treffen uns nächstes Jahr in Leipzig zum Schnittchenfrühlingstreffen, ist einfach nur peinlich. Dabei haben wir doch Vieles, auf das wir stolz sein können.

Mittlerweile hat jede eine Menge Lesbenbücher im Regal stehen. Und daneben stapeln sich die Zeitschriften und CDs. L-MAG hat es sogar in die Auslage der Bahnhofskioske geschafft. Lespress bleibt Lespress, auch nach dem letzten April. Lesbenfilmfestivals boomen und der ein oder andere Film flimmert sogar auf Mainstream-Kinoleinwänden. Ob es uns gefällt oder nicht: Die Werbung beginnt zaghaft, auch Lesben als Zielgruppe zu entdecken.

Wohnprojekte für ältere Lesben entstehen oder werden allerorts geplant. Die Lesbenvernetzung ist schon ziemlich weit fortgeschritten.

Der Lesbenring ist im Deutschen Frauenrat vertreten.

CSD, EURO- und World-Pride. GayGames und Lesbensportgruppen in fast jeder vorstellbaren Sportart. Tanzschulen und Frauenbälle. Die Homoehe light wird zur Homoehe mittelschwer nachgebessert. Aufklärungsprojekte in Schulen. Die BahnCard gibt es immer noch auch für Lesbenpaare. Selbst adoptieren dürfen wir. Wenigstens ein bisschen. Und seit mehr als 30 Jahren gibt es das LFT als den höchsten lesbischen Feiertag, der dieses Jahr mal wieder am Ort seines Entstehens begangen wird. Soviel zur Gegenwart.

LFT 2005 Berlin Demo
 LFT 2005 Berlin Demo
LFT 2005 Berlin Demo

Doch bevor wir zum Ende kommen, möchten wir euch noch ein Stück mit in die Zukunft nehmen: Das LFT 2006 wird in Leipzig Lesben aus Ost und West zusammenführen, um lesbisches Allerlei zu feiern.

2010 ist das Adoptionsrecht Mittelpunkt der Diskussionen. Endlich wird das Elternpaar-Modell abgelöst und auch mehr als zwei Personen, unabhängig von welchem Geschlecht, können Verantwortung für ein Kind übernehmen.
2012 geht es um generationsübergreifende Wohnprojekte. Das Wohnwabenmodell wird von der Mehrheit nicht nur der lesbischen Bevölkerung favorisiert.
2015 sind die wichtigsten Themen Transgender, Minderheitenschutz und SM. Das Mittelplenum vertagt die Entscheidungen und stimmt über die berühmten drei Pünktchen ab.
2019 hat das LFT Teilnehmerinnen aus über 150 Ländern.
2022 sind die deutschen Fußballfrauen wieder Weltmeisterinnen geworden und outen sich komplett auf dem Eröffnungsplenum des LFTs.
2035 wird das LFT von der Alterspräsidentin des Bundestages, Carolina Brauckmann, eröffnet. 2042 sind die wichtigsten Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum vertagt die Entscheidungen und stimmt mal wieder über die berühmten drei Pünktchen ab.
2051 Lesbische Literatur wird der diesjährige Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse sein. Aus diesem Anlass sind die stolzen Frankfurter Lesben auch Gastgeberinnen des LFTs.
2060 wird die Ehe als Institution abgeschafft, die Mittel aus dem Ehegattensplitting fließen in einen Fond für individuelle Grundsicherung für jede und jeden, die hier leben.
2077 sind die wichtigsten Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum hat endgültig genug von den drei Pünktchen.
2084 wird Lesbisch-Sein als Asylgrund gestrichen, da nachweislich keine Schwester mehr durch Verfolgung oder Diskriminierung bedroht ist.
2085 gibt es eine Feierstunde mit Bundeskanzlerin und Präsidentin auf dem LFT. Das Antidiskriminierungsgesetz wird ersatzlos gestrichen, da es sich selbst durch eine konsequente Antidiskriminierungspolitik überflüssig gemacht hat.
2090 sind die wichtigsten LFT-Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum besinnt sich auf das Vertagen von Entscheidungen
2095 würdigt das LFT die historische Rolle des Feminismus, die er auf dem Weg zu einer genderfreien Politik hatte.
2096 ist SM immer noch ein heiß diskutiertes LFT-Thema. Das Mittelplenum löst sich erschöpft auf.
3000: Lesbisch-Sein als politische Kategorie hat sich endgültig überlebt. Das LFT ist ein Fest lesbischer Kultur, Lust und Sinnlichkeit in all ihrer Vielfalt.