The L-word.

Willkommen in unserer Welt

Da ist es nun, das Buch zur Serie.
Und mittlerweile läuft sie auch hierzulande im Fernsehen. Nun gehöre ich zwar zu der seltenen Spezies, die aus Prinzip kein Fernsehgerät besitzt, doch vom Hörensagen weiß ich, dass weder Sendezeit noch die häufigen Werbeunterbrechungen das Lesbenherz erfreuen, aber geguckt wird trotzdem. Ich bin sozusagen in einer privilegierten Stellung:

 

Habe schon vor Wochen beide Staffeln gesehen und mich nun mit dem Buch, dass zudem reichlich mit großformatigen Szenenfotos ausgestattet ist, in die Details vertiefen können. Weniger privilegiert ist wohl die Rolle der Rezensentin in diesem Fall, denn es tun sich gleich mehrere Probleme auf: Wenn ich jetzt über das Buch schreibe, kann ich es unmöglich tun, ohne etwas über die Serie an sich zu sagen. Wenn ich die Serie verreiße, mache ich mich wohl ebenso unbeliebt wie beim Gegenteil, denn die Lesbenwelt hat sich längst geteilt. Während die einen L-Word leidenschaftlich lieben und der Serie bereits Kultstatus verliehen haben, lassen die anderen mit der gleichen Leidenschaftlichkeit kein gutes Haar daran. Und zu allem Übel kann ich beides nachvollziehen. Schön, dass es endlich eine Serie mit lesbischen Hauptfiguren, so quasi direkt aus der L-Welt gibt.
Wunderbar, dass die Heldinnen offen leben, selbstbewusst und klug sind. Es wurde Zeit, dass Themen wie Coming out, Angst vor Diskriminierung, Traumatisierung durch Missbrauchserfahrungen oder Transgender aufgegriffen werden. Furchtbar, dass die Lesben alle so perfekt und glatt aussehen. Wenn das keine Klischees bedient!

Und dann noch nicht einmal meine Lieblingsklischees, wie eine Lesbe auszusehen hat.
Och… Und unglaublich erfolgreich sind sie alle miteinander. Falls eine doch „nur“ Friseurin geworden ist, dann wird sie aber mindestens Promistylistin. Wie im wahren Leben. Warum wohl gehen so viele Lesben so hart mit der Serie ins Gericht?
Warum wohl amüsieren sich Freundinnen köstlich bei „Sex and the City“, finden aber L-Word indiskutabel?

Vermutlich weil Lesben an Lesbendarstellungen einen höheren Maßstab anlegen.
Da ist Schluss mit lustig, schließlich nehmen wir uns selbst ernst.
L-Word soll so sein, dass eine jede sich wiedererkennen kann, dass kann lesbe ja wohl verlangen, oder?

Oder wenigstens soll es eine geben, in die lesbe sich verlieben kann, damit das Warten auf die nächste Folge sich lohnt.

Vermutlich wird die Mehrheit der Zuschauerinnen von Shane träumen, was aber tue ich, da meine Favouritin, die Zivilrechtsanwältin Joyce Wischnia, nur allzu selten über den Bildschirm flimmert und dann auch noch als ausgemachte Bösewichtin dargestellt wird? Oje… Nun, auch die Bucheinleitung von Ilene Chaiken thematisiert diese Komplexität: Lesbisch soll es sein und fernsehtauglich dazu. Manchmal lässt sich das wohl nur über einen Kompromiss erreichen.

 

Ein Abriss jeder Episode und ihrer Highlights, der Musik und ein Bezug des Vorspanns zur Folge, eine Vorstellung der Crew vor, hinter und neben der Kamera machen das Buch zu einer wahren Fundgrube mit Material zu den ersten beiden Staffeln.

Es gibt viele Gründe, das Buch zur Serie zu kaufen – um mitreden zu können, um die beim ersten Betrachten entgangenen Subtexten aufzuspüren, um sich an den gelungenen Fotos zu erfreuen, um die Lieblingsheldin anzuschmachten, um ein Stück lesbischer Fernsehgeschichte zu archivieren, um Hintergründe nachzulesen oder unglaubliche Details zu erfahren. Ich jedenfalls weiß jetzt sogar, dass die Sonnenbrillen von Prada stammen, wann Dana ihr Coming out vor ihrem Kater Mr Piddles hatte und dass die Hauptdarstellerinnen Haarverlängerungen tragen, aber kaum eine Körper- Make-up braucht. Und war denn einer schon während der Staffel aufgefallen, dass Shanes Bett aus unbehandelten Spanplatten Eigenbau ist? Na also.

Ein ganz besonderes Bonbon?

Der Ausblick auf Staffel drei.
Dann wird nämlich… Oh nein, ich werde mich hüten, etwas auszuplaudern.
Und da es mir mit diesen Zeilen ganz gewiss gelungen ist, Widerspruch bei so ziemlich jeder Leserin zu wecken, bin ich gespannt auf die Leserinnenbriefe. Der Platz für Meinungen, Proteste, Liebeserklärungen u.ä. ist schon im nächsten INFO reserviert.

The L-word. Willkommen in unserer Welt. Querverlag. Berlin. 2006

gelesen von Elke Heinicke.

Eine lesbische Sicht:

Feminismus und Gender

Wir wollen nicht heiraten.

Wir sind keine Führungskräfte, die in der einen oder anderen Weise vom Diversity Management profitieren.
Wir gehören nicht zur angeblich ausgesprochen konsumfreudigen lesbischen Zielgruppe.
Wir ähneln nicht im Entferntesten den auf Mainstream gefönten Telelesben der Vorabendsoaps.

Wir sind Politlesben, Sprecherinnen des Lesbenrings, des größten Dachverbandes für Lesben, Lesbengruppen und -organisationen. Wir sind zur Zeit arbeitslos bzw. freiberuflich tätig, ost- bzw. westsozialisiert, Mutter und Co-Mutter einer 13- und einer 22-jährigen Tochter.

 

Wir sind Radikalfeministinnen, die immer noch patriarchal nennen, was ihnen so vorkommt, denen ihr „Blick für Frauen“ unverändert wichtig ist – Dinosaurierinnen eben.
Das alles prägt auch unsere Sicht auf Feminismus und Gender. Eine umfassende Auseinandersetzung damit würde Bücher füllen, deshalb wollen wir im Folgenden lediglich versuchen, eine Gleichung aus den Variablen Lesben, Feminismus und Gender aufzustellen, die garantiert mehr als nur eine Lösungsmöglichkeit hat.


Für Lesbe gibt es viele, teilweise auch widersprüchliche Definitionen, wie: eine, die mit Frauen ins Bett geht, eine die Frauen liebt, … nach unserer provozieren wollenden Sichtweise können Lesbe auch alle die genannt werden, die frauenbezogen leben, Frauen reproduzieren und ernst nehmen, unabhängig davon, mit welcher oder wem sie ins Bett gehen. Heute wird immer wieder betont, dass das Motto „Feminismus ist die Theorie, Lesbischsein die Praxis“ nur auf einem Übersetzungsfehler beruhe, richtig müsse es heißen: „Lesbischsein ist eine Praxis“. Bleibt aber in der Quintessenz nicht trotzdem die Verbindung der Lesben zum Feminismus? Lesben sind per se Frauen zugeneigt, ergo in gewissem Sinne wohl feministisch. Ob die anderen Feministinnen nun alle lesbisch sein/werden müssen, kann uns hier ziemlich egal sein und ist in unserer Gleichung ohnehin vernachlässigbar.

Warum also bezeichnen sich viele Lesben nicht als Feministin? Oder behaupten Altfeministinnen heute gar, lieber Emanze als Feministin zu sein?

 

Feminismus ist einer dieser Begriffe, über den alle sich ein Urteil bilden und dieses äußern, ohne dass eine annähernde Verständigung über den Begriffsinhalt stattgefunden hätte. Feminismus wird abgelehnt, weil er nur die weiße, privilegierte, christlich sozialisierte, gesunde,… Mittelschichtfrau im Blick habe und andere ausgrenze.

Feminismus wird abgelehnt, weil er die Bündnismöglichkeiten einschränke und nicht lobbyfähig sei. Feminismus wird abgelehnt, weil Lesben sich sowieso für die besseren Frauen halten. Feminismus wird abgelehnt, weil er biologistisch die Zweigeschlechtlichkeit festschreibe.

Und so weiter.
Feminismus ist allerdings nach unserem Verständnis ein recht nützliches Werkzeug, um sich in Alltag, Politik, Weltgeschehen etc. zu orientieren. Es schärft zu jeder Frage den Blick auf Ungereimtheiten, lässt fragen, welche Rolle Frauen dabei spielen und welche Auswirkungen die Entwicklung auf sie haben wird. Und zwar von A wie Abbau von Sozialleistungen über G wie Globalisierung bis Z wie Zuwanderungsgesetz.

Feminismus ist mitnichten biologistisch. Im Gegenteil unterscheidet er nach Sex, Gender und Begehren. Sex meint das „biologische Geschlecht“, von dem durchaus auch Feministinnen wissen, dass es nicht immer eindeutig und in gewissen Grenzen veränderbar ist, wobei Zwangszweigeschlechtlichkeit ebenso abzulehnen ist wie Zwangsheterosexualität und Zwangsmonogamie. Das Begehren kann sich auf alle Geschlechter richten und wird ebenfalls nirgends per Vertrag für die Ewigkeit festgeschrieben. Wäre Begehren alleiniger „Bündnisfaktor“, hätten Lesben und Heteromänner sowie Heterafrauen und Schwule die meisten gemeinsamen Interessen. Dass das nicht so ist, liegt in der Kategorie Gender begründet. Mit Gender ist das soziale Geschlecht gemeint, die Geschlechterrollen, die von der Gesellschaft zugeschrieben werden. Lesben widersetzen sich (gewollt oder auch nicht) mehr oder weniger der ihnen zugedachten Frauenrolle, indem sie beispielsweise die Reproduktion von Männern verweigern oder der Mutter nicht in jedem Falle automatisch die von ihr angestrebte Großmutterposition garantieren. Sind in diesem Sinne nicht Lesben als die eigentlichen Transgender zu verstehen? Interessanterweise wird diesem Aspekt in der gegenwärtigen Transgenderdiskussion bisher kaum Beachtung geschenkt. Irgendwo scheint auch hier der feministische Blickwinkel auf der Strecke geblieben zu sein.

Was bedeutet vor diesem Hintergrund denn dann wörtlich genommen Gender Mainstreaming? Soziales Geschlecht endlich wieder auf seinen (respektive ihren, denn treffen tut’s ja die Frauen!) Platz zu verweisen, dem Mainstream anzupassen? Genauso wie die Queer-Bewegung die Lesben wieder verschwinden lässt, macht Gender Mainstreaming erneut die Frauen unsichtbar. Weder das eine noch das andere beschert den Frauen z.B. gleiche Einkünfte oder gleiche Beiträge zur Lebensversicherung, gleiche Karrierechancen oder verhindert sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Es wird nur nicht mehr darüber gesprochen. Vielleicht mitgedacht. Wenn wir Glück haben…

Feminismus ist nicht ausgrenzend, Feminismus ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Feminismus ist ein Beurteilungsstandpunkt, solange wir noch nicht in der besten aller Welten leben. Im neuen Selbstverständnispapier des Lesbenrings heißt es dazu: „Wir wünschen uns eine Welt frei von Diskriminierungen aller Art, in der es nicht mehr wichtig ist, ob Eine lesbisch oder hetero, Frau oder Mann, trans-, bi- oder autosexuell, nicht-weiß oder weiß, andersfähig oder nicht … ist, dass heißt, eine Gesellschaft, die gewalt- und hierarchiefrei ist, in der es keine Privilegien und deshalb auch keine Unterprivilegierten gibt. Lesbisch sein wäre in solch einer Welt nicht länger politische Kategorie, sondern Ausdruck einer Art des Begehrens. … Davon können wir träumen, aber bis dahin ist es noch sehr weit. Solange wir uns auf diesem Weg befinden, bleibt der Feminismus bestimmend für unsere Politik!“

Jule Blum und Elke Heinicke

Muss eine Lesbe Feministin sein?

[ Ein kritischer Beitrag ]

Vor einigen Jahrzehnten hieß es, dass Feminismus die Theorie, Lesbischsein jedoch die hehre Praxis sei. Was ist aus diesem Glaubenssatz geworden? Sowohl damals als auch heute hat er die Gemüter weit mehr erregt als die Verständigung darüber, was Feminismus denn nun eigentlich bedeutet.

An einem milden Frühlingstag sitzen eine Handvoll Lesben bei einem Glas Milchkaffee in einem Straßencafé und kommen im Laufe des dahin plätschernden Gesprächs auf die eingangs gestellte Frage.

„So ein Blödsinn“, „Nein, warum denn?“, „Gähn!“, „Keine Ahnung“, „Wäre schon schön!“,… die Reaktionen sind teilweise vehement und fast so zahlreich wie die versammelten Lesben. Die profeministische Fraktion meldet sich nur zaghaft, gerät sie doch nur allzu leicht in den Ruf, bestenfalls verstaubt bis altmodisch zu sein.
Unter einer Feministin verstehen viele immer noch (oder schon wieder?): die Männerhasserin; das ewig jammernde Opfer; die nörgelnde Krittlerin; die diskriminiernde Ausgrenzerin, die den Blick für die gesellschaftlichen Realitäten verloren hat … Oder eine, die bereits zum zehnten Mal in der letzten Viertelstunde einen Satz wegen der unzulässigen Verwendung männlicher Sprachformen unterbrochen hat.

Diesen Gefahren trotzig ins Auge sehend melde ich mich mutig zu Wort: Dass es offensichtlich nötig sei, Feminismus mal wieder für uns selbst positiv zu definieren. Ob Feminismus nicht eigentlich bedeute, frauenbezogen zu leben, sich für die Selbstbestimmung von Frauen einzusetzen.

Feminismus ist für mich die Klüngelei, das Knüpfen von Frauennetzwerken genauso wie die spontane Hilfe beim Umzug der Freundin von der Freundin. Und Feminismus ist für mich auch das Werkzeug, mit dem ich gesellschaftliche Entwicklungen analysieren und bewerten kann: es verhilft zu manch interessanter Einsicht, stets zu fragen, welche Rolle Frauen in einer Situation spielen, welche Auswirkungen die Ergebnisse einer Entwicklung für Frauen haben werden. Haben Frauen diese Art von Feminismus nicht durchaus nötig, solange sie selbst in unserem Teil der Welt zwar gleichberechtigt, aber mitnichten gleichgestellt sind? Solange sowohl lesbische als auch heterosexuelle Frauen Gewalt und Diskriminierung, ökonomische Ungleichheit und Ungleichbehandlung gegenüber Männern sowie die Reduzierung auf sexuelle Verfügbarkeit und Gebärfähigkeit erleben?

Vorsichtig-nachdenkliche Zustimmung in der Runde. Ja, aber was hat das denn speziell mit Lesben zu tun? Nun, vielleicht wirklich nicht viel. Denn ist es im postmodernen Zeitalter nicht im Grunde egal, mit wem oder welcher eine ins Bett geht, solange sie da, wo sie frei wählen kann, ihre Energie für Frauen einsetzt? Und sollten wir sie dann nicht im eigentlichen Sinne Lesbe beziehungsweise Feministin nennen…?

Elke Heinicke: geboren 1961, ostsozialisiert, Studium der Russistik/Anglistik,
Promotion in Slawistik, Mutter einer dreizehnjährigen Tochter,
Mitarbeit in Frauenprojekten und Aufbau eines Mädchenprojekts,
Pressesprecherin und Beiratsfrau des Lesbenrings

Zum Selbstverständnispapier

Das zum Kongress 2002 vorgestellte neue Selbstverständnispapier ist Ergebnis eines dreijährigen Diskussionsprozesses, an dem zahlreiche Mitfrauen in der einen oder anderen Form beteiligt waren.

20 Jahre Lesbenring sind 20 Jahre Geschichte, in denen sich auch die gesellschaftliche Realität von Lesben immer wieder verändert hat. Diese Veränderungen spiegelten sich in den vielen Gesprächen und Auseinandersetzungen und damit natürlich auch in unseren Positionen wieder.

Der Lesbenring ist insbesondere in den letzten zwei Jahren verstärkt in die politische Gremienarbeit eingestiegen, wie z.B. als Mitfrau im Deutschen Frauenrat oder beratend beim Bundesjustizministerium. Diese Arbeit ist uns wichtig, da sie lesbisch-feministischen Interessen eine größere Öffentlichkeit schafft. Andererseits sind unsere Forderungen auch im zwanzigsten Jahr des Bestehens radikal und unbequem, da feministisch. Und schon allein aus diesem Grund wird der Lesbenring auch in Zukunft eher eine „Randerscheinung“ in der „großen“ Politik bleiben, was wir allerdings lieber in Kauf nehmen, als ein „Anpassen“ unserer Forderungen und Positionen.

Wir behalten uns auch in Zukunft vor, selbst zu bestimmen, was wir als politisch definieren. Wir wollen beides: Sichtbarmachen von feministischen Lesben im öffentlichen und politischen Leben und die inhaltliche Arbeit an den von uns selbst gewählten Themen, lustvolles Streiten und Denken, auch wenn das heißen kann, der „großen“ Politik manchmal einen Korb zu geben.

Auf der politischen Bühne mitspielen zu wollen, bedeutet, Spielregeln zu akzeptieren, die wir eigentlich abschaffen wollten und wollen, was natürlich immer wieder zu Diskussionen und inneren Auseinandersetzungen auch im LR führt. Wie kann ein Verein hierarchiefrei arbeiten und gleichzeitig in einer hierarchisch organisierten politischen Welt erfolgreich agieren? Wir werden auch weiterhin unsere Politik abseits vom mainstream machen, was zwar anstrengender und unspektakulärer und mit Sicherheit weniger gefällig, aber durchaus befriedigend ist.

Wir lassen uns nicht ausschließlich daran messen, wie oft wir es auf die Seiten der Tageszeitungen schaffen oder wie sehr die Parteien uns wahrnehmen. In erster Linie sind wir ein Lesbendachverband für Lesben. Wir nehmen uns das Recht, unsere Werte selbst zu bestimmen und damit ein Stück Lesbenkultur zu schaffen.

 

Der Lesbenring arbeitet seit seinem Bestehen autonom, d.h., ohne staatliche Gelder, aber auch ohne Abhängigkeiten und Kontrolle. Das ist gut und lässt uns „eigensinnig“ arbeiten, begrenzt unsere zeitlichen und finanziellen Ressourcen aber entscheidend. Ein Kompromiss ist für uns die Beantragung von Projektförderungen, jedoch scheint lesbisch-feministische Politik nicht zuschussfähig zu sein, wie uns die Ablehnung aller Finanzanträge für den Kongress gezeigt hat.

Besonders intensiv und kontrovers wurde der Entwurf unserer Utopien diskutiert. Es war offensichtlich schwierig für in der heutigen Gesellschaft sozialisierte Lesben, konsequent alles Beschränkende beiseite zu schieben. Um den Boden für Ausgrenzung jeglicher Art zu beseitigen, müssen jedoch die Grenzen selbst fallen. So kann z.B. kein Antidiskriminierungsgesetz allein die Diskriminierung beseitigen, sondern der Begriff des Andersseins muss aufgelöst werden. Ohne die Kategorie des Andersseins gibt es kein Gefühl des Soseins, was sich für viele Lesben als eher bedrohlicher Gedanke erwies, denn Sosein ist Lesbischsein ist Identität und Heimat, wurde lange entbehrt, hart erkämpft und wird – oft auch gedanklich – nur ungern aufgegeben. Es ist sicher konsequent, dass der LR sich mit der Erfüllung aller Forderungen ebenso wie das Lesbischsein als politische Kategorie überflüssig machen wird, jedoch befinden wir uns zur Zeit erst an einem Punkt, an dem gerade ein Minimum an Emanzipation durchgesetzt ist und wir mit Recht stolz auf die ersten Schritte beim Aufbau einer Lesbenkultur sind.

Die Frage, wie Lesbischsein als politische Kategorie überflüssig werden kann, lesbische Kultur aber als Kontinuum erhalten bleibt, bietet sicher genügend Stoff für weitere Diskussionen.

Elke Heinicke

Das Antidiskriminierungsgesetz

Was lange währt, wird (manchmal) gut?

Gewalt gegen Lesben hat viele Formen

Ein gutes Stück länger als von der EU vorgesehen hat der Gesetzbildungsprozess in der Bundesrepublik Deutschland dieses Mal gedauert: Das Antidiskriminierungsgesetz.

Während der langen Diskussionen blieb reichlich Zeit, sich an den sperrigen Namen gewöhnen zu können. Dies allerdings umsonst, denn am 29.6.2006 wurde es als Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz mit deutlicher Mehrheit vom Bundestag beschlossen. Am 1.8.2006 trat es in Kraft.

Das Antidiskriminierungsgesetz weiterlesen