Ein Kurzbericht vom LFT 2006 in Leipzig

Liebe Lesben,
wie jedes Jahr berichte ich euch auch diesmal über meine persönlichen Eindrücke vom Lesbenfrühlingstreffen (LFT). Dieses Jahr ging es – nach Rostock 2001 – zum zweiten Mal in die ehemalige DDR. Und, um euch nicht bis zum Ende des Beitrags zappeln zu lassen: es wird demnächst wieder ein LFT „im Osten“ geben, nämlich 2008 in Dresden!

Das LFT 2007 wird (nach 2004) wieder in Mittelhessen stattfinden und für 2009 haben sich Frankfurterinnen bereit erklärt, das LFT nach 20 Jahren wieder in ihre Stadt zu holen. Näheres aber am Ende des Berichtes und nun schön der Reihe nach:

Zum Auftakt des LFT gab es am Freitagabend unter anderem eine kleine Grillfete im Hinterhof des Frauenhotels Clara und wir Aktiven vom Lesbenring haben uns nach dem Essen dort zusammengesetzt zur Lagebesprechung.

Dem Leipziger Orgateam hatten wir die Gestaltung des Eröffnungsplenums versprochen und so begrüßten wir die angereisten Lesben am Samstagvormittag in der Sportuni mit herzigen Bonbons und moderierten das Eröffnungsplenum. Die Orgas bekamen Namensherzen und „Überlebenspakete“, nein -beutel, mit Dingen, die eine Orga unbedingt so braucht… Die Stimmung war ausgezeichnet, das LFT konnte beginnen!

Eröffnungsplenum LFT Leipzig 2006  Eröffnungsplenum LFT Leipzig 2006

Eröffnungsplenum

Leider war es in Leipzig nicht möglich gewesen, alles an einem Veranstaltungsort stattfinden zu lassen und so begann eine Pendelei zwischen der Sportuni, wo es große Räume gab für die Plenen und Abendveranstaltungen und dem Seminargebäude in der Innenstadt, in dem die Workshops stattfanden, die Info-, Verkaufs- und einige Essensstände aufgebaut waren, es eine kleine Kunstausstellung gab – und die, wie immer außerordentlich gut besuchte SAFIA-Oase. Das alles auf mehrere Stockwerke verteilt, das Riesenrad des ebenfalls an Pfingsten in Leipzig stattfindenden Stadtfestes direkt vor den Fenstern und viele viele Menschen unterwegs, unter anderem ca. 20.000 TeilnehmerInnen eines europaweiten Gothictreffens, die mit ihren fantasievollen Kostümen auffielen.

Die Info- und Verkaufsstände befanden sich alle in klassenzimmerartigen Räumen, einen großen „Markt“ hätte ich schöner gefunden.

LR-Stand LR-Stand

Das soll aber keine Kritik an den Orgas sein, die alles getan haben, für uns das schönstmögliche LFT zu organisieren. Mein besonderes Lob gilt übrigens dem Programmheft, das sehr schön und übersichtlich gestaltet ist! Auch die obligatorischen LFT-Becher sind dieses Jahr besonders schön und zur Abwechslung aus Glas…

Aber zurück zum Samstag…

Nach dem Eröffnungsplenum gab es bereits die ersten Workshops und Veranstaltungen von „Lesben und lesbisches Image in der russischen Popkultur“ bis zur „Mitfrauenversammlung des Lesbenfrühling e.V.“ über „Lesben in TV-Serien“, „Lesbisch flirten“, die Vorstellung der „SAPPHO-Stiftung“ und die Lesung „Ulrike Janz: Verwandlungen – Lesben und die Wechseljahre“ (um nur einige zu nennen).

Um 14 Uhr startete die LFT-Demo, die unter dem Motto „Lesben machen Leipzig bunt“ mitten durch die Leipziger Innenstadt führte. Wie ihr sehen könnt, gab es durchaus Überschneidungen bei der Teilnahme am Gothictreffen und dem LFT!

Die beiden Lesben rechts auf dem Foto [Foto folgt] waren total happy, das eine mit dem andern verbinden zu können. Es wurde aber auch Kritik laut nach der Demo: die mitgeführten Schilder, z.B. „Ich bin eine Krankenschwester“ waren für die Passanten nicht aussagekräftig, weil aus keinem Transparent hervorging, dass es sich um Lesben handelt. Schade eigentlich…

DEMOBEITRAG 2006 VON ELKE HEINICKE, LESBENRING E.V.

Demobeitrag der Orgas Leipzig 2006

Nach der Demo gab es Workshops wie „Buddhismus im Lesbenalltag“, „Und plötzlich in Familie“ oder „Pele, die hawai’ische Feuergöttin und ihre Schwestern“.

Mich zog es zur Podiumsdiskussion „Lesbenlesewelten. Versuch einer Kartographie“. Allerdings hatte ich nicht mitbekommen, dass diese im 4. Stock des Nebengebäudes stattfand und nicht im 4. Stock des Seminargebäudes und die Beschreibung „…hinten raus, über den Hof und dann musst du mal sehen, welche Tür offen ist“ half auch nur bedingt weiter. Zwar fand ich schließlich eine offene Tür – kam aber viel zu spät und kann euch deshalb nur fragmentarisch berichten.

Eine Frau sagte, dass für sie ein Lesbenroman ein gutes Ende nehmen muss, Bücher wie „Quell der Einsamkeit“ mit dem tragischen Ende könne heute keine mehr verstehen. Dann ging es darum, was die Frauen im Coming out gelesen haben. Bei den älteren Lesben die eine Hälfte „Häutungen“, die andere Hälfte „Rubinroter Dschungel“. Andere hatten in dieser Phase gar keine Zeit zum Lesen… Die Frage, „Was macht ein Buch zum Lesbenbuch“ konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Die lesbische Autorin? Der lesben-relevante Inhalt? Und was ist mit Büchern, die zwischen den Zeilen gelesen werden wollen, z.B. wenn Annemarie Schwarzenbach eine männliche Hauptfigur beschreibt, aber eigentlich eine Frau meint. Und was passiert, wenn die lesbische Autorin sich irgendwann entscheidet, ein Mann zu sein, wie z.B. Pat Califia, die heute „Patrick“ ist.

Auch die Frage, wie viel Sex bzw. Erotik ein Lesbenbuch braucht, um sich gut zu verkaufen, blieb in der Geschmacksachenschleife hängen. Auf die Frage, woher Lesben Informationen über neue Bücher bekommen können, wurde auf das Internet hingewiesen (Connys Lesben-seiten), aufs LESBENRING-INFO mit den vielen Rezensionen, auf die „Virgina“, die es immer noch gibt und auf den Newsletter der Lesben im Bibliothekswesen (LIBS).

Später ging’s wieder zur Sportuni zum Abendprogramm. Dort stand am Samstag Cocolores auf dem Programm (Musik + Kabarett), die absolut nicht mein Humorzent- rum traf, Cocolores eben… Das anschließende Konzert – irisch-schottischer Pop-Folk mit Lorraine Jordan und Jill Hunter – entschädigte aufs Feinste und war ein schöner Abschluss für einen anstrengenden Tag! Im Parallelprogramm in der anderen Halle gab es Musik von „Yu’n Zu“ und „Caro“.

Am Sonntagmorgen hätte ich gerne am Workshop „Lesben in der neuen Beginenbewegung“ teilgenommen – aber welche schafft es, am Sonntag schon um 9.30 Uhr irgendwo zu sein? Ich leider nicht… Außerdem verpennte ich das Mittelplenum, die Vorstellung des Projektes „FLUSS e.V., Freiburgs lesbisches und schwules Schulprojekt“, den Workshop „Do it yourself – Was Lesben übers schwanger werden wissen wollen“ und vieles andere mehr.

Aber ich schaffte es um 12 Uhr zur Podiumsdiskussion (ja, ich geb’s zu, ich habe eine Schwäche für Podiumsdiskussionen…) „Das LFT der Zukunft?“ Hier wurde unter anderem angeregt, das LFT wieder mehr zu einem „Mitmach-LFT“ zu entwickeln und wieder mehr in die Auseinandersetzung untereinander zu kommen. Die Aussage „das Ehrenamt stärken“ kollidierte mit „Wertschätzung funktioniert häufig über Bezahlung“, beklatscht wurde dagegen „Wir brauchen eine bessere PR – also Werbung – für’s LFT“. Außerdem wurde angeregt, die LFT’s künftig zu dokumentieren, was in den Workshops gemacht werde usw. Gleiche Bezahlung für alle Referentinnen wurde angeregt… Es kam heraus, dass das LFT bei Junglesben den Ruf einer recht „angestaubten“ Veranstaltung hat, die von „Esoterik-Lesben“ beherrscht werde, es aber gerade wichtig sei, die jungen Lesben auf das LFT zu bekommen. Zwecks der Zukunft… Der Wunsch wurde geäußert, dass das LFT künftig jeweils ein Schwerpunktthema herausstellt. Auf die Frage „Wo geht die Lesbenkultur hin?“ und den Konflikt zwischen jungen und älteren Lesben wurde festgestellt, dass es bei jungen Lesben gerade wohl hip sei, heterosexueller auszusehen als die Heteras und das eine eher Geld für eine L-Word-DVD ausgibt als zur Unterstützung eines Lesbenprojekts. Über die Frage: soll das LFT größer oder kleiner werden bestand Uneinigkeit. Auf der einen Seite steht das Bedürfnis nach mehr Professionalität, auf der anderen das nach mehr Nähe untereinander, nach größerem Austausch. Einig waren sich aber die meisten darüber, dass das LFT eine einmalige, für viele wichtige Veranstaltung ist, die es zu erhalten gilt.
Die Diskussion muss auf den kommenden LFTs weitergeführt werden!

Nach dieser aufreibenden Veranstaltung suchte ich etwas Ruhe bei der Kunstausstellung und schaute mir die Ölbilder von Doro Sattler, die Radierungen von Maud Tutsche und die Wanderausstellung Lesben-Lebensweisen in der DDR der 80er Jahre an. Zur Podiumsdiskussion zeitgleiche Work-shops, die ich verpasst habe: „Gibt es so etwas wie ‚Lesbische Kunst‘?“, „Spirituelle lesbische Lebensgemeinschaften auf dem Land“ u.a. Begeistert berichtete eine Freundin über den Film „Porträt der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler“ der Regisseurin Heide Blum, der in der Rosa Linde gezeigt wurde. Näheres unter ww.heideblum.de.

Am späten Nachmittag gab es neben dem „Tanztee in der SAFIA-Oase“, dem „Erzählcafé Lesben in Ost und West“, den Workshops „Mösenmassage (aktive Teilnahme erwünscht)“, „10 Jahre Vernetzung von Lesbengruppen in NRW“, „Lesbisch mit der BRAVO?“ und anderen wieder eine Podiumsdiskussion. Thema: „Dialog der Generationen: Transgender versus Feminismus“.

Bevor das Abendprogramm losging, brauchte frau unbedingt eine Stärkung – und schon komme ich auf das leidige Thema „Essen beim LFT“ zu sprechen. Das Essen war auch diesmal ein Reizthema… Die Nudelpfanne, die es gab, stellte sich als die (für mich) falsche heraus – aber probieren musste ich sie trotzdem, und verpasste dabei das von allen gelobte Kicher(erbsen)-Curry… Ansonsten gab es tagsüber Würstchen und belegte Fladenbrote. Ich vermisste Gemüse und Salate… Aber nun zum „Kessel Buntes“, dem Sonntagabendprogramm, mit viel Witz und Frische moderiert von Kordula Völker. Eröffnet wurde das Programm von der jungen Conny Schediwie, die heitere bis nachdenkliche Lieder zur Gitarre sang. Cordula Völker dazu: „Wie sieht die Zukunft des LFT aus? Ihr habt gerade eine gesehen!“

Weiter ging es mit dem Vorlesen von selbstgeschriebenen Texten, die im Schreibworkshop von Kathrin Schultz beim LFT entstanden waren. Hier begeisterte vor allem eine junge Autorin mit 3 Texten, von denen nur einer wahr war und den es zu erraten galt.

Den 3. Programmpunkt bestritten die Teilnehmerinnen des Workshops „Bodypercussion“, angeleitet von Elke Saller („Flex á Ton“) mit dem Titel „Obstsalat“, einer sehr lustigen Performance. Danach trat Kordula Völker im Duett mit Conny Schediwie auf mit dem Titel „Wann wird’s mal endlich wieder homo…“.

Den 5. Programmpunkt bildeten Uta Keppler und Gitta Schürck mit ihren – im wahrsten Sinne! – zauberhaften musikalischen Clownereien. Danach versetzte ein Schlangenweib alle in Erstaunen – wie frau sich soo verbiegen kann! Der einzige Schwachpunkt im Programm war Liane Stein (Comedy aus Magdeburg). Den Abschluss eines außerordentlich unterhaltsamen und gelungenen Abends bildete der Chor aus Lorraine Jordans Gesangsworkshop. Eine tolle Idee, die Ergebnisse der Workshops ins Abendprogramm mit einzubeziehen und jungen Künstlerinnen ein Forum zu geben! Im Parallelprogramm gab es ein Konzert mit der Gruppe „Boundless Fever“. Nicht zu vergessen die Disco an beiden Abenden nach den Veranstaltungen.

Und nun zur eigentlich traurigsten Veranstaltung eines jeden LFT wegen der Abschiednehmerei, die aber trotzdem eine meiner Lieblingsveranstaltungen ist: das Abschlussplenum am Montagvormittag. Katrin Suder moderierte das Plenum mit so viel Herz, Witz und Spontanität, dass um mich herum alle einer Meinung waren: Thomas Gottschalk und Günter Jauch können einpacken! Nach langem, begeistertem Applaus für die Orgas gab es Lob und Kritik von der Wandzeitung und aus dem Publikum. Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Gelassenheit der Orgas beim LFT selbst wurden gelobt und natürlich die viele Arbeit im Vorfeld und während des LFTs. Das Programmheft und die Tassen gefielen nicht nur mir, eine Extraturnhalle für Schnarcherinnen wurde angeregt, eine politischere Demo gefordert, die Pausen zwischen den Veranstaltungen als zu kurz bemängelt. Einige Frauen wünschten sich die Disco früher und es wurde angeregt, ob nicht ein Abendprogramm genügen würde. Dem Lesbenring und dem Lesbenfrühlingsverein wurde für die kontinuierliche Arbeit im Backoff gedankt. Die Frage nach der Anzahl der Teilnehmerinnen beantwortete Katrin diplomatisch mit „auf jeden Fall mehrere Hundert“, sie konnten es noch nicht genau sagen.

Dann die Frage: wo findet das LFT 2007 statt?
Ein Krimi hätte nicht spannender sein können, Katrin wartete lange, ob sich nicht doch noch eine Stadt für 2007 melden würde – was trotz allerlei Gerüchten nicht geschah – bis sie dem Publikum eröffnete, dass sich für diesen Fall die Mittelhessinnen entschlossen hätten, das LFT nach 2004 noch einmal auszurichten. Begeistert und erleichtert darüber dass es auch nächstes Jahr wieder ein LFT gibt, kamen viele Lesben aus dieser Region auf die Bühne .

Danach ging es wie von selbst: junge Lesben aus Dresden wollen das LFT 2008 in ihre Stadt holen und Lesben aus Frankfurt am Main werden das LFT 2009 ausrichten – 20 Jahre nach dem LFT in Frankfurt 1989!

Das LFT hat eine Zukunft, über deren Gestalten es sich lohnt nachzudenken…

Text: Petra Wittchen

Demobeitrag 2006 LFT Leipzig von Elke Heinike, Lesbenring e.V.

Ich bin froh, diese Demo im Namen der Leipziger Orgas und des Lesbenrings eröffnen zu dürfen.
Wir alle wissen, dass es noch längst nicht überall selbstverständlich ist, dass Lesben für ihre Rechte auf die Straße gehen können. Unsere Solidarität gilt in diesem Jahr vor allem den Lesben und auch den Schwulen in Polen und Russland.

Ich bin froh, dass unsere Regierung endlich Zeichen gesetzt hat für die Umsetzung der europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien. Was lange währt wird manchmal gut: Das geplante Gleichstellungsgesetz soll jetzt auch Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung, Alter oder Behinderung untersagen. Ein Zeichen wurde gesetzt. Ich bin ganz besonders froh, hier in Leipzig zu sein. Und da spricht die Ex-Leipzigerin aus mir.

Als ich klein war, gehörten für mich Messemännchen zu Leipzig, wie Herr Fuchs zu Frau Elster. Pittiplatsch hatte sein Schnatterinchen. Was eine Lesbe ist, hatte mir niemand erklärt. Als ich etwas größer wurde, gingen unsere Wandertage in den Leipziger Zoo. Unsere Klassenlehrerin Fräulein Schmidt wohnte mit der Sportlehrerin zusammen. Ich kannte keine Lesben. Als ich noch größer war, jubelte ich bei Länderspielen im Zentralstadion und war verliebt in Maike aus der Zehnten. Maike hat mit 18 geheiratet.

Als ich an der Karl-Marx-Universtät studierte, las ich von der Eröffnung der Rosa Linde, einem Treff für Lesben und Schwule unter Schirmherrschaft der FDJ. Meine Freundin wollte trotzdem nicht mitgehen. Und dann kam die Wende. Lesben wurden endlich sichtbar, saßen an Runden Tischen und durchtanzten Nächte. Ich trug meine Tochter auf der Hüfte und das autonome Mütterzentrum und die Lesbengruppe Lila Pause teilten einen Flur, ihre neu angelegten Bibliotheken und die Diskussionslust.

Als die Stadt begann, mit dem Slogan „Leipzig kommt!“ zu werben, konterten die Leipziger Lesben mit „Lesben kommen öfter!“.
Recht hatten sie. Leipzig hat sich zu einer Stadt mit einer bunten Lesbenszene gemausert.
Jährlich im Herbst finden hier regionale Lesbentreffen statt. Und jetzt hat Leipzig zum Lesbenfrühlingstreffen geladen.

Lesben machen Leipzig bunt. Schön, dass ihr alle gekommen seid!!!

 

 

Demobeitrag der Orgas Leipzig 2006

Wir als Orga-Team des Leipziger LFTs wollten es uns nicht nehmen lassen, auf dieser Demo zu sprechen. Mir ist es eine Ehre heute hier zu stehen und ich freue mich, euch alle hier, in der Stadt, in der ich seit 4 Jahren lebe zu sehen.

1995 kam das LFT auch in die Stadt, in der ich damals lebte, nach Freiburg im Breisgau – und machte Lesben und lesbisches Leben in der Stadt sichtbar und öffentlich. Mich zieht es zum LFT, aber ich hätte nie gewagt, mir eine Eintrittskarte zu kaufen – als Lesbe. Ich habe mich als Helferin angeboten: habe mit aufgebaut, Brötchen geschmiert, Schutz gemacht , abgebaut – und war von Freitag Abend bis Montag Nachmittag auf dem Gelände. Und glücklich.

Ob dieser Vielfalt von Lesben, diesen Unterschieden im Aussehen, in den Themen und Interessen. Und ich wusste, wenn die alle dazugehören, dann ist für mich da auch ein Platz. Das war der Beginn meines Coming – Outs und ein viertel Jahr später war ich „zum anderen Ufer gewechselt“.

Seit dem ersten LFT vor über 30 Jahren hat sich viel verändert. Zumindest in den Städten müssen sich Lesben nicht mehr verstecken, es gibt Zentren und Orte, an denen wir uns treffen, Kulturveranstaltungen und Filme, Beratungsstellen und Coming-out Gruppen. Wir haben ein Lebenspartnerschaftsgesetz und auch in die daily-soaps haben es lesbische Paare geschafft. Also alles Paletti?!

Noch nicht ganz:

* Noch immer halten viele Lesben ihre Lebensweise in Beruf und Kollegenkreis geheim. Was ist mit der Grundschullehrerin, der Beraterin bei der Diakonie, der Politikerin im Bundestag oder der Schauspielerin, die um ihre Karriere fürchten?
* Im ländlichen Raum ist es immer noch schwer als Lesbe zu leben, weil es keine Akzeptanz lesbischen Lebens gibt.
* Noch immer erleben Mädchen und Jungen in ihren Schulbüchern ausschließlich heterosexuelle Familien, lesbisches Leben, auch nicht in Form von Tanten oder Freundinnen kommt nicht vor.
* Das Lebenspartnerschaftsgesetz ermöglicht uns eine Heirat zweiter Klasse, mit vielen Pflichten und wenigen Rechten – ganz besonders wenn es um finanzielle Vorteile geht.
* Wenn wir den Blick zu unseren europäischen Nachbarinnen wenden, wird es schnell existenzieller. Die polnischen Lesben kämpfen um ihre Existenzberechtigung, ihre Treffpunkte und öffentlichen Paraden werden verboten und mit massivem Polizeiaufgebot zerschlagen.
* Und wenn wir in die Welt blicken gibt es noch genügend Länder, in denen Lesben verfolgt, mit Gefängnis, Folter oder dem Tod bestraft werden – und Deutschland erkennt die Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung immer noch nicht als Asylgrund an.

Also noch längst nicht alles in Butter. Wir wünschen uns und fordern, lesbisches Leben und lesbische Lebensweisen als eine Form menschlicher Beziehungsgestaltung anzuerkennen.

Wir fordern
* die gleichen Rechte für Lesben, die Kinder groß ziehen, wie für heterosexuelle Paare
* lesbische Lebensformen gleichberechtigt in Schulbüchern und Filmen, so dass jedes Mädchen früh darum weiß, auch mit Frauen leben zu können
* die Anerkennung der sexuellen Orientierung als Asylgrund
* Öffentlichkeitsarbeit für die Akzeptanz lesbischen Lebens
* die öffentliche Förderung von Lesbenprojekten und deren Bestandssicherung

Wir haben mit dem LFT in Leipzig ein Stück Öffentlichkeit geschaffen und wir wollen das nach dem LFT weitertun. Die Stadt Leipzig hat vor zwei Jahren die Image-Kampagne „Leipziger Freiheit“ gestartet. Plakate mit unterschiedlichsten Motiven zeigen die Vielfalt und Möglichkeiten freier Entwicklung in dieser Stadt.

Künstler, Unternehmer, Wissenschaftler, Sportler werben für Leipzig. Mir fiel kein Plakat mit einer Frau ein, möglicherweise gibt es aber eins, das würde ich nicht beschwören. Aber es gibt ganz sicher kein Plakat, das zeigt, dass diese Stadt Lesben willkommen heißt, das den Anteil von lesbischen Frauen an der Lebendigkeit und Freiheit der Stadt zum Thema macht. Wir wünschen uns, dass in zwei Jahren solche Plakate in der Stadt hängen: mit einer lesbischen Familie, mit einer geouteten einflussreichen Persönlichkeit der Stadt oder einer lesbischen Unternehmerin.

Wir hoffen, dass die Stadtverwaltung positiv auf unsere Anfrage reagiert und der Slogan „Leipziger Freiheit“ auch für uns Lesben gilt.

Karis Schneider für das Leipziger Orgateam

„Lesben machen Leipzig bunt“

Und Buntheit funktioniert nur zusammen mit Toleranz und zusammen mit der Wertschätzung des Anderen und des Andersartigen. So wie wir als Lesben durch unser Anderssein Leipzig und die Welt bunter machen, so herrscht auch unter uns Frauen, die Frauen lieben eine große Vielfalt, die sehr viel bunter ist als das Klischee „Lesbe“ vermuten lässt.

Lesben tragen Boots oder Stöckelschuhe, sie lieben ihr Singlesein oder genießen ihre Familie, sie sind Handwerkerinnen, Künstlerinnen, Lehrerinnen, Verkäuferinnen oder Professorinnen – leider sind auch sie manchmal arbeitslos. Lesben sind groß oder klein, schlank oder üppig, sie haben blonde oder rote Haare. Lesben sind so vielfältig wie alle anderen Menschen eben auch. Daher braucht es eine große Offenheit; Offenheit und Toleranz der Gesellschaft für unseren Weg zu lieben und zu leben, aber genauso braucht es auch Offenheit und Toleranz unter uns.

Denn Lesben sind auch blind oder sie hinken, sie fahren Rolli oder sprechen Gebärdensprache, sie haben Körper, die aufgrund von Behinderung, Krankheit oder Unfall nicht dem Ideal entsprechen oder sie haben psychische Probleme.

Für all diese Lesben stehe ich hier, für Krüppellesben und Andersfähige, für Lesben mit Behinderung oder handicaped Lesben. In vielen Jahren haben wir uns oft mühsam unseren Platz auf dem Lesbenfrühling erkämpft, denn wir sind ein Teil des lesbischen Lebens und wollen als solche willkommen sein. So wie wir als Lesben unseren Platz in der Gesellschaft einfordern, so fordern auch wir unseren Platz!

Wir brauchen rollstuhlgerechte Räume, mehr Menschen, die die Gebärdensprache sprechen, bessere Beschriftung in Brailleschrift für blinde Menschen und noch vieles mehr. Aber vor allem brauchen wir eure Bereitschaft dafür einzutreten, dass uns immer weniger Barrieren behindern, denn: behindert ist man nicht – behindert wird man! Damit der Lesbenfrühling, damit Leipzig und damit die Welt ein Ort für alle ist, brauchen Offenheit und Toleranz auch Rücksichtnahme.

Diese Rücksichtnahme darf kein falsches Mitleid sein, keine Bevormundung. Sie muss unsere besonderen Bedürfnisse wahrnehmen. Sorgt mit dafür, dass das LFT ein gutes Beispiel dafür gibt, wie eine tolerante, bunte Welt aussehen kann: Seid neugierig aufeinander, lasst Euch ein auf das Unbekannte, nehmt Rücksicht und seid bereit zu helfen und mit anzupacken, redet und lacht miteinander, seid BUNT!

Gesa Teichert

Demobeitrag 2005 Berlin von Jule Blum und Elke Heinicke, Lesbenring e.V.

Liebe Lesben,

willkommen in der Gegenwart.

Zwar ist gerade Frühling und LFT in Berlin, aber im Großen und Ganzen ist es nicht wirklich gemütlich im Lande, in Europa, in der Welt. Sozialabbau und Hartz IV, Dominanzkultur, Globalisierung, Kriege als sogenannte politische Mittel sind nur einige der Übel, die das Leben einer jeden von uns beeinflussen. Diskriminierung von Lesben ist immer noch an der Tagesordnung, in vielen Teilen der Welt werden Lesben verfolgt, bedroht, ermordet, ohne dass Lesbisch-Sein als Asylgrund bei uns anerkannt wäre. Im Amerika des Mr Bush wird die Homoehe verteufelt und in Jerusalem erhebt sich eine unheilige Allianz gegen den World-Pride. Die Reichen der Welt werden so krass wie selten zuvor auf Kosten der Armen und Ärmsten immer reicher. So schaffte es zum Beispiel die hochgejubelte deutsche Steuerreform ausgerechnet Alleinerziehende, zu denen ja auch viele Lesben gehören, deutlich schlechter zu stellen. Migrantinnen, alte Frauen und Menschen mit Behinderungen gehören zu den absoluten Verliererinnen.
Es gibt kein Geld für Migrantinnenarbeit, denn die will ja sowieso keiner hier haben und wenn, sollen sie sich gefälligst der Mainstreamkultur unterordnen. Alte Frauen sollen unsichtbar sein, weder durch Bedürftigkeit noch gar Forderungen der Gesellschaft zur Last fallen.

Frauen verlieren in Zeiten wie diesen schneller ihre Arbeitsplätze, denn sie sollen sich ohnehin lieber ihrer gottgegebenen Aufgabe widmen, nämlich der Reproduktion der Männer und der Produktion von Kindern. Das FrauenLesbenprojekte-Sterben grassiert im Land, aber das macht nichts, denn es merkt kaum eine, weil jede mit der Sicherung des Persönlichen beschäftigt ist. In solch widrigen Zeiten ist es nicht leicht, die eigenen Themen im Auge zu behalten.

Zweifellos ist es notwendig, gegen Ungerechtigkeiten und die soziale Eiszeit zu protestieren und sich dagegen zu wehren. Doch es ist ebenso nach wie vor wichtig, dass wir als Lesben sichtbar werden und bleiben! Es gibt immer noch wenig wirkliche gesellschaftliche Unterstützung fürs Coming-out, für die Anerkennung lesbischer Lebensweisen. Die LAG NRW hat gerade die Ergebnisse einer Umfrage unter Lesben veröffentlicht. Wenn dabei ein Drittel der Befragten das Wort „Lesbe“ ablehnen, zeigt das deutlich, wie groß der gesellschaftliche Druck auch im 21. Jahrhundert immer noch ist. Sie können mit der Bezeichnung „Lesbe“ für sich nicht gut leben, ich kann es nicht mit der vorgeschlagenen Alternative, sich z.B. „Schnittchen“ zu nennen. Schnittchenpolitik wird nicht dazu führen, dass wir ernst genommen werden. Schnittchenbeauftragte lässt eher an eine Fachfrau für Catering-Service denken. Und zu sagen, wir treffen uns nächstes Jahr in Leipzig zum Schnittchenfrühlingstreffen, ist einfach nur peinlich. Dabei haben wir doch Vieles, auf das wir stolz sein können.

Mittlerweile hat jede eine Menge Lesbenbücher im Regal stehen. Und daneben stapeln sich die Zeitschriften und CDs. L-MAG hat es sogar in die Auslage der Bahnhofskioske geschafft. Lespress bleibt Lespress, auch nach dem letzten April. Lesbenfilmfestivals boomen und der ein oder andere Film flimmert sogar auf Mainstream-Kinoleinwänden. Ob es uns gefällt oder nicht: Die Werbung beginnt zaghaft, auch Lesben als Zielgruppe zu entdecken.

Wohnprojekte für ältere Lesben entstehen oder werden allerorts geplant. Die Lesbenvernetzung ist schon ziemlich weit fortgeschritten.

Der Lesbenring ist im Deutschen Frauenrat vertreten.

CSD, EURO- und World-Pride. GayGames und Lesbensportgruppen in fast jeder vorstellbaren Sportart. Tanzschulen und Frauenbälle. Die Homoehe light wird zur Homoehe mittelschwer nachgebessert. Aufklärungsprojekte in Schulen. Die BahnCard gibt es immer noch auch für Lesbenpaare. Selbst adoptieren dürfen wir. Wenigstens ein bisschen. Und seit mehr als 30 Jahren gibt es das LFT als den höchsten lesbischen Feiertag, der dieses Jahr mal wieder am Ort seines Entstehens begangen wird. Soviel zur Gegenwart.

LFT 2005 Berlin Demo
 LFT 2005 Berlin Demo
LFT 2005 Berlin Demo

Doch bevor wir zum Ende kommen, möchten wir euch noch ein Stück mit in die Zukunft nehmen: Das LFT 2006 wird in Leipzig Lesben aus Ost und West zusammenführen, um lesbisches Allerlei zu feiern.

2010 ist das Adoptionsrecht Mittelpunkt der Diskussionen. Endlich wird das Elternpaar-Modell abgelöst und auch mehr als zwei Personen, unabhängig von welchem Geschlecht, können Verantwortung für ein Kind übernehmen.
2012 geht es um generationsübergreifende Wohnprojekte. Das Wohnwabenmodell wird von der Mehrheit nicht nur der lesbischen Bevölkerung favorisiert.
2015 sind die wichtigsten Themen Transgender, Minderheitenschutz und SM. Das Mittelplenum vertagt die Entscheidungen und stimmt über die berühmten drei Pünktchen ab.
2019 hat das LFT Teilnehmerinnen aus über 150 Ländern.
2022 sind die deutschen Fußballfrauen wieder Weltmeisterinnen geworden und outen sich komplett auf dem Eröffnungsplenum des LFTs.
2035 wird das LFT von der Alterspräsidentin des Bundestages, Carolina Brauckmann, eröffnet. 2042 sind die wichtigsten Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum vertagt die Entscheidungen und stimmt mal wieder über die berühmten drei Pünktchen ab.
2051 Lesbische Literatur wird der diesjährige Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse sein. Aus diesem Anlass sind die stolzen Frankfurter Lesben auch Gastgeberinnen des LFTs.
2060 wird die Ehe als Institution abgeschafft, die Mittel aus dem Ehegattensplitting fließen in einen Fond für individuelle Grundsicherung für jede und jeden, die hier leben.
2077 sind die wichtigsten Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum hat endgültig genug von den drei Pünktchen.
2084 wird Lesbisch-Sein als Asylgrund gestrichen, da nachweislich keine Schwester mehr durch Verfolgung oder Diskriminierung bedroht ist.
2085 gibt es eine Feierstunde mit Bundeskanzlerin und Präsidentin auf dem LFT. Das Antidiskriminierungsgesetz wird ersatzlos gestrichen, da es sich selbst durch eine konsequente Antidiskriminierungspolitik überflüssig gemacht hat.
2090 sind die wichtigsten LFT-Themen Transgender und SM. Das Mittelplenum besinnt sich auf das Vertagen von Entscheidungen
2095 würdigt das LFT die historische Rolle des Feminismus, die er auf dem Weg zu einer genderfreien Politik hatte.
2096 ist SM immer noch ein heiß diskutiertes LFT-Thema. Das Mittelplenum löst sich erschöpft auf.
3000: Lesbisch-Sein als politische Kategorie hat sich endgültig überlebt. Das LFT ist ein Fest lesbischer Kultur, Lust und Sinnlichkeit in all ihrer Vielfalt.