Perihan Mağden: Zwei Mädchen. Istanbul-Story

Der Roman über die enge Freundschaft zwischen zwei Teenagern ist in der Türkei ein Kultbuch. Erzählt wird von 19 Tagen, die das Leben der beiden auf den Kopf stellen und das ihrer Familien immerhin erschüttern. Die kluge, rebellische Behiye fühlt sich einsam, unverstanden, hasst den Macho- Bruder Tuvan aus tiefsten Herzen. Sie hat eine Zulassung zur renommierten Bosporus-Universität in der Tasche und will nur eins: weg aus der Enge der elterlichen Wohnung, weg von Bevormundung. Behiye ist UNGLÜCKLICH, mit jeder Faser ihres Körpers. Aber da hat sie plötzlich eine Vision, das Gefühl, gerettet zu werden.

Und sie trifft Handan, die schöne Handan, das Katzenbabymädchen, dessen Mutter Leman nie erwachsen werden will. Leman bemisst ihren eigenen Wert an der Zuneigung, die ihr Männer entgegen bringen, sie kann nicht mit Geld umgehen und sorgt kaum für ihre Tochter, die sie liebt wie ein schönes Spielzeug. Handan und Behiye verlieben sich auf der Stelle ineinander, Behiye umsorgt und bekocht ihre Handan, will sie beide vorm Böseblickland beschützen. Handan dankt es ihr mit unzähligen feuchten Babyküssen. Behiye beginnt zu hungern, um durchs Nadelöhr der Glückseeligkeit zu passen. Wenn sie nur alles richtig macht, dann spannt sich eine gelbe Glücksregenhaut über sie. Behiye kann nicht mehr ohne Handan sein, sie lebt vom Handan-Duft. Auch Handan kann, ohne von Behiye umsorgt zu sein, nicht mehr leben. Allerdings kann sie auch ohne die Aufmerksamkeit der reichen Jungs nicht leben. Sie verabredet sich, schläft mit einem Verehrer. Dass Behiye diesen Lebensentwurf ablehnt, kann sie nicht verstehen, Behiye dagegen versteht nicht, warum ihre Liebe für Handan nicht genug ist. Aus dem Traum, zusammen in Australien ein neues Leben zu beginnen, wird nichts. Allerdings ist am Ende Handan nach Australien abgereist und Behiye muss in den Schoß ihrer Familie zurückkehren. Ein trauriges Buch, das aber auch Mut macht, denn am Ende bleibt die Gewissheit, dass Behiye wieder aus diesem Leben ausbrechen wird. Ich hätte es ihr um einiges leichter gewünscht, damit sie viel öfter so wunderschöne Sachen wie Ich fühle mich wie ein Zwieback, den man in heiße Milch getunkt hat. Ich bin schon ganz aufgeweicht vor Glück… sagen kann. Eine zarte Geschichte, erzählt von einer scharfsinnigen Behiye, der die scharfen Ecken und Kanten einer brutalen Welt, in der es Frauen nicht immer gut geht, nicht verborgen bleiben und die den Mut hat, die Dinge beim Namen zu nennen. Starke Sprache und eine Autorin, die wir uns unbedingt merken sollten.

Perihan Mağden. Zwei Mädchen. Istanbul-Story. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a. M., 2008

gelesen von Elke Heinicke