Muss eine Lesbe Feministin sein?

[ Ein kritischer Beitrag ]

Vor einigen Jahrzehnten hieß es, dass Feminismus die Theorie, Lesbischsein jedoch die hehre Praxis sei. Was ist aus diesem Glaubenssatz geworden? Sowohl damals als auch heute hat er die Gemüter weit mehr erregt als die Verständigung darüber, was Feminismus denn nun eigentlich bedeutet.

An einem milden Frühlingstag sitzen eine Handvoll Lesben bei einem Glas Milchkaffee in einem Straßencafé und kommen im Laufe des dahin plätschernden Gesprächs auf die eingangs gestellte Frage.

„So ein Blödsinn“, „Nein, warum denn?“, „Gähn!“, „Keine Ahnung“, „Wäre schon schön!“,… die Reaktionen sind teilweise vehement und fast so zahlreich wie die versammelten Lesben. Die profeministische Fraktion meldet sich nur zaghaft, gerät sie doch nur allzu leicht in den Ruf, bestenfalls verstaubt bis altmodisch zu sein.
Unter einer Feministin verstehen viele immer noch (oder schon wieder?): die Männerhasserin; das ewig jammernde Opfer; die nörgelnde Krittlerin; die diskriminiernde Ausgrenzerin, die den Blick für die gesellschaftlichen Realitäten verloren hat … Oder eine, die bereits zum zehnten Mal in der letzten Viertelstunde einen Satz wegen der unzulässigen Verwendung männlicher Sprachformen unterbrochen hat.

Diesen Gefahren trotzig ins Auge sehend melde ich mich mutig zu Wort: Dass es offensichtlich nötig sei, Feminismus mal wieder für uns selbst positiv zu definieren. Ob Feminismus nicht eigentlich bedeute, frauenbezogen zu leben, sich für die Selbstbestimmung von Frauen einzusetzen.

Feminismus ist für mich die Klüngelei, das Knüpfen von Frauennetzwerken genauso wie die spontane Hilfe beim Umzug der Freundin von der Freundin. Und Feminismus ist für mich auch das Werkzeug, mit dem ich gesellschaftliche Entwicklungen analysieren und bewerten kann: es verhilft zu manch interessanter Einsicht, stets zu fragen, welche Rolle Frauen in einer Situation spielen, welche Auswirkungen die Ergebnisse einer Entwicklung für Frauen haben werden. Haben Frauen diese Art von Feminismus nicht durchaus nötig, solange sie selbst in unserem Teil der Welt zwar gleichberechtigt, aber mitnichten gleichgestellt sind? Solange sowohl lesbische als auch heterosexuelle Frauen Gewalt und Diskriminierung, ökonomische Ungleichheit und Ungleichbehandlung gegenüber Männern sowie die Reduzierung auf sexuelle Verfügbarkeit und Gebärfähigkeit erleben?

Vorsichtig-nachdenkliche Zustimmung in der Runde. Ja, aber was hat das denn speziell mit Lesben zu tun? Nun, vielleicht wirklich nicht viel. Denn ist es im postmodernen Zeitalter nicht im Grunde egal, mit wem oder welcher eine ins Bett geht, solange sie da, wo sie frei wählen kann, ihre Energie für Frauen einsetzt? Und sollten wir sie dann nicht im eigentlichen Sinne Lesbe beziehungsweise Feministin nennen…?

Elke Heinicke: geboren 1961, ostsozialisiert, Studium der Russistik/Anglistik,
Promotion in Slawistik, Mutter einer dreizehnjährigen Tochter,
Mitarbeit in Frauenprojekten und Aufbau eines Mädchenprojekts,
Pressesprecherin und Beiratsfrau des Lesbenrings