Regina Beyer: Abendkleid und Filzstiefel. Die Jazzpianistin und Diseuse Peggy Stone.

Zahlreiche Biografien sind in den letzten Jahren erschienen, mehr oder weniger gelungene, spannende, die sich wie ein Roman lesen, und wissenschaftlich exakte, aber nur schwer lesbare. Regina Beyer aber ist ein Buch ganz besonderer Art gelungen: Sie proträtiert nicht nur eine Frau mit einem äußerst interessanten Lebensweg, sondern sie hat sich die Zeit genommen, die Porträtierte kennen zu lernen, ihre Freundin zu werden und ein durch und durch persönliches Porträt zu schaffen. 18 Kassetten hat sie bei Gesprächen mit Peggy Stone aufgezeichnet und somit werden große Passagen des Buches von Peggy selbst erzählt. Regina Beyer schreibt in einem eigenen journalistischen Stil wunderbar klar und lebendig. Ihre Recherche ist bestechend genau.

Und so kann die Leserin Peggy begleiten durch die  Kindheit in Berlin und Bialystok, die Flucht nach Moskau während des ersten Weltkriegs, die Angst vor Progromen, die Revolutionsereignisse des Jahres 1917 in Russland. In Berlin beginnt dann in den 20er Jahren Peggys Bühnenkarriere. 1933 flieht sie vor den Nazis nach Göteburg, später wird sie mit ihrer Partnerin zu einer Gastspielreise in die UdSSR eingeladen. Zu Beginn des 2.Weltkrieges bleibt sie erst in Bialystok, flieht dann wieder in die UdSSR, wo sie verhältnismäßig gute Bedingungen erhält, als Künstlerin geschätzt wird und während des Großen Vaterländischen Krieges vor Militärangehörigen in Sibirien und im Fernen Osten auftritt. Alle Entbehrungen übersteht sie und über Czernowitz und Tel Aviv führt ihr Lebensweg letztendlich nach New York. Peggy Stone wird über hundert Jahre alt. Sie erlebt mehr als ein Jahrhundert Geschichte mit, muss immer wieder Neuanfänge wagen und verliert doch nie ihre Stärke und ihren Drang nach Eigenständigkeit. Bis ganz zum Schluss bewahrt sie sich ihre Neugier und Offenheit für neue Menschen, die in ihr Leben treten. Mit Peggy Stones Biografie erzählt Regina Beyer ein Stück jüdische Geschichte. Sie tut es auf ihre ganz eigene Art in einem Kaleidoskop von Zitaten, Texten und literarischen Miniaturen – Drehbüchern für eine Verfilmung bestimmter Lebensabschnitte Peggys, die dann Jahre wie im Zeitraffer vor dem Auge der Leserin entstehen lassen und blitzlichtartig einzelne Szenen ausleuchten. Fotomaterial, Dokumente, Liedtexte runden die Erzählung ab.

Ein großartiges Buch! Geschichte, die Spaß macht, Neugier weckt und berührt. Selten kann eine Biografie all dies vereinen.

 

Regina Beyer: Abendkleid und Filzstiefel. AvivA Verlag. Berlin. 2010

 

gelesen von Elke Heinicke