Regina Nössler & Corinna Waffender: Liebe hoch drei.

Natürlich konnte ich mich noch gut erinnern an die Politikerin Stefanie, an ihre Lebensgefährtin Viola und die Barfrau mit der Panthertätowierung in Bisse und Küsse 4 (Querverlag 2006). Hirnfick hieß die Geschichte und gab Einblicke in die mehr oder weniger erotischen Fantasien der drei Frauen. Jetzt, ein Jahr später, erfährt die Leserin endlich die ganze Geschichte, denn aus dem Trio sind die Protagonistinnen für einen neuen Roman des Autorinnenpaars Nössler & Waffender geworden – oder vielleicht war es auch genau umgekehrt… was für das Lesevergnügen ja völlig irrelevant ist.

Die Figuren haben im Vergleich zur Kurzgeschichte an Konturen und Tiefe gewonnen, Details wurden verändert und doch war es irgendwie ein Wiedersehen mit alten Bekannten.

 

Dr. Stefanie Krause ist Bundstagsabgeordnete der Grünen. In die Politik ist sie eingestiegen, weil es mit einer Unikarriere nicht klappen wollte, doch mit harter Arbeit hat sie es geschafft und steht nun als Spitzenkandidatin im Wahlkampf. Werden die Grünen und mit ihnen Stefanie in die Regierung einziehen?
Viola lebt seit zehn Jahren mit Stefanie zusammen. Sie ist insgeheim Stefanies persönliche Beraterin und begleitet die Liebste durch Höhen und Tiefen des Wahlkampfs. Als gute Bürgerstochter hat sie sowohl Stil als auch den nötigen finanziellen Hintergrund dafür. Musisch begabt und fürsorglich. Sie ist Konzertpianistin ohne große Ambitionen, bügelt Stefanies Leinenanzüge und hat begonnen, in einem schicken Sportstudio zu trainieren.

Sie will sich nach der Wahl ein Wenig von Stefanie emanzipieren und hat sich als Leiterin einer Musikschule beworben. Doch ihre Bewebung ist abgelehnt worden.

Die Dritte im Bunde ist Petra. Petramaus, wie sie sich selbst in Erinnerung an Mutti nennt. Petra ist Kellnerin in einer alternativen Kneipe in Braunschweig, finanziell immer klamm, denn ihr Lebensstil mit Auto, Bierchen und Zocken ist nicht billig. Nun muss sie auch noch Miete zahlen bei Babsi, bei der sie Hals über Kopf eingezogen ist, nachdem Manu sie wegen einer Knutscherei mit ebendieser Babsi vor die Tür gesetzt hat. Petra hat es nie leicht gehabt und am liebsten wäre sie Truckerin. Aber seit sie die Panthertätowierung hat, fliegen die Frauen noch mehr auf sie.

Was könnte Dr. Stefanie Krause, Viola und Petramaus verbinden? Eine Menge Projektionen und der Wunsch nach Erfüllung geheimster Wünsche natürlich. Was Stefanie und Viola am Ende mit den bloßgelegten Abgründen menschlicher Leidenschaften tun werden, bleibt offen.
Petra jedenfalls bekommt alles, was sie wollte…  

Ein absolut großartiges Buch, das gerade in seinen Reduzierungen plastische Bilder entstehen lässt. Messerscharf beobachtet und nadelspitz formuliert. Virtuose Wechsel in der Sprache – von der bodenständig daher prollenden Petra über die realpolitisch nüchterne Stefanie zur vergeistigt idealistischen Viola und zurück.

Es gibt Bücher, die sind spannend aus ihrer Handlung heraus. Liebe hoch drei baut keine solche Spannung auf: Es ist letztendlich egal wie die Wahl ausgeht, ob sie es tun werden oder nicht, welche am Ende welche kriegt. Liebe hoch drei braucht keine solchen äußerlichen Spannungsmomente, weil alle Spannung aus den inneren Monologen erwächst und allein der syntaktisch-lexikalische Hochgenuss meinen Blutdruck in astronomische Höhen klettern lässt. Das Autorinnenpaar hat bewiesen, was die Kurzgeschichten schon ahnen ließen: Dass Eins plus Eins in diesem Fall weit mehr als Zwei macht. Bitte auch weiterhin im Tandem schreiben!

Liebe Leserinnen, dieses Buch um nichts in der Welt verpassen!

Regina Nössler & Corinna Waffender: Liebe hoch drei. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. Tübingen. 2007