Regina Nössler: Kleiner toter Vogel.

Regina Nössler - Kleiner toter VogelDas Cover verspricht hinter der herbstlich trostlosen und vom Zahn der Zeit bröseligen Hausfront einen Thriller. Alle Zutaten dafür sind vorhanden: die Protagonistin Johanna Fink hat Angst, sie wird bedroht und reihenweise pflastern Tote ihre Terrasse: Zuerst ein Buchfink, dann die Putzfrau der verstorbenen Tante, gefolgt von einer Spitzmaus und dem unsympathischen Nachbarn und Familienvater. Und just nach ihrem Telefonat stirbt die Kollegin ihrer Ex in Berlin eines unnatürlichen Todes. Gründe genug für blankes Entsetzen und Gänsehaut bei der Leserin.

Bis hierhin könnte es ein Thriller wie so viele andere sein. Wer allerdings die subtile und vielschichtige Schreibweise von Regina Nössler kennt, erwartet mehr – und wird nicht enttäuscht. Der Autorin gelingt es immer wieder aufs neue, die bedrückende Atmosphäre der Geschichte zu brechen, das Grauen mit einem dicken Fragezeichen zu vertreiben. Johanna Fink zweifelt immer wieder, dass all das Sterben mit ihr persönlich zu tun hat. Und einige Vorkommnisse stellen sich ja tatsächlich als harmlos und zufällig heraus. Schließlich ist es ja tatsächlich nicht Johannas Terrasse, die den Tod so magisch anzuziehen scheint, sondern die Terrasse des Hauses ihrer verstorbenen Tante. Johanna soll den Haushalt auflösen und das Anwesen in einem schwäbischen Dörfchen verkaufen. Etwas widerwillig und auch verunsichert reist sie von Berlin ab, denn mit ihrer Freundin Ines hat sie sich wieder einmal gestritten, vielleicht ist es auch endgültig aus, die Tante hat sie kaum gekannt und in ihrem Job als Lektorin hat sie schon monatelang keine Aufträge mehr.

Nebel  hüllt sie gleich an ihrem ersten Abend im Dorf ein, sie ist einsam, fürchtet sich und die Dorfbewohner scheinen die Fremde argwöhnisch zu beobachten. Regina Nössler gelingt es, die Leserin in diese Stimmung mitzunehmen. Aber immer wieder zweifelt Johanna, meint sie, dass es keinen Grund für ihre Angst gebe, sie sich alles einbilde und sich am Ende alles in Wohlgefallen auflösen werde. Und die Leserin glaubt ihr jedes Mal. Findet ihren eigenen Grusel etwas lächerlich – bis dann die nächste Leiche auf der Terrasse liegt.

Das Ende wirkt dann tatsächlich heiter –  Johanna scheint ihr Glück auf der schwäbischen Alb gefunden zu haben. Die Leserin lässt das beinahe vergessen, dass dieses Glück zwischen einer essgestörten mordenden Teenagerin,  einem aus Geldgier mordenden Verwandten, tierquälenden und mobbenden Jugendlichen und homophoben Dorfbewohnern stattfindet. Selbst Johannas Freundin Ines ist nicht unbescholten. Aber die so unheimlich erschienene Frau gibt Johanna einen Kuss und der Himmel scheint voller Geigen zu hängen.

Ein wundervolles Buch, das über 400 Seiten immer wieder den Spannungsbogen aufbaut und ihn meisterhaft mit einem Augenzwinkern genauso oft unterbricht. Gruseln und Schmunzeln liegen dicht beieinander, eine Dynamik, die nur einer wahrhaft virtuosen Autorin wie Regina Nösler gelingen kann.

Darüber hinaus ein auch in der Gestaltung herausragendes Buch, das auf keinem  Nachtisch fehlen sollte. (Schwäbische) Albträume von Zwiebelbraten und Blaukraut garantiert.

 

Regina Nössler: Kleiner toter Vogel. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. Tübingen. 2010

 

gelesen von Elke Heinicke