Sigrid Metz-Göckel, A. Senganata Münst, Dobrochna Kałwa: Migration als Ressource. Zur Pendelmigration polnischer Frauen in Privathaushalte der Bundesrepublik.

Die zweite Frauenbewegung forderte eine gerechtere Verteilung der Reproduktionsarbeit, Entlohnung für Haus- und Sorgearbeit und den Zugang von Frauen zur Erwerbsarbeit. Inzwischen hat sich die Erde weiter gedreht, ein Teil der Forderungen ist tatsächlich erfüllt worden, wenn auch nicht immer in der erhofften Form. Der Prozentsatz der erwerbstätigen Frauen ist in Deutschland wie in allen anderen Industrieländern gestiegen. Allerdings sind es in der Regel nicht die Männer, die nun einen größeren Beitrag zu Kindererziehung, Pflege und Haushalt beitragen, sondern es wird umverteilt auf bezahlte Hilfen – in aller Regel auf Frauen aus ökonomisch schwächeren Ländern. Im Extremfall entstehen ganze Pflegeketten: Ältere Töchter versorgen Geschwister und Haushalt in den ärmsten Ländern, während die Mutter einen ökonomisch besser gestellten Haushalt versorgt, in welchem wiederum die Mutter in einem anderen Land Sorgearbeit leistet, während… Selbst bei weniger ausgeprägten Ketten ist die Regel, dass Frauen die Lücke füllen, die durch den Wegfall von Reproduktionsarbeit der Migrantinnen im Heimatland entstehen.

Die Studie untersucht nun die Gründe und Auswirkungen von Pendelmigration polnischer Frauen. Besonders interessant sind die Ergebnisse, da die über einen längeren Zeitraum zwischen zwei Welten pendelnden Frauen sowohl in ihrem Umfeld in Deutschland, als auch in Polen befragt werden.

In Deutschland ist durch die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen, durch demografische Entwicklung sowie mangelhafte öffentliche Betreuungsangebote eine Dienstleistungslücke entstanden. Relativ gutes Einkommen sowie nicht gelingende partnerschaftliche Verteilung der Hausarbeit führen dazu, dass insbesondere unbequeme und wenig angesehene Arbeit an (Pendel)Migrantinnen umverteilt wird. Ca. 10% der deutschen Haushalte – darunter auch viele Rentnerhaushalte – nehmen derzeit bezahlte Dienstleistungen in Anspruch. Jedoch nur 1% der Beschäftigungsverhältnisse ist uneingeschränkt sozialversichert. 99% der Beschäftigten arbeitet in prekären Verhältnissen!

Diskutiert werden negative Folgen für die Pendlerinnen (Heimweh, schlechtes Gewissen wegen verlassener Kinder, Distanz zum polnischen Arbeitsmarkt), aber auch gesamtgesellschaftlich als Brain drain durch die Abwanderung hochqualifizierter Frauen. Desweiteren geht es um die vielfältigen Gründe von Migration (Sicherung des Lebensunterhalts, Ausbildungsfinanzierung für Kinder, Hausbau u.a.) sowie um Auswirkungen auf Genderrollen – von der Festigung tradierter Rollen bis hin zur Stärkung der Position durch einen Beitrag zum Familieneinkommen durch die pendelnden Frauen.

Eine brillante Studie rund um die Verteilung von Reproduktionsarbeit, die nebenher noch ein aktuelles Bild vom Leben in unserem östlichen Nachbarland zeichnet.

 

Sigrid Metz-Göckel, A. Senganata Münst, Dobrochna Kałwa: Migration als Ressource. Verlag Barbara Budrich. Opladen & Farmington Hills. 2010

 

gelesen von Elke Heinicke