Sigrun Casper: Chagall ist schuld. Ost-West-Geschichten.

Die DDR, den real existierenden Sozialismus hat es gegeben, ohne Zweifel.  EIN Bild von der DDR gibt es nicht, kann und wird es niemals geben. Die Umrisse des Bildes setzen sich zusammen aus den Geschichten und ganz individuellen Bildern, die eine jede mit sich trägt – egal, ob sie in der DDR gelebt hat, dort aufgewachsen ist, zu Verwandtenbesuchen gekommen ist. Jedes dieser Bilder wird ein wenig anders sein, jede Geschichte ist wahr und weicht doch von der nächsten ab. Sigrun Casper erzählt ganz besondere Geschichten, denn sie ist in der DDR aufgewachsen, erwachsen geworden. Dann, nach ihrer Flucht nach Westberlin,  erzählt sie die Geschichte aus einer Außensicht, die aber durch ihre eigene Biografie sehr subjektiv bleibt.

Zu lesen sind die Miniaturen, die manches Mal an Tagebucheinträge erinnern, mal mit einem Schmunzeln, mal mit Neugierde, mal machen sie traurig oder betroffen. Gleich zu Beginn besucht die kleine Sigrun Tante Tilde in Steglitz, wo es Apfelsinen gibt und das Kind mit Sarotti-Schokolade beschenkt wird.  Eine Schmunzelgeschichte in bester Ottokar-Doma-Manier. Die Zeit um den Mauerbau in der Ostberliner  Bücherstube wird in der Titelgeschichte lebendig und eine weitere Episode entführt in das legendäre Pressecafé und erzählt die Fluchtgeschichte der Autorin. Gedanken zu Werken von Ostkünstlern wurden festgehalten, darunter zu  Mattheuers Die Ausgezeichnete. Die Grenzkontrollen von West- nach Ostberlin, Reiseerinnerungen als Deutsche in Irland und den USA,  Gedanken zur Wende sind in den Sammelband eingegangen.

Die gelungenste Kurzgeschichte war für mich Trude (1988), die die Biografie einer um die Jahrhundertwende geborenen Frau erzählt.

 

Sigrun Casper. Chagall ist schuld. Ost-West-Geschichten. Konkursbuchverlag Claudia Gehrke. Tübingen. 2009

gelesen von Elke Heinicke