Sophie Behr: Reisen – Speisen – grausam sein

Ein Titel, hinter dem sich ein Band mit Kurzkrimis verbergen könnte. Aber die Fährte führt die potentielle Leserin in die Irre.
Es wird gereist. Eine Mutter reist mit ihren erwachsenen Zwillingen Uriel und Muriel nach Spanien. Das Reiseland wird im katholischen Ostertaumel und als leicht exotisch anmutender Hintergrund geschildert. Wirklich wichtig ist es nicht für die Erzählung. Die Reise gibt den Rahmen für das Erinnern und ein Teil der Erinnerungen der Mutter sind mit Spanien verknüpft.

Es wird gespeist. Mutter und Sohn speisen lustvoll, die Tochter ist magersüchtig und nur ganz am Ende fühlt sie sich nach den Geständnissen der Mutter so befreit, dass auch ihr Appetit erwacht.

 

Grausam sein. Welche der Personen ist grausam? Die Mutter offenbart ihren Kindern, dass sie vor ihrer Geburt mehrfach abgetrieben hat. Sie hat sich entschieden, diese  Schwangerschaften nicht auszutragen, weil sie in Bedrängnis war, Angst vor der Schande empfand. Allzu oft wurde sie in diesen Notlagen im Stich gelassen. Sie berichtet von fehlender Aufklärung, unmenschlichen Abtreibungsmethoden, Verrat aus einer Zeit vor der Pille. All diese Umstände sind grausam zu nennen. Was aber gibt den Kindern das Recht, Rechenschaft von ihrer Mutter einzufordern. Als ans Licht kommt, dass die Zeugung der geborenen Zwillinge  das Resultat einer brutalen Mehrfachvergewaltigung war, ist das vorherrschende Gefühl der Kinder nicht etwa Mitgefühl für die traumatisierte Mutter, sondern Zorn und Unverständnis. Insbesondere Uriel setzt alles daran, seinen Vater zu finden und auch die biologische Verwandtschaft zur Schwester kommt auf den Prüfstand. Diese Reaktion nenne ich wahrhaftig grausam.

Es geht in Behrs Erzählung um das Recht der Frau über ihren Körper zu bestimmen. Es geht um die Rolle der Frau, um Verhütung und Abtreibung und um die Bedeutung von biologischer Vaterschaft. Behr wirft Fragen auf, konfrontiert mit Zitaten, provoziert statt zu belehren. Vor nahezu einem halben Jahrhundert wäre dieses Buch revolutionär gewesen, es hätte die Welt geradezu aus den Angeln gehoben!

Sophie Behr. Reisen – Speisen – grausam sein. Ulrike Helmer Verlag. Königstein/Taunus. 2007