Stefanie Zesewitz: Der Duft von Seide.

Eine Frauenliebe im viktorianischen England. In einer Epoche von Anstand und Sittenstrenge blüht eine verbotene Liebschaft. – verspricht der Klappentext und Liebe, Lust, Leidenschaft, Erfüllung und Aufregung bietet der Erstlingsroman von Stefanie Zesewitz in der Tat reichlich. Was den Roman darüber hinaus auszeichnet, sind  die Protagonistinnen, ausgesprochen starke Frauenfiguren:

Da ist zu allererst  Camiel Le Blanc (Cam), eine ungewöhnliche junge Frau, die in den britischen Kolonien relativ frei aufgewachsen ist und nach dem Tod ihres Vaters ein mündiges Leben führen konnte. In Indien hatte sie für zwei Jahre selbstständig und mit großem Erfolg die Führung des  vom Vater geerbten Handelshauses inne. Traumatisiert wurde sie durch den Verlust ihrer indischen Geliebten Atisha, die als Sati beim Tod ihres Ehemanns mit dessen Leichnam verbrannt wurde, ohne dass Cam es verhindern konnte. Daraufhin verließ sie Indien und entschied sie sich für ein selbstbestimmtes Leben  auf dem europäischen Festland, lebte als Malerin in der französischen und italienischen Kunstszene.

Zu Beginn der Romanhandlung, 1848 kehrt sie nach London zurück. Der Etikette gehorchend begibt sie sich damit in den Schoß der Familie unter die Aufsicht von Onkel und Tante, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Camiel in die höhere Gesellschaft einzuführen. Der  Nichte fällt es allerdings schwer, den strengen Konventionen der Oberschicht zu genügen. Weder kennt sie die Regeln, noch ist sie bereit, ihre Eigenständigkeit kampflos aufzugeben.

Julia Norton dagegen ist eine junge Ehefrau, die  von einer ganzen Reihe Fehlgeburten gesundheitlich geschwächt ist und durch regelmäßige Laudanumverordnungen ihres Hausarztes ruhig gestellt bzw. in die Abhängigkeit getrieben wurde. Sie wirkt zu Anfang zerbrechlich, fürchtet sich, den Erwartungen ihres deutlich älteren Ehemannes Roderick, eines aufstrebenden Juristen, nie genügen zu können. Und doch beginnt sich  in ihr Widerspruchsgeist zu regen, ebenso wenig zu zähmen wie ihre widerspenstigen Locken.

Als Camiel Le Blanc sich in Julia Norton verliebt und diese Liebe auf das heftigste erwidert wird, muss sie sich wider Willen in Konventionen fügen und ist bereit, beim großen Versteckspiel mitzumachen, auch wenn ihr das oft widerstrebt.  Wesentlich virtueller spielt eine weitere Protagonistin mit den Erwartungen der Umwelt: Die schöne Virginia gilt gemeinhin als leuchtendes Vorbild einer jungen Frau. Sie macht eine glänzende Partie und schafft damit die perfekte Tarnung für ihre Liebesbeziehung zu Arrah, einer Hausangestellten. Virginia nimmt sich prinzipiell das, was sie will, hat Liebesbeziehungen zu Männern und Frauen. Sie wird mit der Zeit zu einer engen Vertrauten Camiels und unterstützt das Paar auch in einer Krisensituation.

Ein weiterer Handlungsstrang beschäftigt sich mit der Affäre Rodericks zu Isobel, einer reichen Witwe und seiner Klientin. Als diese schwanger wird, ist sie der Gunst ihres Liebhabers vollständig ausgeliefert, wird de facto zu dessen Gefangener.

Natürlich siegt am Ende die wahre Liebe, doch der Roman setzt sich durchaus kritisch mit der Stellung der Frau im viktorianischen Zeitalter oder  mit Witwenverbrennung in Indien auseinander. Gezeigt wird, wie gänzlich unmöglich es Frauen ganz unterschiedlicher Kulturen gemacht wird, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Gut recherchiert, mit Liebe zum geschichtlichen Detail wird sehr leichtfüßig eine Geschichte erzählt, in der die eine oder andere bei weitem nicht ganz so konventionell liebt, wie der Schein vermuten ließe.

Besonders reizvoll macht die Geschichte, dass die historischen Figuren der Brontё-Schwestern in die Handlung hineingeschrieben wurden.  So liest Julia mit großer Begeisterung den Roman The Tenant of Wildfell Hall und Camiel eröffnet ihr, wer hinter den Pseudonymen der Bellbrüder steht. Die Schriftstellerinnen sind Freundinnen von Camiel, ihre prekäre wirtschaftliche Lage wird Thematisiert. Ein äußerst gelungener Schachzug. Kompliment!

 

Querverlag, 1. März 2012, ISBN 978-3-89656-197-8, 14,90 Euro, 316 Seiten